Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Wurzen Wurzener Tauschbörse: Ringelnatzbilder für das Polymobil?
Region Wurzen Wurzener Tauschbörse: Ringelnatzbilder für das Polymobil?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:22 11.11.2017
Quelle: Haig Latchinian
Wurzen

Für Rares muss nicht immer Bares fließen. In Wurzen bahnt sich ein spektakuläres Tauschgeschäft an: Aus ihrer Privatsammlung bietet die ortsansässige Familie Hühn der Stadt mehrere Ringelnatz-Gemälde an, im Gegenzug würde sie das im Wurzener Museum ausgestellte Polymobil in ihren Besitz nehmen.

Der Oldtimer wurde 1907 von den Polyphon Musikwerken in Leipzig-Wahren gebaut. Der damalige Direktor der Arnimschen Werke in Altenbach, Richard Funke, fuhr mit dem Ur-Auto insgesamt 25 000 Kilometer, ehe er es 1936 dem Wurzener Museum vermachte. In ganz Deutschland gibt es höchstens noch zwei weitere Modelle dieser Art: „In unserer Anlagebuchhaltung ist das Polymobil mit 50 000 Euro gelistet, aufgrund des jetzigen Zustandes muss der Wert des Autos jedoch niedriger angesetzt werden“, sagt Bettina Kretzschmar, Leiterin vom Kulturbetrieb Wurzen. Eine dringend notwendige Rekonstruktion werde auf 70 000 Euro geschätzt. „Das können wir unmöglich aus eigener Kraft leisten.“

Sabine Jung, Leiterin des Kulturhistorischen Museums, spricht daher von einem Gewinn für beide Seiten: „Das Polymobil geht in eine private Sammlung alter Automobile über, wird fachgerecht restauriert und in Wurzen einem interessierten Kreis von Oldtimerliebhabern öffentlich zugänglich gemacht. Das Museum wiederum erhält Originalbilder von für uns unschätzbarem, auch ideellen Wert, wodurch Wurzen sein Profil als Ringelnatzstadt deutlich schärft.“ Die Ölgemälde „Beschaulichkeit“, „Fische“ und „Urtiere“, die illustrierte Grafikmappe Jan Maate und Ringelnatz-Bücher würden in den Besitz der Stadt übergehen – die Ölbilder auf Leinwand „Tanzende Neger“, „Parklandschaft“, „Fabriklandschaft“ sowie das Aquarell auf Papier „Küstenlandschaft mit Lampions“ erhält die Stadt auf 50 Jahre als Dauerleihgaben – mit der Option, bereits nach etwa zehn Jahren über eine Verlängerung zu sprechen.

Der Stadtrat entscheidet auf seiner Sitzung am 6. Dezember über den Tausch. Der Kulturausschuss segnete das Projekt in dieser Woche bereits ab. Einzig Klaus Meißner (Linkspartei) enthielt sich: „Es ist zwar erfreulich, dass wir weitere Ringelnatz-Gemälde bekommen. Aber geht es hier nicht um eine Grundsatzfrage? Wie verfahren wir künftig mit Museumsstücken, wenn der nächste meinetwegen einen Helm oder ein Schwert haben möchte.“ Er könne sehr gut nachvollziehen, wenn der eine oder andere unsicher sei, sagt Oberbürgermeister Jörg Röglin (SPD): „Auch wir von der Verwaltung haben es uns nicht leicht gemacht, erachten es aber als einmalige Chance, in dieser besonderen Situation tätig zu werden. Es geht um Ringelnatz’ Andenken, dem wir uns verschrieben haben.“ Kay Ritter (CDU), der vermutete, dass die Gemälde ins Ringelnatzhaus kommen, fragte nach, ob die Sicherheit der Bilder gewährleistet sei. Darauf OB Röglin: „Um es ganz klar zu sagen, die Bilder kommen ins Museum, nicht ins Ringelnatzhaus. Dort haben wir alles Notwendige: Alarmanlage, Klimatisierung, Zugangskontrolle.“ Kathrin Gehres (CDU) räumte ein, in der Frage nicht schmerzfrei zu sein: „Aber wir sind nun mal Ringelnatzstadt, die Leute kommen zu uns, um die Bilder zu sehen. Dann sollten sie auch finden, wonach sie suchen.“ Heinz Richerdt (SPD) sieht das ähnlich: „Vor allem bleibt das Polymobil ja in Wurzen.“

Gegenüber der LVZ betonte die Familie Hühn, dass die Ringelnatz-Bilder im Museum ohnehin besser aufgehoben seien: „Anders herum braucht das Polymobil die nötige Pflege und Wartung, die wir garantieren können. Wir werden das Auto restaurieren lassen und es in Wurzen im Rahmen von Führungen präsentieren.“

Alles schön, alles gut? Mitnichten. In Wurzen regt sich Widerstand. Ortschronist Wolfgang Ebert meldete sich am Mittwoch mit Wut im Bauch in der Reaktion: „Erzürnte Bürger haben mich angesprochen und fragten, wie ich einen solchen Tausch nur zulassen könne. Ich hab’ davon nichts gewusst und würde auch nie meine Zustimmung geben.“ Er finde das Vorgehen sowohl rechtlich als auch moralisch fragwürdig. „Das Polymobil gehört zum Museum! Viele Wurzener sind mit dem Auto groß geworden! Zur 1000-Jahrfeier fuhr es im Festumzug mit!“

Von Haig Latchinian

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Am Montagabend hat der Macherner Gemeinderat über die Vergabe der Bauleistungen zur Sanierung des Schulhofs entschieden. Sowohl für die Finanzierung von Mehrausgaben als auch die Beauftragung einer Leipziger Firma gab es eine deutliche Mehrheit.

08.11.2017

Sie sind ein Heimatkunde-Ass, mögen hohe Gebäude und wissen bestens über Leipzig und die Region Bescheid? Dann dürfte dieses Quiz für Sie kein Problem sein. Erkennen Sie diese bekannten Bauten an ihren Dachspitzen? Wir verlosen Gutscheine!

07.11.2017

Obwohl immer mehr Menschen im Gastgewerbe arbeiten, bleiben qualifizierte Angestellte knapp. Die Suche nach neuen Köchen und Service-Mitarbeitern ist gerade im ländlichen Raum sehr mühevoll.

11.11.2017