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Wurzen Wurzener erinnern an Retter ihrer Stadt vor 73 Jahren
Region Wurzen Wurzener erinnern an Retter ihrer Stadt vor 73 Jahren
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17:14 25.04.2018
Das Friedensgebet in der Wenceslaikirche Wurzen am Dienstagabend war gut besucht. Quelle: Foto: Frank Schmidt
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Wurzen

Nur ein einziger Buchstabe mache den Unterschied – Wurzeln und Wurzen. Der katholische Pfarrer Uwe Peukert erinnerte an die vielen Bäume, die nach den jüngsten Stürmen umgefallen sind. Er beschwor die Wurzelkraft, die nötig sei, um standhaft zu bleiben. Im Wald wie in der Gesellschaft. Und so begrüßte er es ausdrücklich, dass sich die Wurzener gerade in den derzeit wenig friedvollen Tagen ihrer Wurzeln versicherten. „Nur wer die Geschichte kennt, hat Zukunft.“

Würdigung der mutigen „Retter Wurzens“

Zur ökumenischen Andacht anlässlich des Kriegsendes vor 73 Jahren würdigten 100 Gläubige und Nicht-Gläubige am Dienstagabend den Mut der „Retter Wurzens“. In der Wenceslaikirche, auf der in jenen Schicksalstagen des Jahres 1945 die weiße Fahne wehte, erinnerte Wulf Skaun, ehemaliger Redakteur der LVZ, an die kampflose Übergabe der Stadt an die Amerikaner. Unter Einsatz ihres Lebens hätten Männer unterschiedlichster Weltanschauungen wie Oberbürgermeister Armin Graebert (NSDAP), Kurt Krause (KPD), Otto Schunke (SPD) sowie die Pfarrer Carl Magirius und Franz Wörner ein sinnloses Blutvergießen in allerletzter Sekunde verhindert. Dafür gebühre ihnen Dank und Anerkennung. Während in Wurzen bereits Straßen die Namen der beiden Geistlichen und von US-Major Victor George Conley trügen, stehe eine entsprechende Ehrerbietung für die drei anderen noch aus, so Skaun.

Wunsch nach Frieden

Das Bild des einstigen Oberbürgermeisters Graebert wurde auf eine Leinwand projiziert. Ein Mann im Publikum schaute besonders intensiv zu diesem auf: Sein Sohn, Hans-Adolf Graebert. Er, weißhaarig, sah seinem Vater, schwarzhaarig, in die Augen. Er, 88-jährig, und sein Vater, der nur 49 wurde. Armin Graebert verhungerte 1947 im sowjetischen Speziallager Jamlitz. Nach dessen Auflösung brachte ein Häftling die Todesbotschaft mit nach Mühlberg, wo Sohn Graebert bis 1948 wegen angeblichen Werwolf-Verdachts einsaß. Erst nach der Wiedervereinigung wurden Vater und Sohn vollständig rehabilitiert. Hans-Adolf Graebert lässt das Schicksal des Vaters nicht los: Er traf die Tochter des amerikanischen Majors Conley, schüttelte die Hand von William D. Robertson, der damals als Leutnant von Wurzen aus zur Elbe nach Torgau aufbrach und verschlang das Buch des damaligen holländischen Zwangsarbeiters Geert Bremer, der seinen Vater einen Helden nennt. Graebert junior reiste in die Sowjetunion, weiß zu unterscheiden zwischen stalinschem Terror und russischer Seele. Vor dem Hintergrund von Flüchtlingswelle, Hassbotschaften und politisch motivierter Gewalt äußerte Hans-Adolf Graebert gegenüber der LVZ einen Wunsch: „Dass wieder Frieden wird in unserer Stadt.“

Vortrag zur Flüchtlingspolitik

Am Rande der Veranstaltung bestätigte der evangelische Pfarrer Alexander Wieckowski, dass es am 7. Mai, 19.30 Uhr, ebenfalls in der Wenceslaikirche, einen Vortrag zum Thema „Wir nehmen Flüchtlinge auf – Aber zu welchen Bedingungen?“ geben wird. Als Redner eingeladen ist Professor Richard Schröder, Theologe, Philosoph, SPD-Politiker, Mitglied des Deutschen Ethikrates und Vorstandsvorsitzender der Deutschen Nationalstiftung. Vermittelt wurde der prominente Gast von Christoph Mike Dietel, damals Mitbegründer der SDP, jetzt Kritiker der Flüchtlingspolitik und Vorsitzender des Neuen Forum Wurzen (NFW). „Er ist als Christenmensch mit dem Wunsch an mich herangetreten, so eine Diskussionsrunde in der Kirche stattfinden zu lassen – als Beitrag zur Sache und zur Verständigung, nicht zur Polarisierung“, betont Wieckowski. In der Tradition der letzten Kriegstage in Wurzen und des Herbstes ’89 sei er bereit, als Einlader das Gotteshaus für alle zu öffnen, so der Pfarrer. Es gehe ihm nicht um eine Verbrüderung mit dem NFW, sondern „um Kommunikation und ein Signal der Gesprächsbereitschaft“.

Von Haig Latchinian

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