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Wurzen Wurzenerin kämpft um abgeschobenen Afghanen
Region Wurzen Wurzenerin kämpft um abgeschobenen Afghanen
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00:23 30.07.2018
Die Wurzenerin Ute Haage (57) ist traurig: Ihr Partner Sardar wurde nach Afghanistan abgeschoben. Quelle: Haig Latchinian
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Wurzen

Als Horst Seehofer an seinem 69. Geburtstag über die 69 abgeschobenen Afghanen sprach, fehlten Ute Haage in Wurzen die Worte. Ihr geliebter Sardar Wali Sadozai ist einer der 69, die inzwischen nur noch 68 sind: „Ein Mann erhängte sich kurz nach der Ankunft in Kabul. Er war im gleichen Objekt wie Sardar untergebracht. Sardar hat das natürlich alles mitbekommen. Er ist völlig fertig. Er wurde von der internationalen Presse interviewt – ich hab’ ihn im Fernsehen kaum wieder erkannt, so verstört wie er aussah“, ist Ute Haage tieftraurig.

Erster Arbeitstag bei einem Discounter

Die 57-jährige Wurzenerin darf sich nicht aufregen. Sie hatte erst kürzlich einen Herzinfarkt, war zur Rehakur in Schmannewitz, als ihr Freund abgeholt wurde: „Am 2. Juli, gegen 9 Uhr, hatten wir telefoniert. Ich von Schmannewitz aus, Sardar in meiner Wurzener Wohnung. Er kam gerade von der Nachtschicht. Er war überglücklich, schwärmte von seinem ersten Arbeitstag bei Aldi. Plötzlich klingelte es an der Tür. Sardar sagte, er gehe nur mal schnell nachsehen, da hörte ich übers Handy, wie die Polizisten sagten, er solle seine Sachen packen, er werde abgeschoben.“ Ute Haage fiel in Schmannewitz aus allen Wolken. Sie ließ sich für vier Stunden beurlauben und fuhr nach Wurzen. Als sie eintraf, war ihr Freund schon weg.

Arbeitserlaubnis bis Ende 2018

Die Wurzenerin engagiert sich ehrenamtlich in der Flüchtlingsarbeit. Im Januar 2017 lernte sie den 33-Jährigen kennen. Sie könne nur Gutes über ihn sagen: „An der Volkshochschule begann er sofort Deutsch zu lernen, inzwischen spricht er sogar Sächsisch. Ab November 2016 hat er durchgängig gearbeitet. Erst in der Hühnerfarm, dann beim Paketdienst und zuletzt bei Aldi in der Kommissionierung – das leider nur einen Tag lang.“ Er habe dem deutschen Staat nicht auf der Tasche liegen wollen, sei für Miete, Fahrscheine, Telefonvertrag immer selbst aufgekommen. Die Arbeitserlaubnis des hoch aufgeschossenen Schwarzschopfes wäre erst Ende 2018 ausgelaufen. „Er war beliebt in Wurzen. Fühlte sich auch wohl hier. Er packte überall mit an – kehrte die Straße, schob die Mülltonnen rein und raus. Auf dem Marktplatz grüßten ihn die Leute mit Hallo Sardar“, sagt die Partnerin.

Flucht vor den Gotteskriegern

Was die Wurzener nicht wussten: Der schwer traumatisierte Sardar Wali Sadozai schreckte nachts oft hoch. Das Grauen in seiner Heimat holte ihn immer wieder ein: Er glaubte, er würde ertränkt, es ginge eine Bombe hoch oder er sehe Tote. Für seine Partnerin kein Wunder: „Er hat Schlimmes erlebt. Fünf Tage im Verlies. Die Taliban hatten ihn schwer misshandelt. Die gebrochene Nase, der gebrochene Arm – noch das wenigste. Die Gotteskrieger zwangen ihn, für sie zu arbeiten. Weigere er sich, müsse er sterben. Sardar nutzte die Chance zur Flucht. Im November 2015 kam er nach Deutschland.“

Hochzeit war geplant

Wurzen sei für den jungen Mann der Beginn eines neuen Lebens gewesen. „Siebenmal waren wir auf dem Standesamt, wir möchten heiraten. Ich will jetzt sehen, ob ich zur Herz-OP muss. Wenn nicht, werde ich so schnell es geht nach Kabul fliegen. Sardar geht dort kaputt“, sagt Ute Haage. Wenn sie vor die Tür geht, werde sie oft angesprochen. Die Leute wollten wissen, was ist, wie sie helfen können. „Eine Nachbarin erinnerte sich spontan daran, wie Sardar sie überglücklich begrüßte, als er zu seiner neuen Dienststelle ging.“

Neben dem Wurzener sind zwei weitere Afghanen aus Sachsen unter den 69 Abgeschobenen, weiß Mark Gärtner vom Sächsischen Flüchtlingsrat in Dresden: „Gerade der Fall des Sardar Wali Sadozai ist erschreckend. Er hat sich in Wurzen ein Leben in Sicherheit und Frieden aufgebaut. Das hat er nun verloren.“

Von Haig Latchinian

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