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Region Wurzen Wurzens pilgernder Abschnittsbevollmächtigter
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00:32 23.05.2015
Im Zeichen der Muschel: Die Pilger Ute und Peter Wilke aus der Nähe von Trier lernen unterwegs den Wurzener Wegbetreuer Thomas Zittier (M.) kennen. Quelle: Haig Latchinian
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Dagegen ist seine ehrenamtliche Arbeit das absolute Kontrastprogramm. Zittier ist einer von zehn Regionalbetreuern, die sich auf dem 466 Kilometer langen ökumenischen Pilgerweg entlang der Via Regia von Görlitz bis Vacha an der thüringisch-hessischen Grenze um je einen Abschnitt kümmern. Auf den 70 Kilometern von Dahlen bis Leipzig-Sommerfeld unternimmt er Kontrollgänge, erneuert die Beschilderung und wartet den Weg.

Am Ortseingang Grubnitz, ganz in der Nähe von Wurzen, befreit er mit seiner Drahtbürste einen großen Stein von Flechten. Anschließend schwingt er den Pinsel, malt auf dem Findling den gelben Pfeil in Richtung Nepperwitz nach. Im Gepäck hat er zudem mehrere Aufkleber mit der Jakobsmuschel sowie Plasteschilder zum Anschrauben und Annageln.

Die Pilger Ute (69) und Peter Wilke (70) aus der Nähe von Trier laufen ihm direkt in die Arme. Sie sind voll des Lobes über die liebevolle Ausschilderung der Strecke und stehen noch ganz unter dem Eindruck ihrer Besichtigungen in Wurzen: "Zusammen mit einem uns bis dahin unbekannten Pilger aus Kalifornien namens Kurt Buckley haben wir in einer der beiden Wurzener Herbergen genächtigt. Nett, gemütlich, familiär. Überhaupt sind die Sachsen sehr freundlich." Zehn Euro pro Nase mussten sie löhnen, dazu noch einmal fünf Euro für das Biofrühstück - da könne man nicht meckern: "Vor allem hat uns die Gastgeberin am Abend extra noch mit einem Ständchen am Klavier erfreut."

Mehr als 600 Pilger passieren im Jahr die Stadt Wurzen. Herbergen gibt es in Wurzen selbst, dazu in Dahlen, Börln, Nepperwitz, Machern und Sommerfeld, ein weiteres Quartier entsteht in Dornreichenbach. "Tu' deinem Leib etwas Gutes, damit die Seele Lust hat, darin zu wohnen." Wurzens Kräuterfee Christine Müller beherzigt den bekannten Satz der Mystikerin Teresa von Avila. Wenn die trüben Gedanken kommen, blättert sie in den Gästebüchern und schon geht es ihr besser. Ob Pilger aus Deutschland, den Niederlanden, der Schweiz, aus Peru, Indien, Spanien oder Neuseeland - sie alle fühlen sich bei der Herbergsmutter wohl. In der vergangenen Saison nächtigten in der Pilgerwohnung 230 Gäste, so viele wie nie zuvor. Sie schwärmen von der Altstadt, aufgeschlossenen Wurzenern, dem leckeren Tee, der interessanten Bettlektüre und von der "herrlich duftenden, erfrischenden Fußcreme".

Eine Entwicklung, die ohne die Vorarbeiten des langjährigen Wurzener Gemeindepädagogen Stefan Winkelmann so nicht möglich gewesen wäre. Winkelmann war von 2003 bis 2010 unter anderem für die Beherbergung der Pilger in einem eher spartanischen Quartier am Domplatz zuständig. Er hatte Religions- und Gemeindepädagogik studiert und lernte dabei Esther Zeiher, geborene Heiße, kennen. Sie war es, die ihre Diplomarbeit über die Revitalisierung von Pilgerwegen schrieb. Sie hatte auch die Idee, die Via Regia zu neuem Leben zu erwecken.

Immer mehr Kommunen engagieren sich für den Weg im Zeichen der Muschel. Kristina Großmann von der Gemeindeverwaltung Lossatal hofft mit der derzeit im Bau befindlichen Pilgerraststätte in Dornreichenbach auf eine touristische Aufwertung des Tiergeheges: "Pilger können demnächst in der ehemaligen Scheune unterkommen, Tee kochen und ihre Notdurft verrichten." In Kontakt steht die Kommune dabei mit Wegbetreuer Thomas Zittier. Der Vorsitzende des Wurzener Verschönerungsvereins, zugleich Stadtrat und Organisator des Ringelnatzlaufes, gehört dem in Weimar ansässigen Verein "Ökumenischer Pilgerweg" an. Er schwärmt davon, wie er selbst vor fünf Jahren mit seiner Frau Claudia bis Santiago de Compostela pilgerte: "Das war der Beginn einer großen Leidenschaft. Vor allem, weil der Jakobsweg ja direkt vor der eigenen Haustür verläuft. Da darf man ganz einfach nicht abseits stehen!" In jeder freien Minute entfernt er mit dem Spachtel höchstpersönlich unzählige wilde Aufkleber, durch die seine Wegmarkierungen verschandelt werden. Dabei beweist er jene Spürnase, die ihm als Polizisten von Natur aus gegeben ist.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 21.05.2015
Haig Latchinian

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