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Auf Schloss Reichstädt bewahrt Ilse von Schönberg das Erbe ihrer Familie

Auf Schloss Reichstädt bewahrt Ilse von Schönberg das Erbe ihrer Familie

Sachsens private Schlosseigentümer öffnen wieder die Türen für die Leser dieser Zeitung. Am kommenden Pfingstsonntag gibt es Einblicke in das Barockschloss Reichstädt bei Dippoldiswalde, südlich von Dresden.

Dippoldiswalde. Beim Blick zurück wird es ihr doch ein bisschen unheimlich. Kein Strom, kein Wasser, kein Komfort. Als Ilse von Schönberg 2001 endgültig nach Reich-städt zieht und ihr neues Leben als Schlossbesitzerin beginnt, hat sie trotz diverser Besuche auf dem Familiensitz ihrer Vorfahren nur eine vage Vorstellung davon, was sie wirklich erwartet. Drei Jahre zuvor hatte sie für 30 000 D-Mark vom Landkreis Dippoldiswalde Schloss Reichstädt gekauft. Da stand das Barockbauwerk 25 Kilometer südlich von Dresden schon fünf Jahre leer und verfiel zusehends, weil niemand es haben wollte. Doch die Nichte des letzten Besitzers, der mit seiner Frau im Herbst 1945 nach der Zwangsenteignung in den Westen fliehen musste, wollte das nicht hinnehmen. Einmal Familienbesitz, immer Familienbesitz. Sie berät sich mit ihren drei erwachsenen Kindern und geht dann trotz großer Skepsis im Umfeld das Wagnis ein. „Ich konnte bei der Sanierung eines Bauernhauses und einer Burg im Schwarzwald bereits Bauerfahrung sammeln“, sagt Ilse von Schönberg.

Die promovierte Theologin (Studium in Göttingen), die als Kind mit ihren Eltern 1949 aus Dresden in die niedersächsische Vorharz-Region flüchtete, hatte jahrelang als Pfarrerin im Badischen gearbeitet, bevor sie in den Schuldienst wechselte. Auf einer sicheren Beamtenstelle in Lörrach (Schwarzwald) lässt sie sich schließlich beurlauben, um in Sachsen den Familienbesitz zu übernehmen. Sie sucht aber weiter die berufliche Herausforderung. Die Bewerbung im sächsischen Schuldienst als Religionslehrerin scheitert allerdings. Ein Jahr ist sie arbeitslos, bevor ihr 1999 die Landeskirche Sachsen eine halbe Stelle als Lehrerin für Religion anbietet. Bis 2008 geht Ilse von Schönberg auch als Schlossherrin von Reichstädt ihrem Beruf nach, dann lässt sie sich pensionieren. Die Frau für alle Fälle braucht ihre ganze Kraft für die Sanierung des verfallenen Familienbesitzes der von Schönbergs. „Ich wollte das unbedingt angehen“, sagt sie. Als Pfarrerin hilft sie aber noch heute in Gemeinden des Osterzgebirges aus, wenn in Sayda oder Rechenberg-Bienenmühle Konfirmanden unterrichtet werden.

Mit ihrer Bauerfahrung stürzt sie sich schließlich in das Abenteuer Schlosssanierung. Ein Statiker und ein Architekt werden angestellt, die Bauleitung übernimmt sie selbst. „Ich war eine Alleinkämpferin“, sagt Ilse von Schönberg. Ihre Kinder helfen an den Wochenenden als Besucher so gut es geht mit, reißen alte Tapeten ab und entrümpeln Zimmer. „Die Einheimischen verfolgten die Sanierung zwischen Bewunderung und Skepsis“, erzählt die Eigentümerin. Viele ältere Reichstädter hätten sich an ihren Onkel erinnert. „Der hatte einen guten Ruf.“ Sogar eine nach der Zwangsenteignung gestohlene Vase habe sie zurückbekommen.

Trotzdem, der Anfang ist mühsam und entbehrungsreich. Im maroden Gebäude fehlt es am Nötigsten. „Geduscht habe ich immer nebenan in der Pfarrei“, berichtet die Schlossherrin. Erst nach und nach kehrt der alte Glanz zurück in die Barockanlage. Strom und Wasser werden angeschlossen, ein Hauch von Komfort zieht ein. Die Denkmalpfleger aus Dresden und Dippoldiswalde sind zufrieden, die Schlossherrin ist dankbar für die Unterstützung. „Aus einem hässlichen Entlein wurde ein schöner Schwan“, sagt sie beim Durchqueren der sanierten Räume voller Stolz. Schließlich hat sie mit ihrer Energieleistung („die Arbeitsstunden kann ich nicht mehr zählen) auch die vielen Kritiker des Projekts widerlegt. Der aprikosen-farbige Außenanstrich gibt dem Schloss seinen historischen Charme zurück.

Und das Juwel der Anlage wird schon seit einiger Zeit eifrig genutzt. Mit der Kirche nebenan bietet das Schloss eine klassische Hochzeitskulisse. „Ich habe viele Anfragen“, bestätigt die Besitzerin die Resonanz. Vor allem ausgewanderte Sachsen begeistere das barocke Ambiente mit dem Gartensaal für 180 Personen und der Freitreppe zum Park. Wenn bei Feiern und Gesellschaften die neue Aura von Schloss Reichstädt gelobt wird, dann weiß Ilse von Schönberg, dass ihre Entscheidung richtig war. Der Sanierungsaufwand hat sich gelohnt. auch wenn noch immer sehr viel zu tun ist.

André Böhmer

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