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Das Veilchen von Oberpolenz Herrenhaus mit bewegter Historie

Das Veilchen von Oberpolenz Herrenhaus mit bewegter Historie

Oberpolenz. Sachsens private Schlosseigentümer öffnen ihre Türen für die Leser der DNN. Am kommenden Sonntag gibt es Einblicke in das Herrenhaus Oberpolenz bei Meißen.

. Hier widmet sich der vielbeschäftigter Kunsthistoriker Wolf Eiermann (49) aus Baden-Württemberg mit Akribie der Rittergutskultur.

Um 2000 herum wollte er sich seinen Traum erfüllen - eine Ferienwohnung in Portugal. Doch es kam anders. Denn Eiermann betreute gleichzeitig seine über 80-jährige demenzkranke Tante. „Sie wurde in Zeitz geboren und erinnerte sich noch, dass sie mit den Eltern oft in Polenz war, um Freunde oder Verwandte in deren Gutshaus zu besuchen", so Eiermannn. Er recherchierte, fand Polenz bei Meißen - und ein Herrenhaus, das dort zum Verkauf stand. Da trafen sich in ihm verantwortungsvoller Kunsthistoriker und treu sorgender Neffe: „Portugal? Schön und gut. Aber dass in Sachsen und Thüringen allmählich die ganze Rittergutskultur unterzugehen droht, wollte ich nicht hinnehmen." In Süddeutschland gebe es nichts Vergleichbares.

So machte Eiermann Nägel mit Köpfen und traf sich mit einem Makler. Was er da noch nicht wusste: Es gibt im Umkreis von Zeitz drei Orte namens Polenz. Und in jedem steht ein Schloss oder Herrenhaus. „Doch da hatte ich schon gekauft", erinnert sich Eiermann heute lachend. Die Tante hat das Haus nicht mehr gesehen, aber für das Herrenhaus Oberpolenz war es wohl die Rettung. „Man liegt nicht im Zeitgeist, wenn man so etwas macht", hat Eiermann erfahren müssen. Ursprünglich gab es über 1000 solcher Rittergüter in Sachsen. Nach 1945 immerhin noch 880. "50 Prozent davon sind heute verloren. Von den anderen 50 Prozent sind zwei Drittel völlig verunstaltet. Eines beispielsweise ist eine Tankstelle." Und nur rund 150 Herrenhäuser seien überhaupt noch geeignet, erhalten zu werden.

In Polenz hatte einst Ritter Christian sein Gut, um Meißen zu sichern. Später, im 16. Jahrhundert, erfolgte die Teilung. 1786 kaufte sich schließlich ein Herr von Watzdorf aus Thüringen für 25 000 Taler ein und ließ auch das Herrenhaus bauen. Gedacht war es als Sommerhaus.

Eiermann wiederum reizte es vor allem architektonisch. Zwar ist der Architekt selbst unbekannt, aber Dreiecksgiebel und Achsen lassen darauf schließen, dass er den italienischen Baumeister Andrea Palladio schätzte. Dieser hatte schon im 16. Jahrhundert die Verknüpfung von Landwirtschaftsbetrieb und Herrenhaus geschaffen. Um 1760 kam dann die Landhausidee auf. Im Unterschied zum Schloss war das Landhaus außen schlicht, innen dagegen herrschaftlich.

Auch Oberpolenz sieht man die 24 Räume von außen nicht an. Nach 1945 saß hier der Bürgermeister, es gab einen Laden, einen Jugendklub, eine Disko, eine Arztpraxis und die gefürchteten Plumpsklos. Dennoch war die Bausubstanz beim Kauf in recht gutem Zustand. Stückchenweise und mit viel Akribie entreißt Eiermann seither jedes Detail der Vergangenheit und stößt dabei zum Beispiel auf die alte Renaissanceschloss-Treppe, die im Keller des Herrenhauses verbaut wurde. Er öffnet stundenlang - auf Knien rutschend - Dielen und findet hinter Tapeten alte Bemalungen. Zwischendurch arbeitet er an seinen Veröffentlichungen, genießt die Aussicht oder die unvergleichliche Akustik im Salon, die jedem Musikfreund ein Gänsehautgefühl beschert. Große Investitionen plant er vorerst nicht. „Man muss sich mit dem, was da ist, arrangieren. Der Charme eines Hauses liegt auch in seinem Alter." Deshalb wolle er schrittweise vorgehen. „Wenn man es in einem Ritt macht, wird es sehr viel teurer." So arbeitet er sich seit vier Jahren von Zimmer zu Zimmer. „Das kostet unheimlich viel Energie. Vier Jahre Dauerzustand Campingplatz."

Der ungeheure Vorteil sei, dass er sich stets Zeit lassen könne, wenn er etwas entdecke. Auch habe er Glück, weil relativ einfache Materialien im Landhaus verbaut wurden. „Bei Rokoko muss man Millionen investieren." Handwerker, die die alten Techniken noch beherrschen, gäbe es. Der Verband der privaten Denkmalseigentümer helfe mit Adressen und Telefonnummern. Notfalls wird eben auf dem Flohmarkt gestöbert.

So geht es nach und nach voran in einem Haus, dass vor allem innere Qualitäten aufweist. „Man kann natürlich immer nach den Rosen am Wegesrand schauen. Aber die Veilchen haben auch ihren Reiz", sagt Eiermann leise lächelnd. Das Herrenhaus Oberpolenz steht auf historischem Boden. Schon um das Jahr 1000 herum gab es erste Hinweise auf den slawischen Ort Polenz. Um 1180 entstand das Gut des Ritters Christian von Polenz und die Burg Polenz über der Triebisch. Zwischen 1546 und 1789 wurde das Schloss inklusive Kapelle errichtet.

Nach einer wechselvollen Geschichte erfolgte im Jahr 1588 die Erbteilung in die Rittergüter Nieder- und Oberpolenz. Letzteres ging rund 200 Jahre später an einen Herrn von Watzdorf aus Thüringen. Er ließ um 1800 das Schloss abreißen und daneben das Herrenhaus bauen. Gleichzeitig entstand der Landschaftspark.

Bis Ende des Zweiten Weltkrieges war das Haus im Besitz der Familien Klotz-Fichtner-Görne-Wolf sowie Barth. Von 1945 bis 2006 diente das Gebäude als Gemeindeverwaltung, Wohnung, Kulturraum, Laden und Arztpraxis. Im Jahr 2006 erwarb Wolf Eiermann das Herrenhaus.

Roland Herold

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