Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Die Kraft der Visionen

Die Kraft der Visionen

Private Schlosseigentümer in Mitteldeutschland öffnen wieder die Türen für die Leser dieser Zeitung. Am kommenden Wochenende gibt es Einblicke in Schloss Dieskau, gelegen zwischen Leipzig und Halle.

Voriger Artikel
Wie Phönix aus der Asche
Nächster Artikel
"Begegnung mit Schlossherrn inklusive"

Die Besitzer des Schlosses Dieskau: Heidrun und Thymo von Rauchhaupt

Quelle: Andreas Döring

Dieskau. "Als Restaurator", so sagt Thymo von Rauchhaupt, "denke ich in fertigen Bildern. Ich sehe die Dinge, wie sie einmal waren. Und ich sehe, wie sie wieder sein sollen." So ist es auch 1996, als der heute 61-Jährige zum ersten Mal durch die Räume von Schloss Dieskau geht. Das Gebäude steht damals schon seit zehn Jahren, seit 1986, leer. Doch wo andere unbewohnbare Zimmer mit grauen, tristen Wänden und kaputten Decken und Fußböden sehen, da sieht Thymo von Rauchhaupt alte Renaissance-Gewölbe, fantasievolle Rokoko-Wandbilder, prächtige Stuckdecken aus dem frühen 17. Jahrhundert ...

Der Adlige - von Beruf Restaurator unter anderem für Einrichtungsgegenstände und Gemälde - ist damals eigentlich in den Saalkreis gekommen, um sich die einstigen Anwesen seiner Vorfahren anzusehen. 600 Jahre lang, bis zur Enteignung 1945, sei seine Familie in der Region ansässig gewesen, so erzählt er. Und knapp zehn Jahre nach der Friedlichen Revolution in der DDR will auch er sich auf der Suche nach neuen Herausforderungen hier niederlassen. Doch die Landesbehörden in Sachsen-Anhalt - froh über jeden Schlossinteressenten mit Visionen - machen ihn auch auf Dieskau aufmerksam, auf ein Schloss, das früher nicht im Besitz der Familie war. "Die kunsthistorische Substanz des Gebäudes hat mich dann geradezu erschlagen", schwärmt Thymo von Rauchhaupt noch heute. "Und bei aller Liebe zur Familiengeschichte - ich wäre doch mit dem Klammerbeutel gepudert, hätte ich die Chance zum Kauf nicht ergriffen."

1997 erwirbt er dann von der Kommune das Schloss. Und er bricht alle Brücken in sein altes Leben ab, die Brücken ins bayerische Aschaffenburg, wo er zuvor lange Zeit einen Antiquitätenhandel betrieb. Die ganze Familie - neben Thymo von Rauchhaupt Ehefrau Heidrun (eine gelernte Krankenschwester), drei Söhne und eine Tochter - zieht nach Dieskau, wenn auch nicht in das heruntergekommene Schloss, sondern in das benachbarte alte Verwalterhaus, in dem sie auch heute noch lebt.

"Kein Zuckerschlecken" seien die folgenden Jahre gewesen, sagt Thymo von Rauchhaupt. "Wir sind schließlich keine reiche, sondern eine ganz normale Familie." Der Restaurator wird deshalb auch Restaurantchef - in der im Stil des Historizismus eingerichteten früheren Eingangshalle des Schlosses wird ein Restaurant mit Café eingerichtet. In anderen, von eindrucksvollen Renaissance-Gewölben überspannten Räumen entsteht Platz für Hochzeiten, Familien- und Betriebsfeiern. Da das Schloss und vor allem der benachbarte 67 Hektar große Park - ein "kleiner Bruder des Wörlitzer Parks", so Thymo von Rauchhaupt - oft von Ausflüglern besucht werden, mangelt es vor allem an Sommerwochenenden nicht an Kundschaft. Das Schloss ist zudem kunstgeschichtlich so bedeutsam, dass auch das Land und die Stiftung Denkmalschutz Gelder für Restaurierungsarbeiten zur Verfügung stellen.

Und doch liegen auch 13 Jahre nach dem Kauf noch gewaltige Aufgaben vor der Familie. Im Inneren des Schlosses, hinter den noch vom Zahn der Zeit geprägten Fassaden, seien zwar inzwischen viele Räume als Rohbau fertig, so der Schlossherr. Aber ehe die alten Zimmer - darunter Stilräume aus sechs Jahrhunderten - wieder in historischem Glanz erstrahlen, wird wohl noch einige Zeit vergehen. So künden derzeit vor allem einzelne Elemente und Fragmente von der kunstgeschichtlichen Bedeutung des Schlosses. Eine großartige Stuckdecke von 1620 mit biblischen Szenen beispielsweise - auch wenn vielen Figuren nach der Wiedervereinigung von Plünderern die Köpfe abgeschlagen wurden, um sie zu verkaufen. Oder eine weitere Stuckdecke in einem früher als Kapelle genutzten Raum, in dem auch die Mutter Georg Friedrich Händels getauft wurde. Oder die Reste einer gotischen Blockstube, bei der Analysen ergaben, dass das verbaute Holz im Jahr 1457 in Thüringen geschlagen wurde.

Geht Thymo von Rauchhaupt heute durch das Schloss und sieht, wie alles einmal sein wird, dann sieht er die historischen Räume in ihren Eigenheiten wiederhergestellt und im Stil ihrer Zeit möbliert. Er sieht eine kleine Einliegerwohnung für seine Familie. Und er sieht Pensionszimmer, in denen Feriengäste wohnen. "Wir wollen aber kein nobles Schlosshotel", fügt er hinzu. Der Charme des Alten solle erhalten bleiben, das Schloss nicht nur Kulisse sein.

Die Pforten von Schloss Dieskau stehen am Sonnabend und am Sonntag ab 11 Uhr offen. Angeboten werden - bei Bedarf stündlich - Führungen durch die historischen Räume (Eintritt 1,50 Euro). Auch Restaurant und Café sind geöffnet.

Schloss Dieskau liegt zwischen Leipzig und Halle. Von Leipzig aus ist es über die B6 zu erreichen (kurz vor Halle dem Hinweisschild Dieskau folgen und nach links abbiegen). Auch die Autobahnen 9 (Abfahrt Großkugel, dann Richtung Halle) und 14 (Abfahrt Gröbers oder Halle-Ost) führen in der Nähe vorbei.

Kay Stolle

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Reisenews
  • Regionalverband Thüringer Wald
    Regionalverband Thüringer Wald

    Entdecken Sie Deutschlands ältesten, bekanntesten und beliebtesten Höhenwanderweg, den RENNSTEIG und genießen Sie in unverwechselbarer Natur im Thü... mehr

Leserreisen

Kreuzfahrt in der Karibik, Städtetour durch die Toskana oder Busreisen in Deutschland - die Leserreisen der LVZ bieten für jeden Anspruch genau das Richtige. mehr