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Kaisertrutz Görlitz zeigt auch Stadtgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts

Kaisertrutz Görlitz zeigt auch Stadtgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts

Nachdem Mitte Februar 1945 die Stadt Görlitz zwangsevakuiert wurde, werden gerade mal noch 28 000 Einwohner gezählt. Joseph Goebbels, Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, der in die Stadt an der Neiße gekommen ist, um am 8. März in der Stadthalle eine markige "ganz auf Kampf und Durchhalten" eingestellte Rede zu halten, schreibt in seinem Tagebuch, dass Görlitz "eine Stadt der Männer" geworden ist.

Quelle: dpa

Erfreut kann Goebbels auch notieren, dass "keine Spur von Defätismus" auszumachen ist, dass "ein fester Glaube an den Sieg und den Führer" herrscht.

Görlitz sollte dann allerdings das Schicksal vieler anderer schlesischer Städte erspart bleiben. Während Lauban und Löwenberg, Breslau und Glogau in Trümmern versanken, ob nun zur "Festung" erklärt oder nicht, kam Görlitz fast unzerstört durch den Krieg. Auch bombardiert wurde es nicht, obwohl die Stadt an sich ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt und wie fast alle Städte im Reich ein Zentrum der Rüstungsindustrie war. "Nautilus" wäre der Deckname des Bombenangriffs auf das am 30. März als "Festung" deklarierte Görlitz gewesen, der dann nie erfolgte.

Aber weil Stalin die Beute aus seiner Kumpanei mit Hitler behalten wollte, nämlich Ostpolen, wurde die deutschen Gebiete östlich von Oder und Neiße polnisch - und Görlitz damit (geteilte) Grenzstadt. War es im 19. Jahrhundert eine prosperierende Drehscheibe zwischen den preußischen Provinzen Brandenburg und Schlesien gewesen, mit Anschluss ans sächsische Dresden, so lag es nun an der Staatsgrenze der DDR. Kurzfristig, 1950, hatte die mit Flüchtlingen aus Schlesien überfüllte Stadt jene 100 000 Einwohner, auf die hin es konzipiert worden war. 1970 waren es noch 87 000 Einwohner, 1985 dann 79 000, mittlerweile noch 60 000. Tendenz weiter fallend. Randlage ist einfach kein schön zu redender Standortvorteil.

Über die wechselvolle Geschichte Görlitz' im 19. und 20. Jahrhundert kann man sich nun in der zweiten Etage im Kaisertrutz informieren. Die kulturgeschichtliche Dauerausstellung dort ist damit komplett, die Lücke von der preußischen Zeit ab 1815 bis zur friedlichen Revolution 1989 und dem Beginn der Stadtsanierung 1990 geschlossen. Multimediale Technik - in der Darstellung der älteren Kulturgeschichte nur zurückhaltend eingesetzt - kommt nun verstärkt zum Einsatz. Historische Ton- und Bilddokumente wurden in verschiedenen Medienstationen integriert. Ein nicht unerheblicher Teil der Ausstellungstechnik, die für die 3. Sächsische Landesausstellung 2011 verwendet worden war, konnte nachgenutzt werden. Ab 2014 soll die Galerie der Moderne mit einem Abriss der modernen regionalen Kunstgeschichte im dritten Obergeschoss den Kaisertrutz komplettieren.

Die chronologisch-thematisch gegliederte Ausstellung vermittelt, welchen Aufschwung der Anschluss an das preußische und sächsische Eisenbahnnetz im Jahr 1847 brachte, wie sich neue Industriezweige entwickelten, wie Görlitz um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert deutschlandweit als anmutig(st)e und attraktiv(st)e Provinzstadt bekannt war. Pensionäre, die auch die Nähe zum Hirschberger Tal mit all den Schlössern schätzten, zogen an die Neiße, um in dem kulturellen Zentrum der Region ihren Lebensabend zu verbringen. Für die gutbetuchte Klientel wurden prächtige Wohnquartiere in Historismus und Jugendstil angelegt. 1908 wurde in nur sechs Monaten die Straßburg-Passage erbaut, 1913 das "Kaufhaus zum Strauß". Es war der Görlitzer Magistrat gewesen, der die Berliner Investoren dazu gedrängt hatte, dass der Potsdamer Architekt Carl Schumann eine metropolitane Kulisse entwerfen sollte, die dem berühmten Warenhaus Wertheim am Leipziger Platz in Berlin von Alfred Messel gleichkäme. Motive der Kathedral-, Palast- und Ingenieurarchitektur wurden vereinigt, um einen Tempel der Geld- und Warenwelt zu schaffen. Görlitz war neben Halle die einzige deutsche Stadt, wie man erfährt, die selbst Tagebau betrieb, um Kohle für das Elektrizitätsunternehmen zu fördern. Es war die große Zeit Görlitz', verschwunden aus dem Stadtbild sind nur das Kaiser-Wilhelm-Denkmal und das Kanonen-Denkmal, das 1876 unweit des Kaisertrutz' aufgestellt worden war. Das Geschütz war von der Görlitzer Garnison im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 erbeutet worden.

Erinnert wird auch an die dunklen Seiten der Stadtgeschichte. Beim Kapp-Lüttwitz-Putsch im März 1920 wandte sich das Freikorps Görlitz gegen die junge Republik. Fünf Tote, 30 Verwundete - so die Bilanz des Versuchs, den Generalstreik in Görlitz niederzuschlagen. Alte Straßenschilder erinnern daran, dass es mal eine Adolf-Hitler-Straße und eine Horst-Wessel-Straße gab. Ein Foto dokumentiert, dass 1945 Spaziergänge am Neiße-Ufer bestraft wurden, fünf Jahre später wurde in Görlitz das Grenzabkommen zwischen der DDR und der Volksrepublik Polen unterzeichnet, was nichts daran änderte, dass die verordnete Freundschaft zwischen den Deutschen hüben und den Polen drüben in den jeweiligen sozialistischen "Bruderstaaten" schlecht blieb.

Erinnert wird auch daran, dass Mitte der 1950er Jahre die TU Dresden und das Landesamt für Denkmalpflege ein Modellprojekt zur Sanierung der Görlitzer Altstadt planten - die Umgestaltungspläne verstaubten dann in der Schublade. Makulatur blieb natürlich auch die Absichtserklärung zur Gründung eines "Schlesischen Museums" anstelle des alten Heimatmuseums im Kaisertrutz, auf das sich die Mitglieder des Stadtrats am 31. Juli 1946 verständigt hatten. Görlitz verfiel - aufgrund der Randlage war es für die SED-Riege in Ost-Berlin uninteressant. Immerhin blieb Görlitz von sozialistischen Umbauplänen, die etliche Bezirkshauptstädte bis heute im Zentrum zeichnet, lange verschont. Nur am Stadtrand gab's dann später das Plattenbauviertel Königshufen.

Einen Höhepunkt der Schau bildet der Volksaufstand gegen die SED-Diktatur am 17. Juni 1953. Im geteilten Görlitz mit seiner besonderen Bevölkerungsstruktur (besonders hohe Vertriebenenrate) entwickelte sich die Volkserhebung gar zu einer Revolution. Alle wichtigen Gebäude und alle neuralgischen Punkte waren zunächst in der Hand der Aufständischen, für ein paar Stunden war Görlitz eine freie Stadt. Den Aufbau des Teilbereichs zur Nachkriegs- und DDR-Geschichte hat übrigens die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur mit 25 000 Euro unterstützt. Beleuchtet wird des weiteren die Ansiedlung der Energiewirtschaft in Hagenwerder, der Bau der Neubausiedlungen zur Umsetzung des SED-Wohnungsprogramms, der Ausbau des Straßenbahnnetzes.

Auch die jüdische Gemeinde steht im Fokus, die in Görlitz nie wirklich groß war, das kulturelle Leben der Stadt aber erheblich prägte. 1849 zählte man 110 jüdische (Mit-)Bürger, 1890 dann 694, womit der Höchststand erreicht war. 1933 wohnten nur noch 400 jüdische Deutsche in Görlitz, die dann dem NS-Terror ausgesetzt waren. Zeitweise lebten auch viele Griechen in der Stadt. Bekannt sind jene Bürgerkriegsflüchtlinge, die 1947 in die SBZ kamen. Neu dürfte für das Gros der Besucher hingegen sein, dass zwischen 1916 und 1918 rund 6500 griechische Soldaten Aufnahme in Görlitz fanden - Soldaten des IV. Armeekorps unter dem deutschfreundlichen Joannis Chatzopoulos, der dem griechischen König treu ergeben war, der wiederum ein Schwager Kaiser Wilhelms II. war.

Die Ereignisse an den Herbst 1989, die in die friedliche Revolution mündeten, ein kurzer Aufriss der Ereignisse seit der Wende insbesondere der Stadterneuerung und ein Blick auf das Verhältnis zur polnischen Schwesterstadt Zgorzelec beschließen den Rundgang.

geöffnet täglich außer montags von 10 bis 17 Uhr

www.museum-goerlitz.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 05.08.2013.

Christian Ruf

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