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Kletterer im Elbsandsteingebirge sind entsetzt: Tschechien will die Niedergrundnadel abreißen

Kletterer im Elbsandsteingebirge sind entsetzt: Tschechien will die Niedergrundnadel abreißen

Dolní Žleb. Die Kletterszene auf beiden Seiten der sächsisch-tschechischen Grenze ist in Aufruhr: Die Niedergrundnadel in der Böhmischen Schweiz soll abgetragen werden.

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Die Niedergrundnadel (l.) bei Dolní Žleb steht vor dem Abriss. Der Kletterfelsen sei nicht standsicher und gefährde die Bahnlinie Dresden-Prag, heißt es.

Quelle: Mike Jäger

Der Kletterfelsen nahe der Ortschaft Dolní Žleb (Niedergrund) ist vor allem dafür bekannt, dass dort bereits seit dem Jahr 1909 ein Weg der Schwierigkeit VIIc geklettert wurde - das erste Mal im Elbsandsteingebirge. Jetzt soll der Gipfel den Sicherungsarbeiten für die im Tal liegende Bahnlinie Dresden-Prag zum Opfer fallen.

"Das ist tragisch, weil es so ein klassischer Gipfel ist", sagt Albrecht Kittler. Der Bergsteiger gilt beim Sächsischen Bergsteigerbund als ein profilierter Kenner der Böhmischen Schweiz und ist Autor zahlreicher Kletterführer über die Region. Er rechnet fest damit, dass die Niedergrundnadel, tschechisch Žlebská jehla, schon in den nächsten Wochen Geschichte sein wird. Wenn auf tschechischer Seite erst einmal ein entsprechender Beschluss gefällt sei, dann gehe es in aller Regel sehr schnell, weiß er.

Diesen Eindruck erweckt das tschechische Umweltministerium zwar nicht. Es offenbart allerdings einen merkwürdig sprunghaften Entscheidungsprozess. So ist die Sicherung der Felsformationen auf der linken Elbseite von langer Hand geplant. Die Genehmigung für die sonst in dem Landschaftsschutzgebiet (LSG)strengstens verbotenen Arbeiten datiert aus dem Jahr 2010. Ziel ist die Stabilisierung der Felsen, indem sie an notwendigen Stellen untermauert oder im Massiv verankert werden. Außerdem werden risikobehaftete Risse gesäubert und verfüllt. Auch die seit Juni für Kletterer gesperrte Niedergrundnadel sollte lediglich standfest gemacht werden, so hieß es jedenfalls bis zuletzt. Dass der markante Kletterfelsen jetzt verschwinden soll, ist für viele überraschend und bisher ohne Beispiel im Elbtal.

Unklar ist, wie es zu dieser Entscheidung gekommen ist. Die Bahninfrastrukturverwaltung, ein von der tschechischen Staatsbahn getrenntes Unternehmen, wird vom Umweltministerium als der treibende Keil dahinter genannt. Grundlage für die Entscheidung sei ein Gutachten, mit dem im Frühjahr zwei Sachverständige betraut wurden und das offenbar den Abriss des Felsens nahelegt. Warum das Papier erst jetzt präsentiert wird, ist nicht bekannt. Ebenso liegen die Argumente, die für einen unbedingten Abriss sprechen, im Dunkeln. Eine entsprechende Anfrage der Leipziger Volkszeitung hat Tschechiens Bahninfrastrukturverwaltung nicht beantwortet.

Auf den tschechischen Internetportalen für Kletterer, wie Bergsteiger Kittler sie beobachtet, vermutet man vor allem finanzielle Gründe. "Wenn ein Abriss fünf Millionen Kronen kostet und die Sicherung fünfzehn Millionen Kronen, dann ist die Entscheidung schnell gefällt", nennt er die im Raum stehenden Summen. Von offizieller Seite gab es zu den Kosten keine Angabe, auch nicht vom Umweltministerium.

Die Behörde weist aber immerhin darauf hin, dass die Arbeiten an der Niedergrundnadel vorerst ruhen. Der Felsen gehört zwar nicht zum Nationalpark Böhmische Schweiz, liegt jedoch im Landschaftsschutzgebiet, weshalb dessen Verwaltung eine Stellungnahme zum etwaigen Abriss abgeben muss. Ein entsprechender Antrag soll gestern bei der Naturschutzbehörde eingegangen sein, eine LVZ-Anfrage dazu blieb jedoch unbeantwortet. Laut Bergsteiger Kittler dürfte es sich dabei eher um eine Formalität handeln, großer Widerstand sei von der LSG-Verwaltung nicht zu erwarten. Den leisten andere. Dem Prager Umweltministerium liegen Einsprüche des tschechischen Bergsteigerverbandes, der Bürgerinitiative Dolní Žleb und vom Kletter-Internetportal www.horyinfo.cz vor. "Protest allein genügt aber nicht", zeigt sich Kittler pessimistisch. Vom Bergsteigerverband seien Einwände kaum zu erwarten. Die Tschechen hätten in der Vergangenheit signalisiert, dass sie ihre Angelegenheiten lieber ohne deutsche Einmischung regeln, daran hält sich die Bergsteigervertretung seither.

Unbestritten ist, dass die Sicherungsarbeiten am Sandsteinfelsen berechtigt sind. Zwar habe man laut Umweltministerium keine nennenswerten Abbrüche in der Gegend registriert. So weit kommen lassen will man es verständlicherweise aber keinesfalls - zu dramatisch wären die Auswirkungen für die wichtige Bahnverbindung nach Dresden. Das Vorgehen ist prinzipiell branchenüblich. Auch die Deutsche Bahn lässt ihre Strecken durch "externen Sachverstand" vor Steinschlag schützen, wie Bahnsprecher Jörg Bönisch auf Anfrage mitteilt. Dass geschehe in etwa nach dem gleichen Muster wie bei Sicherungsarbeiten an der S-Bahnstrecke im Plauenschen Grund bei Freital im September 2012. Dort griff man auf Netze und Fangzäune zurück und sah von allzu radikalen Eingriffen in die Felswände ab.

Offen ist, wie es in der Böhmischen Schweiz weitergeht. An der Niedergrundnadel waren am vorigen Wochenende trotz Sperrung viele Besucher zu beobachten: Kletterer wollten den Gipfel noch einmal besteigen, solange das noch möglich ist. "Das ist immer so. Sobald es im Nationalpark heißt, dass eine Gegend bald nicht mehr zugänglich ist, entstehen dort plötzlich Trampelpfade, wo zehn Jahre lang kaum einer hingegangen ist", sagt Kittler. Es sei einfach menschlich, Abschied zu nehmen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 18.09.2013

Uwe Hofmann

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