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Schnupperkurs im DDR-Bunker - ehemalige Schutzanlage ist ein Besuchermagnet

Schnupperkurs im DDR-Bunker - ehemalige Schutzanlage ist ein Besuchermagnet

DDR-Funktionäre sollten im Fall eines Atomkrieges in Bunkern wie dem im thüringischen Frauenwald Zuflucht finden. Inzwischen wird die einst streng geheime Anlage von tausenden Gästen besucht.

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Unter dem Rennsteig in Südthüringen sollten DDR-Funktionäre während eines Atomkrieges Schutz finden.

Quelle: Winfried Mahr

Etliche von ihnen übernachten sogar in dem finsteren Gewölbe - so wie jetzt ein Trupp der Bundeswehr.

Letzter Mann!", ruft ein Mittdreißiger in Tarn-Uniform samt olivgrünem Schiffchen auf dem Kopf. Rumms! - schon ist die massive Eisentür zu, schneidet ihm und elf anderen den Rückweg ins Freie ab. Luftdicht verriegelt von Thomas Krüger, dem Kommandanten des steinernen Gewölbes. "Kopp einziehen, sonst Beule!", gibt er den Neuankömmlingen beim Betreten des hermetisch von der Außenwelt abgeriegelten 3600-Quadratmeter-Labyrinths als erstes mit auf den Weg. "Und achtet auf die eingebauten Stolperfallen ..."

Zu DDR-Zeiten sollte sich im Kriegsfall die regionalen Chefs der SED und der sogenannten Sicherheitsorgane wie Polizei, Armee sowie Stasi in die "Ausweichführungsstelle der Bezirkseinsatzleitung Suhl" in Frauenwald nahe dem Rennsteig flüchten. Hier sollten sie im "Ernstfall", wie es hieß, dem Klassenfeind möglichst lange Paroli bieten. Massenweise Vorräte und ein ausgeklügeltes Abschottungssystem mit autarker Energieversorgung und Luftreinhaltung sollten der Legende nach Dutzenden Leuten ein Überleben bis zu einem Jahr ermöglichen. "Im Atomkriegsfall wäre es allerdings schon nach einer Woche vorbei gewesen", erklärt Krüger, der zu DDR-Zeiten hauptamtlich fürs MfS arbeitete. Die Stasi tarnte diesen und andere in den siebziger und achtziger Jahren gebauten Bunker auf DDR-Gebiet als Wasserversorgungsanlagen, und meist ahnten nicht einmal die nächsten Nachbarn den eigentlichen Zweck.

"Mir ist jetzt schon mulmig", gibt Michael Wenzel beim Anblick der schmalen Gänge zu, "alles so bedrückend". Noch vor wenigen Minuten ahnten er und seine sieben Kameraden der Bundeswehr nicht, welche Art dienstlicher Weiterbildung ihnen ihr Vorgesetzter, Oberleutnant Markus Hövelborn, heimlich organisiert hatte. Ausstaffiert mit mehr oder minder passendem Feld-Drillich der einstigen DDR-Volksarmee, geht es für die Absolventen des nächtlichen Schnupperkurses ums ganz normale Bunkerleben - bestehend aus Bettenbau, ­Kartoffelschälen, eigener Essenzubereitung und Notdurft hinter Plaste­planen. Da es mit der höchsten Geheimhaltung eh nichts wurde, dürfen die Vertreter der einst zum Hauptfeind deklarierten Bundeswehr bei einem Rundgang durch die Betongruft das Modernste an damaliger Nachrichtentechnik bestaunen, vom Feldtelefon über Röhrenfunkgeräte und Robotron-Rechner bis hin zur mobilen ­Radarstation. Alles überaus massiv und selten digital: "Heute würde das viel weniger Platz wegnehmen", sagt der Diensthabende Marko Henke, "aber zum Glück sind ja Bunker inzwischen auch überflüssig." Bis zum Ende der DDR war der 45-Jährige Berufsunteroffizier, kennt vieles noch aus eigenem Erleben. Heute führt er Besucher durch das als Denkmal anerkannte Museum im Ilm-Kreis. Oder behütet wie heute Übernachtungsgäste, "damit uns keiner abhanden kommt". Das Interesse sei trotz widriger Bedingungen groß. Enge Gänge, harte Holzpritschen, hermetisches Eingeschlossensein, Innentemperaturen um die zehn Grad - all das hält Familien oder Kegelvereine nicht von solchen Übernachtungen ab. "Wir haben hier drin auch schon Junggesellenabschiede gefeiert", sagt Krüger, der Herr der Katakomben.

Beim Alkoholkonsum drücken die Vorgesetzten zu vorgerückter Stunde dann schon mal beide Augen zu. Schließlich geht es heute nicht mehr darum, irgendwelche Schlachten zu gewinnen. Auch die Originalkonserven aus DDR-Zeiten - Schweineschmalz und Pusztasalat - gelangen nicht mehr zum Verzehr. Zu besichtigen sind sie ebenso wie die Medikamente und pharmazeutischen Stimmungsaufheller gegen den Bunkerkoller. Auch wenn das meiste davon ein Vierteljahrhundert später ziemlich archaisch anmutet, klingt selbst bei den hartgesottenen Bundeswehrsoldaten verschiedener Waffengattungen, von denen einige auch schon im Auslandseinsatz waren, gelegentlich Beklemmung durch. "Bloß gut, dass diese ganze Kriegsmaschinerie nie wirklich angelaufen ist", sagt Rüdiger Langbein. Der 44-jährige ist wie seine Kameraden in Erfurt ­stationiert und bildet andere als Fahrlehrer auf verschiedensten Fahrzeugen aus. "Unvorstellbar", fügt Rene Bergmann hinzu, "dass Deutsche mal gedrillt wurden, auf ihre eigenen Landsleute zu schießen." Die meisten geben zu, hier drinnen auch ohne Kalten Krieg und konkrete Bedrohung kurz vorm Bunkerkoller gestanden zu haben.

Nach dem Wecken mit Sirenengeheul und Frühsport bei zehn Grad unter Null ist es dann vorbei mit der Zeitreise in die Achtziger. Der Diensthabende lässt antreten, macht Meldung an Kathleen Höhn, die Chefin des benachbarten Waldhotels Rennsteig, zu dem der Bunker gehört. Milde lächelnd gibt die 43-Jährigen das letzte Kommando: "Stillgestanden: Nach vorn in die Gegenwart wegtreten!" Schließlich soll die Rechnung für das bizarre Bunker-Erlebnis mit anschließender Sauna weder in DDR-Mark noch in Forum-Schecks, sondern bitteschön in Euro beglichen werden.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 03.12.2013
Mahr, Winfried

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