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Seebad Störmthal - aus dem nächsten Tagebau ist der nächste See geworden

Seebad Störmthal - aus dem nächsten Tagebau ist der nächste See geworden

Störmthal. Mit dem Störmthaler See ist im Leipziger Südraum die nächste Badewanne voll. Am Sonntag findet die offizielle Eröffnung statt.

Aus der verwüsteten Tagebaurestlandschaft entstand ein Erholungsgebiet. Doch die Erinnerung an die verschwundenen Orte ist noch gegenwärtig.

Gastwirt Erhard Böhme atmet erst mal tief durch und überlegt, ob er überhaupt der richtige ist, der über den See vor seiner Haustür reden sollte. Den Störmthaler See. "In der Richtung lag Magdeborn. Dass der Ort der Braunkohle weichen musste, bewegt viele noch immer", sagt der 76-Jährige und zeigt an seinem Gasthof vorbei auf das Ende der Straße. Dahinter planschen heute sanft Wellen ans Ufer. "Der Name Störmthaler See tut alten Magdebornern nicht so gut", weiß Böhme. 90 Prozent der Wasserfläche liegen auf der Flur des Ende der siebziger Jahre weggebaggerten Ortes. Wäre der Tagebau 1996 nicht als Reaktion auf den Protest gegen wachsende Kohlelöcher in der Landschaft stillgelegt worden, hätte es Störmthal auch erwischt. 2005 wäre der Ort dran gewesen. Heute freut sich die Hälfte der Störmthaler über ein Haus am See.

Oder wie Böhme über einen "Gasthof am See". Seine Frau Karin übernahm den Gasthof Störmthal 1976 von ihren Eltern. Vor zwei Jahren ließ Böhme den zweiten Namen an seinen Giebel malen. "Aus einer Laune. Sonst macht es ein anderer", dachte er sich. Das Wasser stand damals noch tief im Tagebaurestloch. Oder - wie es heute heißen würde - die Wanne war noch nicht voll. Doch Böhme war schon klar, Störmthal wird mal so was wie ein Seebad. Da wirbt man gern für sich als erstes Gasthaus am Platz.

Ausgebaggert hat die Wanne auch Thomas Schmidt. Er steht von Störmthal aus gesehen schräg rüber übern See im Bergbau-Technik-Park in 30 Meter Höhe auf dem Schaufelradbagger SRs 1000/1547. Der Koloss bildet mit dem Bandabsetzer eine Landmarke, die über das neue Gelände wacht. Zur einen Seite liegt der Markkleeberger See, zur anderen der Störmthaler. Alles zusammen war einst der Tagebau Espenhain. In dem lernte Schmidt Maschinist für Großgeräte und baggerte dann Kohle. Später machte er noch seinen Meister für Bergbautechnologie. Heute erklärt der Hobbyhistoriker Besuchern die Kohleförderung.

Der 59-Jährige saß einst im Führerhaus kurz über der Sohle der Riesengrube und steuerte, wie sich vor seinen Augen das Neun-Meter- Schaufelrad in den Kohleflöz fraß. Noch heute ist es ihm nicht einerlei, dass die meisten Tagebaue nach 1990 eingestellt wurden. "Mein Leben ist über Nacht weggebrochen. Wie das tausender anderer Bergleute auch", sagt er. Natürlich verstehe er die Leute, die an der Tagebaukante standen und schimpften: "Ihr baggert unsere Heimat weg." Das sei schmerzlich und betraf auch Bergleute. "Manche Kollegen haben ihr eigenes Gehöft weggebaggert", erinnert er sich. Das musste man aushalten damals. Von der Notwendigkeit der Kohle­förderung bleibt er aber überzeugt: "Die DDR hatte nur Braunkohle zum Heizen und Stromerzeugen." Und ­heute sei der Kohlestrom für die Grundlast im Netz unerlässlich. Man spürt: Der Hunger nach Kohle und das Recht auf saubere Heimat kollidieren als gegensätzliche Interessen bis heute, da das schwarze Riesenloch längst zur Landschaft mit Wasser, Stränden, Hügeln und Wäldern umgebaut wurde.

Böhme und Schmidt können Geschichten erzählen. Jeder aus seiner Welt. Die eine endete am Tagebaurand, an dem die andere begann. Überschneidungen waren selten. Abgesehen davon, dass alle die Kohle brauchten. Schmidt könnte stundenlang Gerätetypen erklären, über Eimerkettenbagger, schwenkbare Oberteile, Schaufelfassungsvermögen, Hubwerksbremsen schwadronieren, Wie haben sie gekämpft, um Bahnheizkörper so anzubringen, dass sie im Führerstand nicht erfroren, weil Stahlwände und dünnes Glas den Frost nicht abhielten. Oft klingt ein tiefes Seufzen mit.

Es lagen nur ein paar hundert Meter zwischen ihnen. Doch für die Leute in Störmthal war das eine unzugängliche Welt tief unten in der Erde, die außer Kohle nichts Gutes brachte. Zusammen brachten Böhmes und Schmidts Welten vor allem Wind und Wetter. Von Sandnebel und Kohlestaub, die der Sturm aus der Grube über die Orte trieb, spricht Böhme. Die legten sich als dicke Dreckschichten auf die Scheiben. Fenster öffnen ging nicht. Wäschetrocknen im Freien war nur bei Ostwind möglich. Wenn der Wind auf Südwest drehte, brachte er noch den Gestank der Schwelerei in Espenhain herüber. Und dann der Lärm. Die Bagger kreischten Tag und Nacht. Ständig wurden Felsen gesprengt. Das Hupen vor dem Anfahren der Geräte, die Kommandos der Bergleute zerrissen die Stille in den Dörfern.

Doch Gastwirt Böhme litt nicht nur an, er lebte auch von der Kohle. "Früher waren wir ein Ganzjahresbetrieb. Die Gäste kamen aus Leipzig zum Essen. Und die Brigaden aus Espenhain feierten bei uns. Die hatten Geld. Das waren gute Einnahmen", erinnert er sich. Heute macht er sein Geschäft in den Sommermonaten. Statt der Bergleute kommen die Ausflügler.

Die kamen bereits lange vor Freigabe des Sees. Die Störmthaler haben kein Problem damit, dass Gäste kommen. Einige hoffen sogar, dass sie davon profitieren. "Ein paar junge Leute rechnen, dass sie ihr Grundstück vielleicht teilen und eine Hälfte verkaufen können", weiß Gastwirt Böhme. Doch eigentlich seien es vor allem Fremde, die glauben, der Wert der Grundstücke würde sich nun verdoppeln, nur weil sich Städter ein Haus am See bauen wollen. So wie in Markkleeberg und Zwenkau, wo moderne Villen mit den Fundamenten fast im Wasser stehen.

Gabriela Lantzsch, parteilose Bürgermeisterin Großpösnas, legt Wert auf eine naturnahe, harmonische Entwicklung. Ein weiteres Feriendorf soll Arbeitsplätze schaffen. Stück für Stück. Der See muss ein eigenes Profil ausbilden. Etwas, das die Leute nur hier finden und nicht nebenan in Markkleeberg mit seinen zwei Seen oder später am Zwenkauer. "Es hat noch keiner an eine Wertsteigerung seines Grundes gedacht", sagt sie bestimmt. Regionalplaner Andreas Berkner sieht eine Aufwertung. Aber nicht finanziell, sondern in der Lebensqualität. "Die Anwohner am See werden heute entschädigt für die jahrelangen Belastungen durch den Tagebau. Sie haben zeitweise buchstäblich Dreck gefressen", sagt er.

Umso mehr stört es manchen Störmthaler, wie die Besucher einfallen. "Sie kommen mit ihren Autos, parken den Ort zu, laden ihre Fahrräder und Hunde aus und gehen zum See", schimpft Sportplatzwirt Sigmar Tröllmich. Bürgermeisterin Lantzsch hofft auf ein Ende dieses Ärgernisses mit dem neuen Parkplatz. Für Ruhe im Ort wird eine Umgehungsstraße sorgen.

Auch wenn solche Verkehrsprobleme für die Betroffenen ärgerlich sind, spielen sie im Wandel der Landschaft nur eine nebensächliche Rolle. Der Störmthaler See zeigt, dass die Wunden, die die Kohletagebaue in die Landschaft rissen, heilen können. Und dass die Menschen auf und am Wasser zueinander finden. "Ich werde den See nutzen, na klar", sagt Ex-Bergmann Schmidt. Baden mit Blick auf den Bagger - das versöhnt selbst einstige Bergleute.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 26.04.2014
Andreas Friedrich

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