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500 Euro sind doch (nicht) viel Geld

Gastbeitrag von Maja Tiegs 500 Euro sind doch (nicht) viel Geld

Politik wird vor allem von Menschen aus gut situierten Familien gemacht. Das verhindert, die Probleme ärmerer Sozialschichten zu verstehen, findet die ehemalige Piraten-Politikerin Maja Tiegs. Sie wirft einen sehr persönlichen Blick auf die aktuelle Sozialpolitik.

Es entsteht ein Problem, wenn die große Politik vor allem von Menschen aus gut situierten Elternhäusern gemacht wird.

Quelle: iStockphoto

Berlin. Vor Kurzem las ich einen Text von einer jungen Frau, die als Gymnasiastin ohne guten finanziellen Hintergrund aufgewachsen war. Ich konnte mich gut in sie hineinversetzen! Als ich selbst auf dem Gymnasium in der Oberstufe war, ging es um eine Kursfahrt. Die sollte schon ein bisschen spektakulärer sein, immerhin waren wir alle schon junge Erwachsene, und die kann man nicht mit einem Trip in den Teutoburger Wald abspeisen.

Malta wurde auserkoren. Der Preis sollte bei unter 400 Euro liegen. Für eine Woche Hotel und Flug war das auch vor über 10 Jahren ein Spottpreis. Deshalb reagierten meine Mitschüler ziemlich verständnislos, als ich anmerkte: “Puh, das ist aber viel Geld!“

“Das ist doch nicht viel Geld!“

Aber manchmal ist ein Betrag halt je nach Perspektive unterschiedlich hoch. Für jemanden mit gut verdienenden Mittelstandseltern und vielleicht noch einem Geschwister sind 400 Euro nicht viel. Für jemanden wie mich, mit drei Geschwistern und einem Vater, der gerade arbeitslos geworden war, dagegen schon. Am Ende flog ich selbstverständlich mit nach Malta und es war tatsächlich die erste und bisher einzige Flugreise. Aber eben nur, weil ich Zuschüsse vom Förderverein der Schule und von der Stadt bekam.

“500? Das ist doch nicht viel!“

Szenenwechsel: Bundestagswahlkampf 2013 – Ich sitze als Direktkandidatin der Piraten, bei denen ich damals noch Mitglied war, auf einem Podium. Anwesend sind – soweit ich mich erinnern kann – auch Kandidatinnen und Kandidaten der CDU, FDP, SPD, Grünen und Linken. Die Diskussion findet in einem Berufskolleg statt, in einer Stadt, die chronisch pleite ist und in der das Geld auch in der Bevölkerung nicht so richtig locker sitzt.

Es geht um Studiengebühren und ob sie wieder eingeführt werden sollten. Ich merke an, dass sich viele Studierende ein Studium mit Studiengebühren doch gar nicht leisten können. Es entspinnt sich ein Dialog zwischen mir und den Kandidatinnen von CDU und FDP.

“Wie hoch waren die Studiengebühren noch mal?“

“500 Euro pro Semester!“

“500? Das ist doch nicht viel!“

“Nein, echt nicht so viel!“

“Das ist nicht viel? Also wenn man Bafög bekommt und von dem Höchstsatz Wohnung, Lehrmittel, den Sozialbeitrag bezahlen muss und dann noch mal monatlich was zurücklegen muss, um halbjährlich 500 Euro zu bezahlen … wie soll man sich dann noch etwas zu essen leisten können?“

Politik wird von Menschen aus gut situierten Elternhäusern gemacht

Der Punkt ging an mich und der Applaus der Schülerinnen und Schüler auch. Sicher, die FDP-Kandidatin kann natürlich nichts für ihre Herkunft als Tochter von Juristen. Und auch, dass sie selber Juristin ist und vermutlich recht gut verdient, kann man ihr kaum vorwerfen. Bei ihr passte auch nicht das “Aber im Bundestag verdient man eh so viel Kohle!“-Klischee, weil sie keinen aussichtsreichen Listenplatz hatte, und wir wissen ja, dass die FDP damals aus dem Bundestag flog.

Trotzdem zeigt sich an dem Beispiel auch wieder: Sie und die Mitbewerberin von der CDU hatten einen ganz anderen Blick auf den Betrag als ich oder ein großer Teil des Publikums. Aber es ist ein Problem, wenn die große Politik vor allem von Menschen aus gut situierten Elternhäusern gemacht wird, die selbst oft schon seit langen Jahren im Bundestag sehr gut verdienen.

Mir liegt in diesem Zusammenhang Sozialneid fern. Aber klar, wenn man finanziell gut abgesichert ist, dann ist es einfacher, sich politisch einzubringen, herumzureisen und sich zu vernetzen, Geld in den Wahlkampf zu stecken, wie es von vielen Kandidaten erwartet wird. Deshalb sind die Aufstiegsmöglichkeiten für gut situierte Menschen in der Politik sehr viel besser als für Menschen mit weniger Geld.

Nah am Menschen ohne Populismus

So geht allerdings auch ein wichtiger Blickwinkel verloren, nämlich der von Menschen, für die ein Betrag von 300 oder 500 Euro viel Geld bedeutet und die sich in Menschen, die Arbeitslosengeld II beziehen oder mit ihrem Bafög auskommen müssen, hineinversetzen können.

Auch im linken Diskurs (weil das natürlich eher meine politische Richtung ist) fällt mir das immer wieder auf. Dieser wird oft sehr akademisch und gehoben geführt. Jemandem, bei dem am 12. des Monats kein Geld mehr auf dem Konto ist, kann man aber mit klugen Karl-Marx-Zitaten nicht kommen.

Man kann nah an den Menschen sein, ohne an ihre niederen Instinkte zu appellieren, wie es Rechtspopulisten tun. Manchmal würde es schon reichen, ihre Sprache zu sprechen und sich in sie hineinzuversetzen. Die soziale Schere muss man bekämpfen. Das muss auf mehreren Ebenen passieren und neben der finanziellen Ebene sind das eben auch durch Empathie und Sprache. Das sind Dinge, die ich im Wahlkampf sehr vermisst habe und die auch dazu führen, dass ich mich von den großen Parteien, auch den eher linken, nicht mehr repräsentiert fühle.

Armut würden viele gern ausblenden

Armut ist ein Thema, das viele Leute gerne ausblenden würden. Lieber unterstellt man Menschen Drückebergertum oder gleich latenten Rassismus. Und es macht mich so wütend, weil es Menschen wie meinen Eltern nicht gerecht wird, die trotz eines langen Arbeitslebens, unter dem die Gesundheit gelitten hat und der Lebensleistung, vier Kinder zu anständigen Menschen erzogen zu haben, um ihre Existenz zu kämpfen haben. Man spürt an vielen Stellen immer das Vorurteil: “Viele Kinder? Sind die zu doof zum Verhüten oder wollen sie den Staat ausnehmen?“ Egal, ob wir alle gewollt und geliebt sind.

Und auch deswegen habe ich mich bei der vergangenen Bundestagswahl sehr schwer getan. Aber nicht wählen kann natürlich auch keine Lösung sein. Denn auch wenn sich nicht verhindern ließ, dass die Gedankenvergifter von der AfD in den Bundestag kommen, wollte ich doch zumindest mit meiner Stimme dazu beitragen, dass es nicht mehr Prozente als nötig für sie gibt. Denn: Politik muss näher an die Menschen heran, aber definitiv nicht ,nah ans Volk‘. Nationalismus ist für Existenzängste auch keine Lösung.

Zur Person: Maja Tiegs, Jahrgang 1985, kommentiert in ihrem Blog politische und gesellschaftliche Themen aus der Sicht einer Arbeitertochter aus kinderreicher Familie. Tiegs war von 2013 bis 2015 Mitglied des Landesvorstandes der Piraten in Nordrhein-Westfalen, zuletzt als stellvertretende Landesvorsitzende. Seit 2016 ist sie wieder parteilos. Sie arbeitet als kaufmännische Angestellte im Großhandel und betreibt ihren Blog in ihrer Freizeit.

Von Maja Tiegs

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