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Doppelbelastung? Doppelerfüllung!

Gastbeitrag von Dieter Thomä Doppelbelastung? Doppelerfüllung!

Männer tun sich schwer mit dem Spagat zwischen Familie und Job. Sie meiden die Teilzeit, weil sie einen Karriereknick fürchten. Schuld an der Scheu vor familiärem Engagement ist aber auch die Politik, die die Doppelrolle eher als Belastung denn als Bereicherung darstellt.

Förderung für Vätermonate wird gern mitgenommen, aber kaum ein Vater entscheidet sich für mehr Anteil am Familienleben. Das liegt auch an der Politik.

Quelle: E+

Hannover. Auf manche ist einfach Verlass. Auf die deutschen Väter zum Beispiel. Sie rackern sich ab. Sie sorgen für Frau und Kinder. Sie sind berufstätig. Genauer gesagt: voll berufstätig. Noch genauer: In Deutschland sind 83 Prozent der Väter von Kindern unter drei Jahren voll berufstätig. Das ist heute so wie vor zehn Jahren. Auch auf die deutschen Mütter ist Verlass. Sie kümmern sich um die Kinder. Sie arbeiten ein bisschen nebenbei, aber bitte nicht zu viel. Genauer gesagt: In Deutschland sind 10 Prozent der Mütter von Kindern unter drei Jahren voll berufstätig. Das war vor zehn Jahren übrigens auch genau so.

Sie bewegt sich also doch nicht – die deutsche Familie? Die genannten Zahlen, kürzlich veröffentlicht vom Statistischen Bundesamt, passen jedenfalls nicht zu der allgemein verbreiteten Aufbruchsstimmung im Heim und am Herd. Die Stimmung scheint besser – oder jedenfalls anders – als die Lage. Aber wie ist denn die Lage all dieser Väter, die früh aus dem Haus gehen und spät heimkommen? Warum ziehen sie ihren Stiefel durch? Dafür haben sie gute Gründe – aber mit diesen guten Gründen verhält es sich so wie mit guten Äpfeln. Sie werden auf die Dauer faul. Drei Begründungen hört man immer wieder. Die Väter können nicht anders. Sie wollen nicht anders. Und: Man muss Geduld mit ihnen haben.

Nicht können und nicht wollen

Erstens: Die Väter können nicht anders. Sie sind in der Familie meist die Besserverdienenden. Kinder sind Wunschmaschinen. Die Gefühle werden groß, die Wohnung wird klein, der Geldbeutel soll aber bitte nicht leer sein. Leistung lohnt sich – für die Liebe. Kürzertreten ist nicht drin – und geht sowieso nicht, denn die meisten Arbeitgeber schalten beim Wort Teilzeit weiterhin auf Durchzug.

Zweitens: Die Väter wollen’s gar nicht anders. Das heißt: Selbst wenn es finanziell ginge, selbst wenn Teilzeit machbar wäre – Papa tut’s einfach nicht. Das kennt man schon vom Elterngeld: Die zusätzliche Förderung für die sogenannten Vätermonate wird mitgenommen, aber damit hat sich der Fall. Vielen Männern treibt die Vorstellung von der sogenannten aktiven Vaterschaft immer noch den kalten Angstschweiß auf die Stirn. Der Horror am Herd droht. Die Überforderung des sogenannten starken Geschlechts beim Umgang mit den kleinen Wundertüten des Lebens. Vielleicht auch der Fall in die Bedeutungslosigkeit des häuslichen Alltags, der Abschied vom Heldentum in der großen, weiten, harten Welt.

Drittens: Man muss Geduld mit den Vätern haben. Der Lebens-Wandel, der Wandel von Lebensformen läuft nicht so glatt wie die Aktualisierung eines Betriebssystems. Das Generationenspiel läuft im Schneckentempo. Veränderungen gibt es, aber man sieht sie nur im Zeitraffer. So war zum Beispiel in der Zeit, als ich geboren wurde, kaum ein Vater bei der Geburt seines Kindes dabei. Heute gibt es Väterstau im Krankenhaus. Doch wenn dieses Großereignis vorbei ist, bleibt einstweilen vieles beim Alten.

Früher war alles einfacher

Aber muss es derart langsam zugehen in Deutschland? Nein. Ansetzen muss man bei einem Grund, einem Hintergrund, der erklärt, warum Väter sich an den Beruf zu klammern und nicht bei dem Kompromissprogramm anbeißen, das von vielen Müttern praktiziert wird – es heißt: Teilzeit.

Mit einer Verzögerung von rund zwanzig Jahren greift eine Entwicklung auf die Männer über, die die Frauen schon in- und auswendig kennen. Seit sie sich den Zugang zur Berufswelt erstritten haben, stehen sie vor der Herausforderung, die Aufgaben im Beruf und zu Hause unter einen Hut zu bringen – und nun dürfen sich die Männer überlegen, ob sie nachziehen. Vor ihnen steht, so scheint es, eine Falle – und wenn sie den nächsten Schritt tun, dann sind auch sie gefangen: in der Doppelbelastung.

Früher gab es die Einfachbelastung des Vaters, Geld zu verdienen, und die Einfachbelastung der Mutter, für Kinder und Haushalt zu sorgen. Zugegeben: Manchmal sehnt man sich zurück nach dieser Einfachheit, in der es klare Verhältnisse und keine Verhandlungen gab. Aber heil war diese Welt nicht – und auch die Väter hatten in ihr kein Heimspiel: Sie geisterten, wie der Schriftsteller Joseph Roth vor knapp 100 Jahren gesagt hat, als “fremde Könige“ in der Familie herum.

Familienleben wird als Pflichtprogramm verkauft

Es kommt also alles darauf an, wie das Zukunftsprogramm für Väter aussieht. Und da hört man von verständnisvollen Familienpolitikern und -forschern leider nur die Geschichten von der Doppelbelastung – und wie sie gelindert wird – oder von der Erziehungs-“Arbeit“ – und wie sie gerecht verteilt wird. Es klingt so, als ginge es darum, wer wie oft das Klo putzt. Es klingt so, als wäre die Zeit mit Kindern purer Stress.

Der Schuss mit der Doppelbelastung geht nach hinten los. Wer davon redet, heuchelt Verständnis für die Betroffenen und legt ihnen zugleich nahe, eine Leidensmiene aufsetzen. Das Familienleben erscheint als Pflichtprogramm – und wer mag schon die Pflicht, wenn es auch die Kür gibt? Ehrlich gesagt: Wenn ich der Rhetorik der Doppelbelastung je geglaubt hätte, dann wäre für mich die Sache klar gewesen: Erwerbstätigkeit – nichts wie her damit, hundert Prozent!

Ich kenne die Mühen des Alltags, aber auf jene Rhetorik bin ich nie hereingefallen. So kann ich ein süßes, kleines Geheimnis lüften. Die Zeit mit Kindern ist keine Freizeit, aber eine echte Hoch-Zeit des Lebens. Das Doppelleben in Beruf und Familie hat das Zeug zur Doppelerfüllung.

Zur Person: Dieter Thomä ist Vater von zwei erwachsenen Kindern, Philosophieprofessor an der Universität St. Gallen und Autor der Bücher “Väter. Eine moderne Heldengeschichte“ und “Puer robustus. Eine Philosophie des Störenfrieds“.

Von Dieter Thomä

Hannover 52.3758916 9.7320104
Hannover
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