Startseite LVZ
Volltextsuche über das Angebot:

Google+ Instagram YouTube
Jetzt kommen die Weltverbesserer

Gastbeitrag von Lena Papasabbas Jetzt kommen die Weltverbesserer

Die Generation Global schätzt Offenheit und Pluralität. Sie nimmt die Probleme der Globalisierung als ihre eigenen wahr – und will zum Wohle aller handeln.

Die jungen Menschen der neuen globalen Mittelschicht entwickeln ein Wertesystem, welches sich von dem ihrer Eltern grundlegend unterscheidet.

Quelle: E+

Berlin. Es ist an der Zeit, unser Bild von Globalisierung zu korrigieren. Trotz der Schattenseiten, die globalisierte Produktionsketten und Warenströme ohne Zweifel mit sich gebracht haben, stehen wir als Menschheit besser da als je zuvor. Wer das nicht glaubt, muss nichts weiter tun, als einen Blick auf ausreichend vorhandene Statistiken und Zahlen zu werfen.

Datenbanken und Statistikportale wie Gapminder.org oder OurWorldinData.org enthüllen Erstaunliches über den Zustand der Welt: Erstmalig befinden sich weniger als 10 Prozent der Weltbevölkerung in extremer Armut. Erstmalig sind über 80 Prozent aller Menschen in der Lage, zu lesen und zu schreiben. Erstmalig in der Geschichte der Menschheit sterben mehr Menschen an Übergewicht als an Unterernährung.

Diese First Times der Menschheitsgeschichte sind Ergebnisse positiver Entwicklungen, von denen es in den Newsstreams, Zeitungen und Nachrichtenchannels nur selten zu hören und lesen gibt. Denn sie sind denkbar langsam und auf den ersten Blick unspektakulär. Der Big-Data-Pionier Hans Rosling pflegte zu sagen: “Wenn Sie sich eine Frage zur Entwicklung der Welt stellen, ist die Antwort immer: Es wird besser. Langsam, aber besser.“

Zeit für kritischen Optimismus

Es ist also an der Zeit, kritischen Optimismus zu wagen und konstruktiv auf die großen Entwicklungen unserer Zeit zu blicken. Das haben wir am Zukunftsinstitut mit unserem “Generation Global Report“ getan. Es ist unser Anliegen, die Chancen und Potenziale einer globalisierten Welt aufzudecken und ins Licht zu rücken – und zu zeigen, dass eine völlig neue Generation an Weltbürgern heranwächst, die die globale Gesellschaft formen wird.

Denn wer in die eingangs skizzierten stabilen Umstände hineingeboren wird, der tickt anders als Menschen, die mit existenziellen Nöten zu kämpfen haben. Kein Mensch, der sich darüber den Kopf zerbrechen muss, wie er seine Kinder ernähren soll, stellt sich die Frage, was mit der Plastiktüte passiert, die er wegwirft, wie stark die eigene Sozialisation kulturell bedingt ist oder ob Geld wirklich glücklich macht. Doch die Zahl der Menschen, die über den Luxus verfügen, sich ebensolchen Fragen widmen zu können, wächst rasant.

Die jungen Menschen dieser neuen globalen Mittelschicht entwickeln ein Wertesystem, welches sich von dem ihrer Eltern grundlegend unterscheidet. Sie streben nicht mehr nach Wohlstand, da sie bereits in wohlhabende Familien hineingeboren wurden. Sie sind gebildet und global vernetzt. Sie sind die erste Generation der Digital Natives, die nun langsam erwachsen wird, und bewegen sich ganz natürlich in weltumspannenden Netzwerken. In Deutschland haben wir diesen Wertewandel bisher nur an der Oberfläche mitbekommen – in den endlosen Diskussionen zur Generation Y.

Wertewandel und Weltbürger

Hinter diesen Debatten um die neuen Ansprüche junger Arbeitnehmer, die sich kaum noch mit Gehalt und Firmenwagen motivieren lassen, steckt ein tief greifender Wertewandel, der weit über die westlichen Industrienationen hinausgeht. Wir nennen die Vertreter dieser neuen Denk- und Wertewelt die Generation Global. Warum? Ganz einfach: Sie verstehen globale Probleme als ihre eigenen, reisen mehr als jede Generation vor ihnen, sind global vernetzt – und ihre Identitäten lösen sich von alten Kollektiven wie den Nationalstaaten.

Noch vor 100 Jahren sind junge Männer in Scharen für ihr Land in den Krieg gezogen. Allein im Ersten Weltkrieg sind um die 17 Millionen Menschen gefallen. Heute ist es für viele undenkbar, für ein soziopolitisches Konstrukt wie den Nationalstaat ihr Leben aufs Spiel zu setzen – und das nicht nur in Europa. Gerade junge Menschen sehen sich heute eher als Weltbürger denn als Bürger ihres jeweiligen Landes, insbesondere in Schwellenländern wie China (71 Prozent) und Indien (67 Prozent). In Deutschland gibt es weniger junge Menschen als in diesen Ländern und somit schlichtweg weniger Vertreter der Generation Global. Dennoch: Auch hierzulande fühlt sich fast jeder Dritte “eindeutig“ oder “überwiegend“ als “Global Citizen“.

Religion und Nationalstaaten sind überholte Konzepte

Die Generation Global steht dem Kapitalismus und seinen Wachstumszwängen kritisch gegenüber. Sie sind die Träger der Sharing Economy, diejenigen, die Vegetarismus zum Mainstream gemacht haben und die die Nachfrage nach Fairtrade kontinuierlich steigen lassen. Die alten Steigerungslogiken der Wirtschaftswunderzeit haben für die Generation Global ihren Reiz verloren. Sie kennt die Auswirkungen der globalisierten Wirtschaft; sie weiß, was Massenproduktion für die Umwelt bedeutet. Sie will nicht teilhaben an der Ausbeutung von Menschen und Natur. Und: Sie hat die erste Burn-out-Welle miterlebt. Sie weiß, dass ein Hamsterrad von innen aussieht wie eine Karriereleiter. Warum also einsteigen und losrennen?

Die Generation Global ist Hoffnungsträgerin in einer Zeit, die von rechtspopulistischen Strömungen, mächtigen multinationalen Konzernen und ideologisch motivierter Gewalt geprägt ist. Sie identifiziert sich nicht mit ideologischen Kollektiven, die auf Religion oder Nationalstaat basieren. Damit schraubt sie in einer globalen “Graswurzelbewegung“ am System. Ganz unspektakulär, still und leise – und macht diese Welt in kleinen Schritten schon heute zu einem besseren Ort.

Zur Person: Lena Papasabbas ist Kulturanthropologin am von Matthias Horx gegründeten Zukunftsinstitut.

Von Lena Papasabbas

Berlin 52.5200066 13.404954
Berlin
Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Gastkommentar