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Eine Rolle Kräuselband

Moderne Kunst mit Imre Grimm Eine Rolle Kräuselband

Ich war auf der Documenta. Ach, ach. Im Grunde ist moderne Kunst ja schnell erklärt: Wenn es an der Wand hängt, ist es ein Bild. Wenn man drumherum gehen kann, ist es eine Skulptur. Und wenn es sich missverstanden fühlt, ist es der Künstler.

Empfindsame Seelen mit Kettensägen: Ein Documenta-Fazit.

Quelle: documenta

Hannover. Früher war es wichtig, dass sich der Künstler mit blumigem Distinktionsvokabular vom ahnungslosen Banausenpack abgrenzte. Er raunte von einem “Symbol der Schutzbedürftigkeit des von existenziellen Ängsten zerrissenen Homo Sapiens in einem feucht-kalten Habitat, dessen Lebensfeindlichkeit an die Fragilität des Daseins gemahnt“, statt einfach “Regenschirm“ zu sagen.

Heute brauchst du als Künstler kaum mehr als eine empfindsame Seele und eine Kettensäge. Oder du stellst einfach eine Rolle Kräuselband in die Vitrine und fragst: “Was macht das mit dir?“ Niedrigschwelligkeit ist igitt.

Niedrigschwelligkeit ist igitt

Niemand erklärt dir zum Beispiel, warum 10 000 Documenta-Besucher ihre Tasche in einem einzigen Baucontainer abgeben müssen, in dem zwei Praktikantinnen auf ihre Handys starren. Ist wahrscheinlich eine Performance. Titel: “Angry Germans Queuing in Kassel“. Ich habe auch lange gebraucht, bis ich kapierte, dass die rennenden Frauen mit Wassereimern keine Performance waren, sondern dass ein Mülleimer brannte.

Im Kunstwerk “The Parliament of Bodies“ konnte man schlafen. Es bestand aus Schaumstoffformen in militärischer Camouflage-Optik, aus denen Besucher Burgen oder Betten bauen durften. Schlafen. Das ist Kunst, die mich anspricht. Das ist meine Kernkompetenz. Wenn Schlafen Kunst ist bin ich der legitime Erbe von Michelangelo.

Mit VW gegen den Kapitalismus

Natürlich ging es nicht ums Pennen sondern um die Schutzbedürftigkeit des von existenziellen Ängsten zerrissenen Homo Sapiens in einem feucht-kalten Habitat oder so. Der Rest war leider eine moralisierende Agitprop-Schau, die sich ihren Kampf gegen Kapitalismus, westliche Dominanz und Umweltzerstörung von Volkswagen sponsern lässt.

“Ein guter Künstler hat mehr Ideen als Zeit“, hat Martin Kippenberger mal gesagt. Bei der Documenta 14 war es vielerorts ganz offensichtlich umgekehrt. Aber was soll’s? Es gab sehr gute Cocktails. Schönes Wochenende!

Von Imre Grimm

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