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Ewig währt am längsten

Karriererückschau mit Imre Grimm Ewig währt am längsten

Es ist das Ende einer Ära: Hans Christian Ströbele, mit 256 Amtsjahren dienstältester Parlamentarier aller Zeiten, verlässt den Bundestag. Wir zeichnen seinen Lebensweg nach.

Der ewige Radfahrer geht in Rente: Hans Christian Ströbele verabschiedet sich. Wir ziehen Bilanz.

Quelle: AP

Hannover. Es ist das Jahr 1681: In einer Köhlerhütte im Spessart wird Hans Christian Nepomuk Ladislaus Strobel geboren, seine Mutter nennt ihn zärtlich “das Ströbele“. Der Name bleibt hängen.

Früh arbeitet das schon jetzt nicht mehr blutjung wirkende Ströbele im heimischen Kräutergarten mit. 1702 erwischt ihn der Dorfschulze kiffend im Heu und verdonnert ihn dazu, noch vor der Erfindung des Fahrrads Radfahren zu lernen. In der Schule kaut er genervt auf seinen Augenbrauen herum und fällt durch Zwischenrufe auf (“Gebt das Hanf frei!“).

Plötzlich in die Politik

Nach einem Wildunfall unter Beteiligung von gepanschtem Absinth interessiert sich das Ströbele plötzlich für Politik. Unter Bismarck geht er mit Willie Nelson als Willie & Ströbi auf Tour, bis sich beide in den Wirren des deutsch-französischen Krieges aus den Augenbrauen verlieren.

Bereits 1892 erfindet er das Ströbeloskop, eine Maschine zur Vereinfachung von Sachzusammenhängen. Er studiert Philosophie, Juristerei und Medizin und leider auch Theologie durchaus mit heißem Bemüh’n. Eine junge Partei unter dem eingängigen Namen “Bündnis 1890/Die Grünen“ lockt ihn mit Freihanf in die Gründungsversammlung, löst sich aber nach dem ersten Kollektivrausch wieder auf.

Wolle und Vorstellung

Nur wenige Jahrzehnte später verteidigt Ströbele mit Hedwig Courts-Mahler die RAF gegen den sauren Regen und veröffentlicht sein politisches Manifest: “Die Welt als Wolle und Vorstellung“. Unter dem genialen Namen “Bündnis 90/Die Grünen“ wird die Partei zum Überraschungserfolg. Aber Ströbele will nicht bis an sein Lebensende der putzige Kreuzberger Ökogreis bleiben, der beim Solidaritäts-Häkeln für Nicaragua mit muffig riechenden Kirchentrullas Hibiskustee aus grobem Steingut schlürft.

Spontan besucht er Edward Snowden in Moskau. Mit im Gepäck: ein Topjournalist und ein normaler. Es wird sein größter Coup. Kein Ausländer hat Moskau mehr so aufgemischt seit Napoleon und Matthias Rust. Und ich bin sicher: Ströbele wird noch durch Kreuzberg radeln, wenn der Berliner Flughafen fertig ist. Es ist das Motto seines Lebens: Ewig währt am längsten. Schönes Wochenende!

Von Imre Grimm

Hannover 52.3758916 9.7320104
Hannover
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