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19:56 01.12.2017
Liedermacher Hannes Wader hat die Gitarre an den Nagel gehängt. Quelle: dpa-Zentralbild
Hannover

Hannes Wader singt nicht mehr. Gerade hat er sein letztes Konzert gegeben. Es ist ein Jammer. Denn seine Lieder und seine Haltung sind so goldrichtig und unentbehrlich und zeitgemäß wie eh und je. Bei seinem drittletzten Konzert war ich dabei. Es schien, als habe sich mit der Tür zur Stadthalle Northeim eine Zeitschleuse ins Jahr 1981 geöffnet.

Plötzlich saß ich auf einem Regionalkongress westdeutscher Altlinker. Die Briefpost mit dem Dresscode hatte ich offenbar nicht bekommen: Cordhose und Lederweste für heterosexuelle Männer und homosexuelle Frauen. Für alle anderen: Strick im Mehrschichtsystem. Im Publikum zahlreich vertreten: saturierte Ex-Revolutionäre mit glänzendem Schuhwerk und der festen Absicht, sich die inneren Überzeugungen nicht von ein bisschen Immobilienbesitz und teurem Rotwein kaputt machen zu lassen.

“Na, du alter Revoluzzer?“

Das Erste, was ich sah, war ein Mann in gehobener Kleidung, die sich günstig auszusehen bemühte, wie er in einer dunklen Ecke der Lobby ein Hannes-Wader-Plakat von der Wand klaute, das es am Laugenbrezeltisch für eine 5-Euro-Spende für Afrika durchaus zu kaufen gab. Zwei haarreiche Herren begrüßten einander mit den Worten “Na, du alter Revoluzzer?“. In der Pause sagte eine Frau zur anderen: “Also, wir können die Welt sowieso nicht ändern!“ Sektchen, jemand?

Im Verlauf des Konzertes dokumentierte man seine Kritik an den Umständen dafür umso heftiger durch offensiven Bekenntnisapplaus. Er habe jenes Lied mal auf einem Konzert gegen rechts gesungen, sagte Wader. Applaus! Er sei entsetzt darüber, dass die Hälfte des Weltvermögens acht Personen gehöre. Applaus!

Endlich wieder dagegen!

Und dann versuchte man tatsächlich kurz, zu der unsterblichen Vagabundenhymne “Heute hier, morgen dort“ auf die Eins und die Drei zu klatschen wie beim Shantyabend des SPD-Ortsvereins. Das hat Hannes Wader, der große alte Mann des politischen Liedes, der ironiefreie Volkssänger und sanfte Mahner für Frieden und Freiheit, nicht verdient, dass seine finalen Konzerte zum Stößchen-Event für Luxuslinke werden.

Da war ich dann endlich mal wieder so richtig und von Herzen und wie früher: dagegen! Schön war’s trotzdem. Und schmerzhaft. Heute hier, morgen fort. Schönes Wochenende!

Von Imre Grimm

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