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Wie wurden Sie zum Einbrecher?

Peter Zingler im Interview Wie wurden Sie zum Einbrecher?

Der 73-jährige Peter Zingler war in seinem ersten Leben Profidieb. Er räumte 25 Jahre lang Läden aus, machte fette Beute, saß insgesamt zwölf Jahre im Gefängnis. Doch dann konnte und wollte er nicht mehr: Er begann ein zweites Leben als Autor. Jetzt schreibt er unter anderem “Tatort“-Drehbücher. Jan Sternberg hat ihn getroffen.

Erst stieg er ein, dann stieg er aus: Aus dem Einbrecher Peter Zingler wurde ein Autor, der unter anderem Drehbücher für den “Tatort“ schreibt.

Quelle: Jacqueline Schulz

Berlin.  

Herr Zingler, wurde bei Ihnen schon einmal eingebrochen?

Ja. Und als Dieb bestohlen zu werden ist das größte Leid auf Erden. Ich habe natürlich geguckt, ob wirklich was weggekommen ist. Ich habe mich über die Unordnung geärgert. Es waren keine Profis – diese Tageseinbrecher sind ja alle keine Profis.

Und war etwas weg?

Ich hatte ein bisschen was versteckt, sie haben es aber nicht gefunden, dafür hatten sie nicht genug Zeit. Die haben ja einen unglaublichen Stress. Sie haben mehr Angst als die Bewohner. Wenn sie erwischt werden, sind sie dran. Und wenn sie in Etagenwohnungen sind, können sie nicht aus dem Fenster zu springen.

Wie arbeiten diese Tageseinbrecher?

Die gehen in ein Haus, klingeln, wenn keiner aufmacht, setzen sie den Schraubenzieher an, wenn es nicht klappt, nehmen sie die nächste Tür. Wenn sie die Tür aufkriegen, können sie Pech haben, dass die Wohnung leer ist. Oder sie finden nichts. Wer hat denn was? Früher haben sie Fernseher und Videorekorder mitgenommen, dafür gibt es heute kein Geld mehr. Jetzt gehen sie nur auf Schmuck oder auf Bargeld. Das ist gerade in Wohnungen ganz schwer zu finden.

Viele Menschen trifft ein Einbruch emotional viel stärker als finanziell. Wie ging es Ihnen danach?

Ich verstehe ja, dass die Leute genervt sind wegen der Unordnung. Das war ich auch. Aber ich war nicht gestört in meinem Inneren, weil jemand bei mir eingebrochen hat. Wenn sie nichts geklaut haben, haben sie nichts geklaut.

Andere leben jahrelang mit Angstzuständen. Wie kann man es denn verhindern, diese Erfahrung machen zu müssen?

Jedenfalls nicht, indem man auf den Staat vertraut. Jeder Einzelne muss sich kümmern. Wenn das jeder macht, bricht keiner mehr ein, jedenfalls keiner von diesen schnellen Einbrechern. Wenn du im Parterre wohnst, musst du die Fenster und die Tür anständig sichern. In den oberen Etagen nur die Tür, außer, das Haus hat gut zu erkletternde Balkone. Und wenn das den Leuten zu teuer ist, soll der Staat ihnen unter die Arme greifen. Wenn deine Tür aus Pappe ist und keinen anständigen Eisenrahmen hat, dann nützt dir auch das Schloss nichts. Du brauchst einen anständigen Eisenrahmen, ein glattes Zylinderschloss, so dass es keiner rausdrücken kann. Die Tür sollte auch in dem inneren Rahmen aus Metall sein – und dann bekommt die keiner so leicht auf. Wer picken kann, also das Schloss aufkriegt, der macht sich die Arbeit nicht bei einer Tür, bei der er nicht weiß, was er dahinter an Beute erwarten kann. Ein Profi geht dahin, wo er einen Tipp bekommen hat, dass es was zu holen gibt, oder wo es ersichtlich ist.

Sie waren Profi. Wie haben Sie gearbeitet?

Ich habe überwiegend Läden gemacht. Teppichläden, Pelzläden. Damals gab’s ja noch was für Pelze, heute sind die nichts mehr wert. Welche Frau trägt noch Pelz? Und auch mit den Klunkern ist es nicht mehr so. Seit die Firma Swarowski den Menschen erzählt hat, dass Glas auch schön glitzert, ist auch das Interesse an echtem Schmuck zurückgegangen. Ich könnte heute gar nicht mehr von meiner Arbeit leben. Höchstens noch von der Kunst. Kunst aber können nur Profis. Die müssen wirklich wissen, was sie damit anfangen können.

Haben Sie immer Tipps bekommen, wo es sich einzubrechen lohnt?

Manchmal ja. Aber Tipps sind mit Vorsicht zu genießen. Mir hatte mal einer gesteckt, irgendwo lägen “ganz viele tolle Teppiche“. Aber da waren nur Flokatis und billige Webteppiche. Der hatte keine Ahnung. Oder: “Da sind tolle Bilder!“ Aber da waren nur Drucke. Wichtiger ist, dass man es verkaufen kann. Von Briefmarkensammlungen rate ich übrigens ab. Da habe ich einmal zugegriffen, der Sammler meinte, seine Sammlung sei weit mehr als 100 000 Mark wert. Ich bin die so gut wie nicht losgeworden. Ein Fachhändler hat dann 95 Prozent aussortiert. Manche Sammler überschätzen sich ja auch.

Wie finden Sie Ihre Kunden?

Wenn du die Leute nicht kennst, wirst du nichts verkaufen können. Mein erstes Bild war ein Miró, ein sehr großes Aquarell. Ich habe in einer Kunstzeitschrift gesehen, dass es ein paar Jahre vorher in der Schweiz für 120 000 Franken versteigert worden war. Verkauft habe ich es dann schließlich für 40 000 Mark an den Innenminister eines deutschen Bundeslandes. Ich habe dem eine Geschichte erzählt, wie ich an das Bild gekommen wäre, von der wir beide wussten, dass sie nicht stimmt. Wenn jemand günstig an etwas kommen kann, das ihm Spaß macht, fragt er nicht mehr genau nach. Und für mich beginnt genau da die Kriminalität.

Wie meinen Sie das genau?

Wenn jemand keine Angst hat, erwischt zu werden, wird er sehr schnell kriminell. Jeder ist kriminell, es ist nur eine Frage des Preises. Ich stehe wenigstens dazu.

Und die anderen?

Ich bin mindestens 20-mal im Auftrag von Ladenbesitzern bei ihnen eingebrochen. Ich sollte nur schön aufmachen, und als ich reinkam, war schon alles weg. Dann habe ich dafür Geld bekommen und die haben den Schaden für die vermeintlich geklaute Ware der Versicherung gemeldet. Ich bin häufig darauf angesprochen worden. Auch wenn es nicht abgesprochen war, haben viele davon profitiert. Ich geh rein, hole Teppiche, zähle zu Hause nach: 800 000 Euro Verkaufspreis. In der Zeitung stand am nächsten Tag: Es entstand ein Schaden von 4 Millionen Euro. Der Händler hat an dem Einbruch viel mehr verdient als ich.

Warum haben Sie aufgehört?

Nicht, weil ich ein besserer Mensch geworden bin. Ich habe aufgehört, weil ich den Stress nicht mehr ausgehalten habe. Man wird ja paranoid. Am Kreisverkehr fahre ich immer fünfmal rum, um zu sehen, ob mich jemand verfolgt. Ich wollte auch keinen Knast mehr. Bei der letzten Verurteilung hat man mir Sicherungsverwahrung angedroht. Da habe ich lieber aufgehört.

Wie wurden Sie zum Einbrecher?

Angefangen hat es in der Nachkriegszeit in Köln. Da hat jeder alles geklaut. Denn der Kardinal Frings hatte das ja erlaubt – so haben es jedenfalls die Kölner interpretiert. “Fringsen“ war das Wort damals. Und die Erwachsenen haben uns Kinder zum Schmuggeln über die belgische Grenze geschickt. Hin haben wir Buntmetall gebracht, zurück Zigaretten. Wir sind durch den Hürtgenwald gelaufen, das war das letzte große Schlachtfeld der Ardennenoffensive. Da lagen noch Panzer drin, überall Waffen, da hingen Tote, da waren Minen. Da haben uns die Erwachsenen durchgeschickt. Man merkt ja gar nicht, wie man ausgenutzt wird als Kind. Ich fand’s spannend. Und Unrechtsbewusstsein konnte ich auch nicht lernen. Immer wenn ich ankam und hatte zum Beispiel vier Eier, hat die Oma gesagt: Das hast du gut gemacht.

Sehen Sie da eine Ähnlichkeit zu Jungs, die heute in einem Elendsviertel in Nordafrika oder einer Roma-Siedlung auf dem Balkan aufwachsen?

Ja, völlig richtig. Ich habe mit 15 zwei Jahre Jugendknast bekommen, das kriegt heute keiner mehr für ein paar Diebstähle. Ich habe trotzdem nicht aufgehört. Es wird es immer wieder geben, dass Underdogs versuchen, sich ein besseres Leben durch Straftaten zu ermöglichen.

Bringt es etwas, Jugendliche in den Knast zu stecken?

Ein Warnschuss ist nicht schlecht. Aber einen Warnschuss gibt es ja auch nicht mehr. Wenn ein 18-Jähriger mit zehn, zwölf Verfahren vor den Richter kommt – den hätte man vorher mal schocken müssen.

Zur Person: Peter Zingler

Peter Zingler hat gerade das Drehbuch für seinen 21. “Tatort“ fertiggestellt. Die Schweizer Episode wird im Frühjahr gedreht. Seit den 1990er-Jahren ist er im Filmgeschäft, es ist eine gute Karriere, auch wenn Zingler in seinem ersten Leben stellenweise viel reicher war. 25 Jahre lang war er Dieb, räumte Luxusläden und ganze Schmuckkaufhäuser aus. Ein Profi. Dann wollte er aussteigen. Zwölf Jahre Knast waren genug.

Immer wieder hatte es Zingler mit ehrlicher Arbeit versucht. Aber: “Kaum dass das Gerücht aufkam, dass ich im Knast gesessen hatte, flog ich wieder raus.“ Beim Fernsehen funktioniere es anders: “Ich musste nie lügen. Ich konnte von Anfang an sagen: In meinem ersten Leben war ich Einbrecher. Ich habe zwölf Jahre im Knast gesessen. Das war ein Vorteil. Sie haben mich rumgezeigt in der Fernsehwelt.“ Gleich am Anfang heimste er zwei Grimme-Preise ein. Einen für das Drehbuch zum Wiener “Tatort: Kinderspiel“ von 1992. Darin geht es um – Einbrecher. Eine Jugendbande aus Osteuropa. Keine Profis wie Zingler. Aber solche Banden von Jugendlichen oder jungen Erwachsenen sind für die meisten Einbrüche in Wohnungen verantwortlich.

Zingler sagt, es werde immer wieder Menschen geben, die versuchen, sich ein besseres Leben durch Straftaten zu ermöglichen. Er weiß, wovon er redet. So ein Underdog war er auch. Und die Roma-Jungs, die er zur Recherche damals in Wien traf, haben ihn an den jungen Peter erinnert. Nur dass sie noch perspektivloser lebten: “Keiner von denen konnte lesen und schreiben. Und da sind andere gefordert.“ Mit Bildung, mit einer anderen Option, würden sie sich einen anderen Job suchen, glaubt Zingler. Er glaubt an das Gute im Menschen – und an die Verantwortung des Staates, jedem eine Chance zu geben.

Aber Zingler ist auch einer, der immer das Abenteuer suchte. Einer seiner ersten legalen Jobs als Jugendlicher war Hilfsvorführer in einem Kino. Da verliebt er sich unsterblich in die Leinwandschönheit Brigitte Bardot. Er fährt nach St. Tropez, um sie zu suchen. Bleibt vier Wochen lang, und sieht sie schließlich wenige Schritte vor ihm vorbeilaufen. “Ich habe sie nicht angesprochen“, erzählt Zingler. “Ich habe mich nicht getraut. Aber ich war glücklich.“

Gibt es heute noch Einbrecher, die er bewundert? Ja, sagt Zingler, ausgerechnet die KaDeWe-Räuber haben ihn beeindruckt. Mitten im Weihnachtsgeschäft 2014 schlugen maskierte Räuber blitzschnell Vitrinen voll teurem Schmuck ein und räumten sie aus. Es war ein Job einer der berüchtigten Berliner Großfamilien palästinensischer Herkunft. “Das Ding hat mir gefallen“, sagt Zingler. “Die hatten ein Ziel, es gab was zu holen, den Weg, wie sie es gemacht haben, hätte ich vielleicht anders gemacht. Nicht so auffällig.“

Er hat immer versucht, unauffällig zu agieren. Hat sich nach Ladenschluss in einem Schmuckkaufhaus einschließen lassen, aber beim Rausgehen doch den Alarm ausgelöst. Er floh zu Fuß – ohne Beute, wurde sogar kontrolliert. Knapp zu entkommen gehört dazu. Ein anderes Mal räumte er mit einem Komplizen einen Teppichladen aus, als die Polizei sich näherte. Doch die Beamten wiesen die beiden nur darauf hin, dass die Parkzeit für ihren Lastwagen bald ablaufe.

Solche Geschichten erzählt Zingler in seinen autobiografischen Romanen “Im Tunnel“ und “Vom Tunnel zur Himmelsleiter“. Und er verarbeitet sie in seinen Drehbüchern, für die “Tatort“-Folgen ebenso wie für den Zweiteiler “Die Himmelsleiter“. Zingler lebt schon lange in Frankfurt, seinen rheinischen Singsang und die typische Distanzlosigkeit aber hat der Kölner nie abgelegt. So jemand ist mit sich im Reinen, Reue zeigt er keine. Fast keine: “Hätte ich mit 14 gewusst, dass ich ein Schriftsteller werde, hätte ich das mit dem Klauen vielleicht gelassen“, sinniert er. Doch worüber hätte er dann schreiben sollen?

Von Jan Sternberg

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