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20:01 28.10.2016
Verschwindende Schwaden: Weltweit entsteht immer seltener und immer weniger dichter Nebel. Meteorologen versuchen jetzt herauszufinden, warum. Quelle: Bernd Schulz / unsplash

Der November gehört nicht gerade zu den Lieblingsmonaten der Deutschen. Und das liegt vor allem am Nebel. Die trübe Suppe macht viele müde und manche krank. Jeder zehnte Deutsche spürt den Winterblues, 2 bis 3 Prozent der Bevölkerung leiden sogar an einer veritablen Winterdepression. Auch für Meteorologen ist der Nebel häufig ein Ärgernis, weil er sich genauso geheimnisvoll verhält, wie er aussieht. Wann er entsteht und wann er sich wieder auflöst, können Wetterexperten nur sehr schwer vorhersagen.

Auch Otto Klemm brauchte einige Zeit, um sich mit dem Nebel anzufreunden. Der Klimatologe von der Universität Münster ist einer der angesehensten Nebelexperten weltweit. Als er in den Achtzigerjahren in Bayreuth studierte, versuchte ihn ein Dozent zu überzeugen, sich mit Nebel zu befassen. Anfangs vergeblich. Doch nach ein paar Monaten folgte er dem Rat. Noch heute lässt sich nicht behaupten, dass Klemm gern im Trüben forscht. "Es gibt schönere Dinge als Nebel", sagt er. Aber faszinierend findet er die wabernden Schwaden schon.

Der Klimatologe Otto Klemm von der Universität Münster ist einer der angesehensten Nebelexperten weltweit. Quelle: Uni Münster

Rund 300 Wissenschaftler weltweit untersuchen ebenfalls den Nebel. Verglichen mit anderen meteorologischen Forschungsthemen sind das nicht viele. Alle drei Jahre kommen sie zusammen, wie zuletzt im Sommer in Warschau. Bei diesen Treffen dämmerte den Forschern allmählich, dass mit dem Nebel etwas nicht stimmt. Ihnen fiel auf, dass er in immer mehr Regionen auf der Erde auf dem Rückzug ist. Ausgerechnet das Wetter, das Landschaften verschwinden lässt, soll also selbst verschwinden?

Für Europa sind sich die Forscher mittlerweile sicher, dass diese Beobachtung stimmt. "Der Nebel tritt seltener auf, und er ist auch weniger dicht", sagt Otto Klemm. Der Deutsche Wetterdienst in Offenbach bestätigt diesen Trend. Über die Gründe rätseln die Forscher. Um endlich Klarheit zu erhalten, müssen sie zunächst verstehen, an welchen Orten und unter welchen Bedingungen sich Nebel bildet – und an welchen nicht.

Dabei sprechen Wetterkundler erst dann von Nebel, wenn die Sicht am Boden 1000 Meter unterschreitet, ansonsten von Dunst. Die kleinen Wassertröpfchen oder gar Eisteilchen bewirken eine Streuung des Lichts, die nicht von der Wellenlänge abhängt. Daher erscheint Nebel weiß bis gräulich.

Nebel ist nicht gleich Nebel

Die dichten Tröpfchen verleihen einem Nebel seine Dauer, indem sie wärmendes Sonnenlicht abschirmen. Bis zu 90 Prozent der eintreffenden Strahlung kann eine Nebelwand reflektieren. Zudem kann sie nachts besonders viel Wärme ins Weltall abstrahlen.

Doch Nebel ist nicht gleich Nebel. Meteorologen unterscheiden verschiedene Arten und gliedern sie üblicherweise nach Entstehungsbedingungen, aber auch nach Entstehungsorten. Physikalisch gesehen ist Nebel eine Wolke, die den Boden berührt: Umgekehrt ist eine Wolke eine Nebelbank, die jeglichen Bodenkontakt verloren hat.

Kühlt sich feuchte Luft ab, wird der in der Luft schwebende Wasserdampf sichtbar. Er kondensiert. Das passiert, weil kalte Luft weniger Wasser aufnehmen kann als warme. Die Grenze zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit des Wasserdampfs nennen die Meteorologen Taupunkt. Fällt die Temperatur unter den Taupunkt, bilden sich viele winzige Tröpfchen, die zusammen eine Nebelschwade ergeben. Je mehr Tröpfchen sich versammeln, desto undurchsichtiger wird die Schwade.

Zäh: Advektionsnebel wird durch wärmere Luftschichten in Bodennähe "gedeckelt". Quelle: iStock

Nebel und Wolke unterscheiden sich allerdings dadurch, wie sie entstehen: Bei einer Wolke kondensiert der Wasserdampf, nachdem die feuchte Luft in kältere Schichten gehoben wurde. Dadurch unterschreitet der Wasserdampf den Taupunkt, wird sichtbar – und eine Wolke bildet sich.

Beim sogenannten Strahlungsnebel aber, einer von zwei Hauptnebelarten, wird die Luft nicht angehoben. Sie liegt träge am Boden, wird tagsüber von den Sonnenstrahlen erwärmt und nachts unter klarem Himmel abgekühlt. Das geschieht häufig im Herbst, denn je länger die Nacht, desto tiefer sinkt das Thermometer und desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich Nebel bildet. Ist die Luft zudem sehr feucht, wie etwa über Wiesen, wird der Taupunkt meist schnell erreicht.

Strahlungsnebel entsteht meist unter einem Hochdruckgebiet, in dem die Luft absinkt, während kaum Wind weht. Seine Schicht ist dünn, manchmal nur wenige Meter mächtig, deshalb spricht man auch von Bodennebel. Zudem nässt diese Nebelart nicht und löst sich im Laufe des Tages in der Regel wieder auf.

Unten kalt, oben warm

Deutlich beständiger und auch mächtiger als der Strahlungsnebel ist der sogenannte Advektionsnebel. Er ist der Grund für den schlechten Ruf des Winterhalbjahres – und der Albtraum jedes Flachlandbewohners. Hierzulande besonders anfällig für diese Nebelart sind Regionen wie das Donautal oder das Bodenseegebiet, in denen das natürliche Feuchteangebot groß ist.

Denn Advektionsnebel entsteht, wenn sich warme Luft in der Höhe wie ein Deckel über eine feuchtkalte Schicht am Boden legt. Die sich dort bildenden Nebelschichten werden bis zu mehrere hundert Meter dick und können mitunter vom Boden abheben. Das Ergebnis: Hochnebel.

Unten kalt, oben warm – in diesem Zustand ist die Atmosphäre so stabil geschichtet, dass Sonnenstrahlen allein die Suppe nicht lichten können. Bei solchen Wetterlagen kehren sich die Verhältnisse um. Die Luft wird mit der Höhe nicht kälter, sondern wärmer. Meteorologen sprechen von einer Inversion. Die Folgen sind paradox: Während Talbewohner bibbern, herrschen oben in den Bergen T-Shirt-Bedingungen.

Lebenswichtig: Kaliforniens Küstenmammutbäume überbrücken Trockenzeiten durch die Nebelfeuchte. Quelle: dpa

Durch seine Arbeit im taiwanischen Nebelwald weiß Otto Klemm, dass seit zehn Jahren auch in Südostasien an zwei Dritteln der Wetterstationen weniger Nebel aufzieht als früher. Die Nebelforscher verdächtigen den Klimawandel als Auslöser, schließlich wird es auf der Erde kontinuierlich wärmer.

Die zweite Theorie lautet, dass die nachlassende Luftverschmutzung weniger Nebel entstehen lässt. Denn Staub, Dreck und Abgase wirken als Kondensationskeime. Wo die Luft rußig oder schwefelhaltig ist, bilden sich deshalb dicke, schmutzige oder säurehaltige Tröpfchen, die den Nebel noch dichter werden lassen. Der dadurch entstehende Smog – ein Kunstwort aus "smoke" (Rauch) und "fog" (Nebel) – behindert nicht nur die Sicht, sondern schlägt auch auf die Atemwege. Die Säuren fressen sich sogar ins Mauerwerk.

Nebelfänger in Trockengebieten

Sollte allerdings der Rückzug des Nebels direkt auf die verbesserte Luftqualität zurückzuführen sein, wäre das nur teilweise eine gute Nachricht. Es gibt gute Gründe, warum man sich über weniger Nebel nicht allzu sehr freuen sollte. Denn in vielen Weltgegenden, vor allem an Küsten, ist Nebel eine der Hauptquellen für Feuchtigkeit und versorgt ganze Ökosysteme.

Kalifornische Küstenmammutbäume etwa überbrücken Trockenzeiten, indem sie Nebeltröpfchen über ihre Blätter aufnehmen. Zudem trägt der Nebel Nährstoffe zu den Pflanzen und füllt sogar die Grundwasservorräte auf. Amphibien leiden als erste Tiere, wenn der Nebel längere Zeit ausbleibt.

Auch deshalb stehen seit einigen Jahren in vielen Trockengebieten Nebelfänger in der Landschaft, die durchziehende Schwaden melken und somit Trinkwasser für Mensch und Tier gewinnen. Über ausbleibenden Nebel freut sich dort niemand.

Von Andreas Frey

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