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20:01 11.11.2016
Hochhaus mit Gartenanschluss: Sind "Treescraper" wie der Tour des Cèdres (Bild) die Zukunft des urbanen Wohnens? Ein Blick auf die Vorzeigeprojekte, Hoffnungen und Probleme. Quelle: Stefano Boeri Architetti

Im 20. Stockwerk von Vogelgezwitscher geweckt werden, in der 30. Etage unter Apfelbäumen wandeln und auf Dächern von Wolkenkratzern Schafe hüten: Die Stadt der Zukunft könnte pittoresk werden. Hängende Gärten könnten die Stadtbevölkerung mit frischem Obst und Gemüse versorgen und überdies zum natürlichen Schadstoffabbau in Megacitys beitragen, durch die Elektro- und Solarautos beinahe lautlos gleiten. Wolkenkratzer könnten in Baumhäuser verwandelt und der Wechsel der Jahreszeiten auch in Ballungszentren unmittelbar erlebbar sein. Stadt und Land wären gleichermaßen lebenswert.

Bislang jedoch dehnt sich der Großstadtdschungel, mit besonderer Wucht in Fernost und den Ländern des Globalen Südens, in altbekannter Form aus: brutal, laut, grau. Bis 2050 soll laut aktuellen Prognosen der in Ballungszentren lebende Anteil der Weltbevölkerung von heute 50 auf 70 Prozent ansteigen. Da kommt den bislang zaghaften Bemühungen der Hochhausbegrünung und dem ökologisch-nachhaltigen Bauen nicht nur hohe Signalwirkung, sondern eine Hoffnungsperspektive zu.

Die Natur in die Metropolen holen

Planungen für Ho-Chi-Minh-Stadt sehen drei kantige, modernistische Blöcke vor, das Diamond-Lotos-Projekt von Vo Trong Architects. Die Wohntürme weisen nicht nur tropisch bepflanzte Balkone auf, sondern in schwindelerregender Höhe eine Verbindung in Form eines durchgehenden Mega-Dachgartens.

Ein Pekinger Studio wurde von einem indischen Bauherrn mit einem grünen Wohnturm beauftragt, dem Vijayawada Garden Tower mit modularen Etagengärten, und in Taipeh befindet sich der Agora Tower des belgischen  Architekturavantgardisten Vincent Callebaut in der Bauphase: eine sich in den Himmel schraubende, bepflanzte Doppelhelix inmitten eines dichten Siedlungsraums.

Callebaut macht nicht nur mit Treescrapern auf sich aufmerksam, so heißt die Verschmelzung von Skyscrapern und Landschaft. Spektakulär sind seine Visionen für Paris: Sein Entwurf Paris Smart City 2050 sieht aerodynamische Hochhäuser vor, die die Natur ins Herz der französischen Metropole zurückbringen, mit bioklimatischen Kreisläufen der Erderwärmung entgegenwirken und den Eiffelturm wie eine kahle Antenne aus dem Vor-Öko-Zeitalter aussehen lassen.

Blick in die Zukunft? Die Zwillingstürme des "Bosco Verticale" in Mailand, entworfen vom Studio Boeri international, stehen bereits. Quelle: afp

Vor zwei Jahren machte die Eröffnung des Mailänder Bosco Verticale (Vertikaler Garten) des Studio Boeri international Schlagzeilen: 111 und 76 Meter hohe Zwillingstürme, wo auf versetzten Balkonen Hunderte Bäume und Tausende Büsche siedeln. Während die einen das Projekt als mögliches urbanistisches Zukunftsszenario feierten – es erhielt auch den renommierten Internationalen Preis für das schönste Hochhaus – sehen es andere als "l‘ultima follia" an, als Gipfel der Narrheit.

Inzwischen findet das Modell weltweit Nachahmer. Insbesondere in Asien, wo Landflucht in den zurückliegenden 20, 30 Jahren zu dystopischen Entwicklungen führte, wird mit Biomimikri-Architektur experimentiert.
Der Theorie nach regulieren biodiverse Hochhäuser nicht nur das Stadtklima, sondern auch sich selbst: indem beispielsweise Regenwasser-Tröpfchenanlagen oder recycelte Abwässer automatisch die Gärten bewässern und sich die nötige Energiezufuhr Photovoltaikanlagen verdankt.

Ob die schöne grüne Großstadtwelt tatsächlich in gewünschter Weise florieren und nachhaltig zur Verbesserung des ökologischen wie auch sozialen Stadtklimas beitragen kann, ist indes keineswegs ausgemacht. Zu rar gesät sind die umgesetzten Projekte, zu spärlich ist bislang das Erfahrungswissen.

Bäume gegen Höhenangst

Die Pioniere des grünen Bauens geben sich optimistisch. Stefano Boeri kann inzwischen auf immerhin drei Wachstumsjahre seiner Bäume in Mailand zurückblicken, die 2013 in den Rohbau gepflanzt wurden. Der Schöpfer des Bosco Verticale gestand in einem Interview, dass er geradezu besessen war von dem Wunsch, "alles auf die Spitze zu treiben" und "möglichst große Bäume zu verwenden". Die Grenzen des Machbaren seien mit dem Mailänder Projekt längst nicht erreicht. "Der Bosco Verticale könnte auch doppelt oder dreimal so hoch sein", meint Boeri.

Seit der Eröffnung des senkrechten Gartens schlägt sich sein Büro mit technischen Fragen herum, etwa der Sicherung der Bäume mit Drähten gegen Sturm oder dem Problem der Flachwurzelung. Balkone sind halt keine Waldböden. Inzwischen kann der Architekt auch einiges zum Umgang der Bewohner mit den Pflanzen sagen: "Wir haben eine ganz besondere Wirkung entdeckt: Menschen bekommen in Hochhäusern manchmal Höhenangst und Schwindelgefühle. Im Bosco Verticale aber sind diese Empfindungen für viele Betroffene wie weggeblasen, weil die Bäume Stabilität und Sicherheit ausstrahlen."

Als Nächstes nimmt das Boeri Studio einen luxuriösen Wohnturm in der Schweiz in Angriff: den Tour des Cèdres in einem Vorort von Lausanne. Statisch eingeplant sind bis zu zwölf Meter hohe Baumriesen. Inspiriert von Friedensreich Hundertwasser und Joseph Beuys schätzt der Architekt Bäume als charaktervolle Gegenüber. Was Boeri schafft, sind letztlich Baum-Mensch-WGs, wo es um Kommunikation und Fürsorge über die Artengrenze hinweg geht. 2017 ist Baubeginn des Zedernturms, 2020 soll Eröffnung der schicken Immobilie mit 3000 Quadratmetern vertikalen Waldes und Blick auf den Genfersee und Montblanc sein.

Mit Buschwerk und Bäumen gegen Schwindelgefühle: Bepflanzte Hochhäuser haben viele Vorteile, doch die Sicherung gegen Wind und Wurzelschäden erfordert große Investitionen. Quelle: Thomas Ledl

Dass Treescraper bislang vornehmlich Luxusbedürfnissen begüterter Stadteliten entgegenkommen, kreiden Kritiker den Experimenten an. Unbestreitbar ist, dass die Errichtung und Wartung grüner Wolkenkratzer kostenintensiver ist als herkömmlicher Hochhausbau. Um ausgewachsene Bäume tragen zu können, müssen Balkone massiv verstärkt werden.

Der coole grüne Look der Häuser geht also nicht unbedingt mit einer vorteilhaften Ökobilanz einher. Skeptisch machen kann auch das erhöhte Sicherheitsrisiko. Mit Treescrapern steigt eine bislang ungekannte Gefahr, nämlich von Bäumen erschlagen zu werden, die buchstäblich vom Himmel fallen.

Gleichwohl bleibt die grüne Stadt ein schier unwiderstehlicher Traum. Eine Idee davon gab im Expojahr 2000 der holländische Pavillon in Hannover mit seiner utopisch gestapelten Landschaft. Der Traum grüner Städte ist uralt. Er reicht bis zu den legendären "Hängenden Gärten" im Babylon der Semiramis zurück und zum Garten des altorientalischen und biblischen Paradieses. "Ich denke, Stadt und Natur sollten eins werden, das ist besser für die Menschen, aber auch für den Planeten", sagt der holländische Architekt und Baumphilosoph Raimond de Hullu. In seiner Kreation "Oas1s" sind Baum und Haus kaum noch zu unterscheiden.

Von Johanna Di Blasi

Grüne Vorhänge

Keine Bäume, dafür grüne Vorhänge aus Moos, Flechten und Ranken: Das Konzept für den "Tower 90" des Architekturbüros Magnus Kaminiarz & Cie. Quelle: Magnus Kaminiarz & Cie.

Die softe Alternative zu Treescrapern sind Wandbehänge aus Flechten und grünen Ranken. Im Frankfurter Europaviertel soll mit dem Tower 90 des Büros von Magnus Kaminiarz ein 90 Meter hohes Gartenhochhaus mit einem Grünvorhang so groß wie der Römerberg entstehen. Die Planer sprechen von einem "poetischen, vertikalen Garten". Im australischen Sydney hat der französische Stararchitekt Jean Nouvel bereits einen grünen Hochhauskomplex namens One Central Park errichtet. An den Fassaden gedeiht auf 1000 Quadratmetern der – nach Auskunft von Nouvel – größte hängende Garten der Welt.

Nouvels Gärtner heißt Patrick Blanc, der bereits 2012 im Berliner Kulturkaufhaus Dussmann mit 6000 Tropenpflanzen auf 270 Quadratmetern eine "Mur Végetal" gestaltete. Als noch nachhaltiger als grüne Vorhängefassaden gelten Algenwände. Ein kleines Exemplar eines Algen-Hauses wurde 2013 im Rahmen der Internationalen Bauausstellung in Hamburg errichtet: Entlang der Fassade gedeihen in Glassegmenten Mikroalgen, die geerntet und in Biogas umgewandelt werden können – zur Strom- und Warmwassererzeugung. Im Sommer hält der Algenschleier das energieautarke und CO2-neutrale Haus kühl.

Von Johanna Di Blasi

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