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Keine Ahnung von Tuten und Blasen

Trompete auf dem Smartphone Keine Ahnung von Tuten und Blasen

In einem jahrelangen Markenrechtsstreit hat jüngst ein Programmierer aus Kalifornien gegen Donald Trump gewonnen: Er darf seine App weiterhin iTrump nennen. Doch was kann die Anwendung überhaupt? Nicht viel, urteilt unser Tester.

Ein großer Schritt für die digitale Trompete (und gegen Donald Trump), ein kleiner für die Musik im Großen und Ganzen: die App “iTrump“ darf ihren Namen behalten.

Quelle: iStock

Hannover. Tom Scharfeld ist in diesem Fall unser David. Der Programmierer aus San Francisco, heute 40 Jahre alt, hat eine Trompeten-App fürs iPhone entwickelt. Die App funktioniert nach einem simplen Prinzip: Auf dem Touch-Display des Telefons tippt der Spieler auf Tonfelder, die so angeordnet sind wie die Ventile einer echten Trompete. Es gibt einen Modus, bei dem der iPhone-Trompeter ins Sprechmikrofon pustet; eine Annäherung immerhin, wenn auch ungenügend, an die Blasmusik-idee.

Scharfeld hat seine App iTrump genannt. Trump wie Trumpet, Englisch für Trompete. Ganz plausibel, aber ... Ein Trommelwirbel, allerhand Fanfaren: Trump, “The Donald“, betritt 2011 die Arena als Goliath mit einem Gefolge aus Markenschutz-Anwälten. Sie fordern eine Änderung des App-Namens. Es bestehe nämlich Verwechslungsgefahr. Mit einer Trompete auf dem iPhone – na klar. Doch die Anwälte argumentieren: Trump sei nun mal ein Markenzeichen Donald Trumps, mit dem dieser unter anderem seine Hotels und Golfplätze vermarkte. Für die Verwendung seines Namens kassiert Trump Lizenzgebühren.

Scharfeld ist Gründer und Chef der iTrump-Programmierfirma Spoonjack. Er ist zugleich ihr einziger Mitarbeiter. Normal wäre, dass einer in dieser Situation den Blues kriegt und eingeschüchtert aufgibt. Aber Tom “David“ Scharfeld hat langen Atem, liest sich ins US-amerikanische Markenrecht ein und nimmt – ohne anwaltliche Hilfe – den Kampf auf, den er nach sechs Jahren am Ende vor Gericht gewinnt. Die App iTrump darf weiter so heißen.

David gegen Donald Trump

David gegen Donald Trump: Die Trompeten-App iTrump darf weiter so heißen.

Quelle: Spoonjack

Das ist doch ein Sieg für David, Spott und Häme für Goliath, ein großer Moment für die virtuelle Trompete, oder? Ihre Berühmtheit verdankt die iTrump allein dem David-gegen-Goliath-Stunt, aber nicht ihrer Eignung zum Musikmachen. Räumen wir doch bei der Gelegenheit mal grundsätzlich mit der Legende der iPhone-Instrumente auf! Hat man sie jemals auf der Bühne in der Hand eines Musikers gesehen? Hört man sie auf irgendwelchen Aufnahmen? Kaum.

Sie sind, von ganz wenigen Ausnahmen wie elektronischen Rhythmen und nützlichen Effekten abgesehen, immer nur Gimmicks und keine Instrumente. Man kann damit Kumpel beeindrucken (“Guck mal, was ich da habe!“), aber kein Publikum. Und die App-Store-Verlockung, das iPhone mache aus jedem Nichtmusiker einen Musiker, ist einfach das: eine Illusion.

Warum? Treten wir einen Schritt zurück und schauen aufs Ganze. Musik ist eine launische Göttin, großartig, aber grausam. Knie vor ihr in Demut, und vielleicht, aber nur vielleicht beschenkt sie dich mit ihrer Gnade. Eine Million träumt davon, Musiker zu sein. 100 000 versuchen es, 1000 werden es, aber keiner davon mit dem iPhone. Der Weg zur Göttin der Musik ist lang und steinig, und es gibt keine Abkürzung per App. Das Gebet des Musikers zu seiner Göttin ist: üben, dann mehr üben und danach noch mehr üben. Das klingt jetzt – um trompetenmäßig mal im Sprachbild zu bleiben – etwas überblasen. Ist aber so.

Zehn Stunden bis “Guantanamera“

Klar, man kann auch auf der iTrump üben. Der Selbsttest ergibt, dass ein leidlich musikalischer Nichttrompeter nach zwei Stunden des Herumprobierens “Twinkle, Twinkle, Little Star“ und nach zehn Stunden “Guantanamera“ und “Also sprach Zarathustra“ von Richard Strauss hinbekommt (diese drei und eine Handvoll andere Lieder stehen als Lernstücke im iTrump-Play-Along-Modus zur Verfügung, weitere gibt es für je 1,09 Euro im App-Store).

Wobei “hinbekommen“ heißt, dass die Töne stimmen, nicht, dass es Musik ist. Selbst nach 100 oder 1000 Stunden wird die iTrump immer noch sein, was sie nun mal ist: ein billiger, quietschiger Gimmick-Download. Die App kostet 3,49 Euro. Vorschlag: iTrump vergessen und von dem Geld jemandem einen Drink spendieren. Und wer “The Donald“ den Marsch blasen will, braucht ohnehin eine echte Trompete.

Musik-Apps fürs Smartphone

Aktuell gibt es mehr als 50 000 Musik-Apps in der Kategorie Musik und Audio in den App-Stores von Apple und Google. “Die meisten dieser Apps sind für das Abspielen von Musikaufnahmen geeignet“, sagt Matthias Krebs von der Forschungsstelle Appmusik an der Universität der Künste Berlin. “Neben den zahlreichen Player- und Radio-Apps werden ebenso rund 5000 Apps angeboten, mit denen der Nutzer auf vielfältige Weise Musik machen kann.“ Diese Apps unterstützen das Musikmachen mit herkömmlichen Instrumenten wie Klavier und Gitarre oder mit Gesang.

Dass Apps jemals Instrumente ersetzen können, glaubt Musikforscher Krebs aber nicht: “Jedes Instrument hat seine eigenen Qualitäten, da ersetzt die E-Gitarre nicht die Akustikgitarre und das Keyboard nicht das Klavier“, sagt der Experte. So seien auch Apps eigenständige Hilfsmittel mit spezifischen Eigenschaften in Klangerzeugung und Handhabung, die geübt werden wollen.

Das vom Bundesbildungsministerium geförderte Musikapp-Netzwerk tAPP hat insgesamt zwei Dutzend empfehlenswerte Anwendungen zum Musizieren identifiziert und getestet – fast alle für iOS, weil das mobile Betriebssystem eine besonders kurze Reaktionszeit bietet, was insbesondere zur Imitation von Musikinstrumenten wichtig ist.

Von Volker Wiedersheim

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