Startseite LVZ
Volltextsuche über das Angebot:

Google+ Instagram YouTube
Radar für die Ohren

Bessere Navigation für Sehbehinderte Radar für die Ohren

Bislang waren Blinde auf einen Stock, einen Hund oder eine Begleitperson angewiesen. Bochumer Forscher arbeiten nun an einem auf Radartechnik basierenden “Blinden-Navi“, das die Benutzer bald akustisch führen soll.

Bochumer Forscher arbeiten an einem Radar für Blinde, das auch an lauten oder dunklen Orten funktionieren soll.

Quelle: Montage: RND, Fotos: RND, Fotolia

Bochum. Simon Janatzek ist blind. Die Sonne scheint, so viel sagen ihm seine 0,018 Prozent Restsehfähigkeit. Sein Blinden-Navi fürs Handy leitet ihn bis vors Ingenieursgebäude D an der Ruhr-Uni Bochum. Aber wie es drinnen mit den vielen tausend Türen weitergeht, das weiß er nicht. Hier wird an einem Gerät geforscht, das ihm bei der Orientierung in Gebäuden weiterhelfen könnte. Janatzek will wissen, wie weit die Entwickler mit ihrem Blindenradar sind – und ob er Hoffnung in diese Technik setzen darf.

Viele haben schon an technischen Hilfsmitteln für Blinde getüftelt, die die Umgebung vermessen – etwa per Ultraschall oder per Kamera – und dem Träger dann per Vibration oder Tonsignal melden, wo Hindernisse und Wege sind. Das Karlsruher Institut für Technologie entwickelt zum Beispiel eine Art Warnkappe: Sechs Ultraschallsensoren um den Kopf melden nahe Hindernisse durch Druck.

In der Praxis sieht man solche Geräte kaum, sagt Janatzek. Er achtet auf so etwas, denn er verkauft beruflich Blindenhilfsmittel. “Ich höre immer: Bei großen Hindernissen funktioniert das. Aber kleinere Höhenhindernisse wie ein stehendes Fahrzeug mit einem ausladenden Spiegel oder eine heruntergelassene Bühne, das geht meistens relativ schlecht“, sagt Janatzek. Tatsächlich sehe man Blinde nach wie vor mit Stock, Hund oder Begleitperson. Deutschlandweit gibt es nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 650 000 und 1,2 Millionen Blinde und stark Sehbehinderte.

Simon Janatzek ist einer der ersten Probanden

Simon Janatzek ist einer der ersten Probanden.

Quelle: dpa

Drei Bochumer Forschungsinstitute entwickeln gerade einen neuen Ansatz, zumindest ist Radartechniker Nils Pohl bisher kein weiteres Konzept bekannt, das auf Radar fußt. Die für die Schiff- und Luftfahrt entwickelte Radartechnik sendet Radiowellen aus und stellt Objekte, die diese zurückwerfen, auf einer Umgebungskarte dar. “Wir haben die Idee, dass wir mit dieser Sensorik und ihrer Hörbarmachung Menschen direkt helfen können“, sagt Pohl. Das Bochumer Blindenradar soll anders als bisherige Lösungen auch an lauten oder dunklen Orten funktionieren. Es soll dem Träger über ein Hörgerät mit einem Pinggeräusch anzeigen, wo Wege und Hindernisse sind.

Bis dahin ist es freilich noch ein weiter Weg. Unter anderem müssen die Entwickler Skeptiker wie Gerhard Renzel vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) überzeugen, der angesichts eines Blindenradars nur “äußerste Zurückhaltung“ zeigt. Der Verbandsausschuss für Umwelt und Verkehr, dem er vorsitzt, habe schon oft mit derart ambitionierten Ideen zu tun gehabt, die dann aber den hohen Anforderungen für ein wirklich hilfreiches Blindenhilfsmittel nicht genügt hätten.

Test im virtuellen Labyrinth

In einem Raum mit schallschluckenden Schaumstoffen testen die Kommunikationsakustiker um Gerald Enzner das Audioleitsystem in einem virtuellen Labyrinth. Janatzek setzt einen Kopfhörer auf. Ein Ping-Geräusch mit Richtungsinformation leitet ihn. Es zeigt an, wohin er sich als Nächstes bewegen muss. Er dreht sich so lange, bis er das Geräusch direkt vor sich hört. Macht er in dem imaginären Labyrinth per Knopfdruck einen Schritt nach vorn, springt das Ping weiter. Es ist Janatzek immer einen Schritt voraus. Im Prinzip stellen sich die Forscher so die Navigation vor.

Janatzek bewegt sich sicher durch den virtuellen Irrgarten. Zahlreiche technische Probleme sind aber noch ungelöst: Die 3-D-Hörumgebung macht zwar ein Links-rechts-Richtungshören möglich. Ob ein Ping aber vor oder hinter einem ist, könne die Technik nicht unterscheidbar machen, sagt Akustiker Enzner. Auch ist das System für den Alltagseinsatz noch viel zu groß.

Die Arbeit führt tief in grundlegende Fragen: Wie viel Information braucht ein Blinder, um sich sicher zu orientieren? Braucht er eher Angaben zu Hindernissen oder Wegen? Simon Janatzek zum Beispiel wüsste beim Betreten eines Raums gern: “Wo sind alle Ausgänge, welche verschiedenen Wege gibt es hier für mich?“ Einige Blinde wären von so viel Ping aber eher überfordert. Enzner glaubt: “Weniger ist mehr. Überinformation kann auch zu Missverständnissen führen.“

Radartechniker Nils Pohl (l) stellt den weltweit ersten Blindenradar vor

Radartechniker Nils Pohl (l.) stellt den weltweit ersten Blindenradar vor.

Quelle: dpa

Das ist auch für Gerhard Renzel vom DBSV der Knackpunkt. Essenziell sei, dass das Gehör nicht belastet wird. “Es ist für sehbeeinträchtigte Menschen das Wichtigste, ohne das ist man aufgeschmissen.“ Auch könne ein Blindenradar nie den Blindenstock ersetzen. Die Radartechnik sei im Grundsatz gut, aber sie werde nur kombiniert funktionieren, “mit all dem, was wir eigentlich schon erreicht haben“.

Die Bochumer Forschungsergebnisse müssten beispielsweise mit dem vor einem Jahr abgeschlossenen Projekt “mobile multi-modal mobility guide“ (m4guide) verknüpft werden. Bei dem vom Bundeswirtschaftsministerium geförderten Projekt wird Satellitennavigation mit Bus- und Bahnfahrplänen und Gebäudegrundrissen zu einer Tür-zu-Tür-Navigation kombiniert. Höchstens dann sieht Renzel für das Blindenradar Chancen als “Zusatzding“, wie er sagt.

Ob den Bochumern das gelingt, wird sich in gut zwei Jahren zeigen. So lange fließen noch 1,8 Millionen Euro Förderung von EU und dem Land Nordrhein-Westfalen. Dann wollen die Forscher einen Prototypen haben, der das Prinzip demonstriert.

Von Fabian May

Bochum 51.4818445 7.2162363
Bochum
Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Technik & Apps