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Alles übers Warten

Soloalbum von Dhani Harrison Alles übers Warten

Was lange währt ...: Dhani Harrison bringt mit “In Parallel“ im Alter von 39 Jahren sein erstes Soloalbum heraus. Er brauchte die Zeit, um zu reifen. Schließlich wollte er nicht als Beatles-Kind verheizt werden.

Lange Lehrzeit: Dhani Harrison hat mit vielen gespielt – mit dem Wu-Tang Clan, mit ELOs Jeff Lynne, mit Prince und zuletzt mit Annie Lennox.

Quelle: Verleih

Berlin. “Als ich ein Junge war, war ich besessen von Kung-Fu- und Ninja-Filmen“, erinnert sich Dhani Harrison in den Büros seines Labels BMG in Berlin. Er lacht. “Irgendwann fand ich heraus, was das Wort Ninja bedeutet: ,Ja‘ heißt ,Person‘, ,Nin‘ heißt ,die wartet‘. Also ist ein Ninja jemand, der so viel Geduld hat, dass er dir immer noch an den Fersen klebt, wenn du nicht mehr mit ihm rechnest. Eine extrem mächtige Taktik!“

Dhani Harrison hat sie übernommen. Er hat lange gewartet, um den richtigen Moment für sein erstes Soloalbum “In Parallel“ zu finden. 15 Jahre nachdem er “Brainwashed“, das postume Album seines Vaters George, fertiggestellt hatte, erschien als erste Single das bezeichnende “All About Waiting“.

Dhani Harrison besitzt einen Grammy, er hat drei Alben mit seiner Band Thenewno2 eingespielt und eines mit dem Folkrock-Trio Fistful of Mercy. Er hat zudem Soundtracks für Filme (“Beautiful Creatures“) und TV-Serien (“Outsiders“) geschrieben. Erst mit 39 Jahren aber überschreibt der jungenhafte Ninja des Pop ein Album mit dem eigenem Namen: “Wenn du Thom Yorke heißt, kannst du dich mit Radiohead in Ruhe entwickeln“, sagt er. “Die Kinder der Beatles aber bekamen diese Chance nicht. Wir wurden gejagt, jede Minute. Die englischen Medien waren gnadenlos.“

“Plötzlich stand Dad auf der Bühne“

“Ich wusste als Kind, dass mein Vater wer Besonderes sein musste“, erinnert sich Harrison. “Aber ich wusste nicht, WER er war.“ Als Siebenjähriger ging er mit ihm zu einem Konzert des Electric Light Orchestra. “Plötzlich stand Dad auf der Bühne, spielte ,Johnny B. Goode’.“ War das der Tag, an dem er Musiker werden wollte? “Nein, ich war entsetzt. Warum ließen die ihn mitspielen? Stell dir das mal mit deinem Vater vor!“

Als Dhani sich gegen eine Karriere als Rennwagendesigner entschied, begann eine lange Lehrzeit: “Ich spiele bis heute mit jedem zusammen, von dem ich etwas lernen kann.“ Er blickt aus dem Fenster von BMG auf den Gendarmenmarkt, wo am Morgen nach der Bundestagswahl die Kuppel des Deutschen Doms im Regen glänzt. Julian Lennons Debüt “Valotte“ von 1984, das von Phil Ramone penetrant auf den Sound von dessen Vater John getrimmt worden war, war ihm Lehre. “Das hat Julians Karriere geknickt. Deshalb produziere ich alles selbst.“

“In Parallel“ ist rockig, sinfonisch, sehr elektronisch. “Ich habe zur Inspiration den ,Blade Runner‘-Soundtrack von Vangelis gehört und Tomitas Debussy-Album ,Snowflakes are Dancing“ aufgelegt“, sagt Harrison. Dass er die Trip-Hop-Bands aus Bristol verehrt, voran Massive Attack, ist aus den hypnotischen Songs herauszuhören. Und die vielen psychedelisch gebogenen Klänge erinnern an die Beatles, zumal Dhani seinem Vater George sowohl optisch als auch stimmlich unglaublich ähnelt.

Stimmlich und optisch seinem Vater sehr ähnlich, aber musikalisch auf ganz eigenen Wegen

Stimmlich und optisch seinem Vater sehr ähnlich, aber musikalisch auf ganz eigenen Wegen: Dhani Harrison.

Quelle: Verleih

Das Album ist dunkel in seinen Bildern, in vielen der zehn langen, verrätselten, sehr filmischen Songs ziehen unheilvolle Wolken über den Himmel, ist das lyrische Ich einsam und verlassen an schlimmen Orten. Harrison erzählt darin von der Welt heute: “Hatte man vor fünf bis sechs Jahren noch das Gefühl, alles läuft in die richtige Richtung, empfinde ich gerade nach den Wahlen der letzten Zeit eine große Fremdheit. Alles rückt auseinander statt aufeinander zu. Ich fühle mich wie in einem Paralleluniversum.“

Wie sähe wohl sein Vater George die Gegenwart, der bis zu seinem Tod im Jahr 2001 (Dhani war damals 23) für “Love & Peace“ stand wie kaum ein anderer Protagonist der Popmusik. “Die letzten 16 Jahre hätten ihn zutiefst erschüttert“, sagt Harrison. “Weil sich alles nur noch auf Geld und Gier zurückführen lässt.“ Er hält inne, seine freundlichen dunkelbraunen Augen sind ernst geworden. “Ängste werden mehr denn je dazu benutzt, Leute zu kontrollieren. Mein Vater hasste das. Er wünschte sich selbstbestimmte Menschen, die ihr inneres Licht leuchten lassen. Überall wird jetzt versucht, dieses Licht auszumachen.“ Er seufzt. Und sieht dennoch Hoffnung für eine bessere Welt. “Viele halten inzwischen dagegen, es gibt eine Bewegung der Achtsamkeit und Wertschätzung. Es liegt an jedem Einzelnen von uns, verantwortungsvoll, liebevoll und selbstlos zu sein.“

Parallel erzählt Dhani Harrison auf dem Album von sich selbst. In “Downtown Tigers“ haucht eine Frauenstimme “Solveig“ – den Namen seiner Frau, von der er sich im Vorjahr getrennt hat. Zu konkret will er diesbezüglich nicht werden. “Ich war in all den Situationen, an all den Orten dieser Songs“, sagt er. Schweigt. Dann: “Es geht darum, dass du schmutzig wirst, wenn du durch Abwasser schwimmst. Und dass du dich dann sauber machst und tapfer weitergehst.“

“Hunde sind das größte Geschenk“

Den Song “Ulfur Resurrection (Auferstehung des Wolfs)“ hat er seinem Hund Woody Guthrie gewidmet, der während der “In Parallel“-Sessions starb. Woodys Bruder Edison Guthrie gehe es aber gut, sagt Dhani und zeigt ein Foto des Huskies. “Diese beiden Wölfchen waren in den letzten zehn Jahren jeden Tag bei mir und haben sich im Studio in Los Angeles an meine Füße geschmiegt. Hunde sind das größte Geschenk“, seufzt Harrison, “grenzenlose, bedingungslose Freundschaft.“

Derzeit tobt Edison bei Dhanis Mutter Olivia in Henley-on-Thames über den englischen Rasen und macht ein Rudel mit deren Yorkshire-Terriern auf. “Er gönnt sich einen Sonderurlaub. Alle schlafen im selben Körbchen. Nachdem Woody gestorben war, hatte Edison die Nächte durchgeheult.“ Nach der Tour bekommt er einen Gefährten. “Aber du kannst keinen Welpen erziehen, während du auf Tour bist.“

Würde er sein Album gern seinem Vater vorspielen? “Ich habe ein Regal für ihn zu Hause. Da stelle ich all meine Sachen für ihn rein“, sagt Harrison und lächelt. “Ich bin mir nicht so sicher, ob er die Musik mögen würde.“ Kurze Pause. “Ich vermisse ihn bis heute – jeden Tag, jede Sekunde.“

Von Matthias Halbig

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