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Der vehinderte Weltstar

Ausnahmepianist Josef Bulva Der vehinderte Weltstar

Im Zenit seines Erfolges beendet ein Unfall die Karriere des Ausnahmepianisten Josef Bulva. 14 Jahre später geschieht das Wunder: Ein Chirurg stellt seine linke Hand wieder her. Bulva, besser denn je, wird gefeiert – doch das große Comeback ist ausgeblieben.

Vom Wunderkind zum Partylöwen, vom unfallbedingten Karriereende wieder zurück in die Konzertsäle: Der tschechische Pianist Josef Bulva.

Quelle: dpa

"Ich habe das immer falsch gespielt", sagt Josef Bulva, "alle haben das immer falsch gespielt", und singt das Seitenthema von Beethovens Waldstein-Sonate: "tih-da-da-tih-dih, Tah-di-di-tah-dah – nur Halbe und Viertel. Wir haben die Viertel zu langsam genommen. Immer! Jetzt habe ich den Schlüssel gefunden, wie man das spielen kann – und die Akkorde präzise zusammenbringt."

Es ist nicht der erste Klavier-Schlüssel, den der 1943 Geborene gefunden hat: Zum verrätselten Finale von Chopins zweiter Sonate fand er einen ("Man darf das nicht verhuschen, jeder Ton ist wichtig"). Zum Ende seiner f-Moll-Ballade ("Das muss immer weiter fließen"). Zum Kopfsatz von Beethovens Mondschein-Sonate ("Das ist eine dreistimmige Invention"). Zu Liszts h-Moll-Sonate ("Es sind Variationen – Vari-a-tio-nen!") ...

Ein Unfall als Karriereende

Bulvas erkenntnistheoretische Eintauchtiefe ist einzigartig unter den Pianisten unserer Zeit. Allerdings: Eigentlich ist er streng genommen kein Pianist unserer Zeit, sondern ein Vertreter der Vorgängergeneration. In den Sechzigern, Siebzigern und Achtzigern war seine große Zeit.

Da wurde er als legitimer Nachfolger Vladimir Horowitz' gehandelt, lebte als Staatskünstler der Tschechoslowakei im Schloss und mauserte sich später, nach der Annahme der luxemburgischen Staatsbürgerschaft und Übersiedlung nach München, wo er auch als Partylöwe nichts anbrennen ließ, zu einem Protagonisten der Klatschpresse. Ein schönes Leben auf dem Olymp der Musik, von Plattenbossen und Veranstaltern umhätschelt, vom Publikum gefeiert.

Dann kam die Nacht des 22. März 1996: Bulva, auf Familienbesuch in seiner Heimatstadt Brünn, gleitet auf eisglatter Straße aus und versucht, den Sturz mit den Händen aufzufangen. Mit der Linken landet er in einer unter dem Schnee verborgenen Glasscherbe, die Sehnen und Muskeln durchtrennt. Der medizinische Befund fällt eindeutig aus: Klavier spielen wird diese Hand nie wieder. Bulva macht kurzen Prozess, mottet seinen Flügel ein und reißt das Steuer herum: "Ich bin nach Monaco gegangen, um mit Geld Geld zu machen."

Vom Konzertflügel in die Wirtschaft

Kontakte von früher öffnen ihm die Türen in den obersten Etagen von Wirtschaft und Politik. Und hier findet er einen neuen Weg zur Musik, als Berater in Kultur- und Sponsoringfragen: "Ich habe den Bossen klargemacht: Kultur ist das Medium, das euch vor dem Vergessen bewahrt." In all diesen Jahren hat Bulva nie aufgehört, Klavier zu spielen – allerdings nicht mit den Fingern, sondern im Kopf.

Dazu brauchte er nicht einmal die Noten, die hatte er präsent. Immer wieder liefen sie an seinem inneren Auge vorbei, vor seinem inneren Ohr, gingen Impulse an Muskeln und Sehnen der Hände – auch der zerstören linken. Bulva: "So ein Unfall nimmt dir die Spielfähigkeit, er nimmt dir nicht die Begabung. Das macht es noch schlimmer: Man denkt ja fortwährend über Musik nach, darüber, wie man etwas spielen würde."

Dann, auch die letzte Hoffnung, irgendwann einmal wieder auch physisch spielen zu können, hatte er längst aufgegeben, traf er in der Schweiz den Arzt Beat Simmen, der das Wunder vollbrachte: Simmen stellte Bulvas Linke 14 Jahre nach dem Unfall wieder so her, dass er wieder mit dem Klavierspielen beginnen konnte. "Natürlich nicht bei null. Aber es war doch ein sehr, sehr weiter Weg, das, was ich im Kopf hatte, wieder aus dem Steinway herauszubekommen."

Werktreue über alles: Tiefer als die meisten Pianisten durchdringt Josef Bulva den Notentext – und findet dabei zu buchstäblich unerhörten Interpretationen.

Werktreue über alles: Tiefer als die meisten Pianisten durchdringt Josef Bulva den Notentext – und findet dabei zu buchstäblich unerhörten Interpretationen.

Quelle: dpa

Zwei Jahre nahm er sich Zeit, dann kehrte er zunächst ins Aufnahmestudio zurück – sein altes, das Horowitz-Label RCA hielt ihm die Treue – und schließlich aufs Podium, wo er nach Möglichkeit mit eigenem Instrument auftritt, dem Steinway mit seinen Initialen als Messingintarsie, dem mit der Fertigungsnummer 582 310. Nachzuhören ist der als legendär gepriesene Klang des Flügels auf Bulvas aktueller DVD. "The Sound of 582 310" heißt sie und versammelt Werke von Liszt, Chopin, Beethoven und Mozart.

Der Hauptdarsteller ist freilich ein anderer. Denn so farbsatt und gerundet, so harmonisch, reaktionsschnell und kristallin 582 310 auch klingen mag: Das Wesentliche geschieht unter den Fingern eines Pianisten, der über 14 lange Jahre nachdenken musste, wie er dieses oder jenes spielen würde, wenn er nur könnte.

Das Klavierspiel weiterbringen

Nun kann er wieder. Die virtuose Zurschaustellung flinker Finger sind ihm ein Graus. Dafür ist dem Pianisten, dessen Finger 14 lange Jahre verloren haben, während der Kopf weitermusizierte, die Zeit zu schade. Das mag der Grund für den Rigorismus sein, mit dem er die Musikwelt um sich herum mitunter bedenkt. "So geht's das nicht, gar nicht, nie, nie, nie!", ruft er, hört er Aufnahmen von Kollegen.
Vielleicht muss so sein, wer sich vorgenommen hat, "das Klavierspiel weiterzubringen". Durch die Unnachgiebigkeit einer Musizierhaltung, die ihr Heil einzig im Dogma der Partitur sucht.

Noch mehr aber vielleicht durch den Gebrauch des dritten, des Sostenuto-Pedals. Das lässt nur die Töne nachschwingen, deren Tasten in dem Moment gedrückt sind, in dem der Pianist das Pedal tritt. Vor knapp 120 Jahren hat Steinway es erfunden. Aber auch die Schöpfer von 582 310 räumen ein, dass Bulva der Erste ist, der diese Segnungen voll umfänglich in sein Spiel integrierte – eines der Geheimnisse für Bulvas magisches Legato, das nicht auf Kosten des Flusses geht.

Auf Tour mit drei Schlachtschiffen

Dennoch: Nach vier Jahren, ebenso vielen CDs, einer DVD und vielen Konzerten – so richtig glanzvoll ist es nicht verlaufen, das märchenhafte Comeback des Josef Bulva. Die Gründe sind vielfältig: Wechselnde Agenten, denen er sich anvertraute, setzten auf den alten Glanz des Namens, ohne sich wirklich um seine Neupolitur zu kümmern.

Gegen die allzu wohlfeile Vermarktung seines Schicksals sperrt sich der Musiker. Der klassische CD-Markt ist tot. Bulva müsste wohl auch mehr Konzerte spielen, wobei ihm seine labile Gesundheit im Weg steht. Und gegen den Glanz immer neuer flinker Finger tut sich die Wahrhaftigkeit im Spiel eines 73-Jährigen marketingmäßig schwer.

Aber Bulva hört nicht auf, das Klavierspiel weiterzubringen. Auch auf der neuen Tour, die ihn im Frühjahr durch Europas Musikzentren (etwa am 17. März nach Leipzig) führt, und während der er die Schlüssel zu drei Schlachtschiffen der Klavierliteratur präsentiert: Beethovens Waldstein-Sonate, Liszts h-Moll-Sonate und Martinus große Klaviersonate. Wer einen dieser Schlüsses einmal ausprobiert hat, sei es spielend, sei es hörend, der wird einräumen müssen: Es mögen nicht die einzigen sein –  aber sie passen.

Von Peter Korfmacher

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