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Königin des Mittelalters

Neuer Roman von Rebbeca Gablé Königin des Mittelalters

Rebbeca Gablé ist die deutsche Meisterin des historischen Romans. Für ihr jüngstes Werk hat die Bestsellerautorin sich von der Kölner Kirche St. Pantaleon inspirieren lassen. Ein Besuch im Mittelalter, das erstaunlich viele mächtige Frauen kannte.

Fasziniert vom Mittelalter: Rebecca Gablé ist die Meisterin des historischen Romans.

Quelle: Picasa

Köln. Als niemand hinsieht, legt Rebecca Gablé heimlich die Hand auf den Sarkophag, in dem die Gebeine von Brun, dem einstigen Kölner Erzbischof, ruhen. “Das ist ein magischer Moment für mich, so nehme ich Kontakt zur Vergangenheit auf“, sagt die Bestsellerautorin, die als deutsche Historienkönigin gilt. Brun ist eine der Figuren ihres jüngsten Romans „Die fremde Königin“.

Der Erzbischof von Köln war der jüngste Bruder von König Otto und stiftete im 10. Jahrhundert die Kölner Kirche St. Pantaleon, in der er auch seine letzte Ruhestätte fand. “Er war sehr fromm, was für die geistlichen Herrscher aus Königsgeschlechtern eine Seltenheit war“, erklärt Gablé. Eine Statue von Brun ziert den Eingang zum Altar. “Traurige Mütze“, kommentiert Gablé die Kopfbedeckung, die ihn als Kirchenmann ausweist. Ihre scharfe Zunge kommt der Autorin bei der Formulierung pointierter Dialoge zugute.

Von dem mittelalterlichen Originalbau ist kaum noch etwas erhalten. Lediglich ein Stück Säulenbau erinnert an den einstigen Wandelgang des Klosters. Heute ist er Teil eines neu gebauten Wohnhauses, die braun-grauen Säulen heben sich malerisch von der weißen Wand ab. Gablé gefällt diese Umnutzung historischer Substanz, weniger hingegen die barocke Nachverzierung der eher schlichten mittelalterlichen Architektur. „Scheußlich“, stöhnt die Autorin beim Anblick einer vergoldeten Wendeltreppe in der Kirche, die sich zur Kanzel emporschwingt. “Das Verschnörkelte ist nicht so meins“, meint Gablé. Wenn Brun das wüsste.

Die mächtigen Frauen des Mittelalters

Der war König Otto eine treue Stütze, während seine anderen Brüder ihm Sorgen bereiteten, insbesondere sein intriganter Bruder Henning, wie Gablé in ihrem Roman beschreibt. Keinen der Männer jedoch hat die Autorin zu ihrer Hauptfigur gemacht, sondern Adelheid. Die aus Burgund stammende italienische Königin wurde mitsamt ihrer Tochter vom Mörder ihres Mannes gefangen genommen und sollte dazu erpresst werden, den Sohn ihres Peinigers zu heiraten. Sie widersetzte sich jedoch und grub sich mit bloßen Händen ihren Weg in die Freiheit. Später wurde sie König Ottos Frau.

“Adelheid war eine Frau mit großer politischer Macht, womit sie in ihrer Zeit erstaunlicherweise nicht alleine stand“, sagt Gablé. Sie habe bei der Recherche gestaunt: “Ottos Schwestern und seine Schwägerin Judith von Bayern waren jeweils verwitwet und regierten für ihre minderjährigen Söhne. Ottos und Adelheids Tochter Mathilde hat als Äbtissin von Quedlinburg das Reich regiert, als Otto in Italien war.“ Dass Frauen zugetraut wurde, große politische Verantwortung zu übernehmen, sei im 10. Jahrhundert keine Seltenheit gewesen.

Die aus taktischen Gründen geschlossene Ehe zwischen Adelheid und Otto war von Liebe gesegnet, wie Gablé erzählt. Die Autorin ist eine Meisterin darin, die politische Ebene samt Intrigen und wechselnden Allianzen mit der privaten von Bruderzwist bis erotischem Abenteuer ineinandergreifen zu lassen.

Die Autorin Rebecca Gablé schreibt über Königin Adelheid und König Otto, die als Figuren den Meißner Dom schmücken

Die Autorin Rebecca Gablé schreibt über Königin Adelheid und König Otto, die als Figuren den Meißner Dom schmücken.

Quelle: dpa

Bekannt geworden ist die Rheinländerin mit ihren opulenten Romanen aus der angelsächsischen Geschichte. “Die fremde Königin“ ist der zweite Band aus dem deutschen Kulturkreis. Im Nachwort schreibt Gablé, dass sie das Buch nicht geschrieben hätte, wenn sie gewusst hätte, in welcher gesellschaftlichen Gemengelage es erscheinen würde.

Beim Gespräch in Köln erzählt die 52-Jährige, wie sie sich über Kommentatoren aus der rechtsnationalen Ecke auf ihrer Facebook-Seite erschreckte. “Mir sind vereinzelte Kommentare aufgefallen, die über die freiheitlich-demokratische Ordnung hinausgingen. Das hat mir Bauchschmerzen bereitet. Es wäre für mich ein Alptraum, von dieser Seite vereinnahmt zu werden.“ König Otto werde in rechtsnationalen Kreisen verehrt, weil er das deutsche Reich vergrößerte und die Ungarn bezwang.

Gablé empfiehlt Nationalisten, in ein Geschichtsbuch zu schauen. “Das Mittelalter zeigt, wie blutig es endet, wenn Völker sich nicht miteinander verständigen. Da gibt es Ottos Feldzug gegen die Slawen oder den Hundertjährigem Krieg. Erst mit der Europäischen Union haben wir eine Basis für Frieden geschaffen. Ich kann es nicht begreifen, wie man diese Errungenschaft aufs Spiel setzen kann.“

Ein Schwert als Geschenk

Gablés Mittelalterneigung sieht man ihr nicht an, sie kleidet sich sportlich-modern mit Lederjacke, Turnschuhen und Jeans. Zu kurzen Haaren trägt sie roten Lippenstift. Auch ihr Haus in Mönchengladbach hat die Autorin nicht nach Vorbild einer Burg gestaltet, wie man vielleicht meinen könnte. Ihr einziger mittelalterlicher Besitz ist ein Schwert, ein Geschenk ihres inzwischen verstorbenen Verlegers Stefan Lübbe.

Gablé konnte eigentlich zunächst gar nichts mit dem Mittelalter anfangen. Zwar hatte sie in der Schule Geschichte als Leistungskurs, doch als sie beim Anglistikstudium in Düsseldorf dazu gezwungen war, die ältere englische Literatur als Nebenfach zu wählen, war sie zunächst wenig begeistert. Als sie pflichtschuldig in der ersten Vorlesung saß und der Erzählung von einem Wikingerüberfall auf ein angelsächsisches Kloster lauschte, war es um sie geschehen: “Es hat mich wahnsinnig fasziniert, dass die Chronik diese Kluft von 1000 Jahren spielend überwand.“ Schließlich machte sie die Mediävistik – die Wissenschaft von der Kultur des Mittelalters – zum Hauptfach.

Neuer Roman

Neuer Roman: “Die fremde Königin“

Quelle: Verlag

Weil ihre Leser sie immer wieder fragen, was an ihren Romanen Fiktion, was historische Wirklichkeit sei, gerät das Nachwort bei jedem Roman länger. Wahr ist zum Beispiel, dass Otto im Schlaf zu sprechen pflegte. “Details über die Persönlichkeit sind sehr selten. Über solche Perlen freut sich die Autorin“, kommentiert Gablé.

Gablé wird nun zunächst ins angelsächsische Mittelalter zurückkehren und über König John schreiben, jenen Schurken aus den Geschichten über Robin Hood. Danach kann sie sich vorstellen, der legendären Theophanu einen Roman zu widmen, die im 10. Jahrhundert das römisch-deutsche Reich regierte. “Der Roman müsste dann ’Die fremde Kaiserin’ heißen“, scherzt Gablé, denn die in Konstantinopel Geborene sei dem mitteleuropäischen Kulturkreis noch weiter entrückt gewesen als Adelheid. Zur Inspiration müsste Gablé nicht so weit reisen: Theophanus Grab befindet sich ebenfalls in St. Pantaleon.

Von Nina May

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