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20:05 14.07.2017
Gestochen scharfe Dialoge und feine Ironie: Jane Austens Romane lesen sich weit weniger malerisch, als allgemein angenommen. Quelle: iStockphoto
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Hannover

Sechs Romane bieten für sich genommen nicht viel Stoff für Menschen, die süchtig nach Jane Austen sind. Und davon gibt es immerhin Millionen. Kein Wunder also, dass im Schatten von „Emma“ oder “Mansfield Park“ seit Jahrzehnten allerhand Wieder- und Weiterverwertungen des Werks der weltberühmten britischen Autorin gedeihen. Anlässlich ihres 200. Todestags am 18. Juli arbeitet die Recyclingmaschinerie wieder auf Hochtouren und treibt dabei nicht selten bizarre Blüten.

Vor allem der Buchmarkt wird nicht müde, jedes noch so kleine Detail aus Austens Leben und ihren Geschichten auszuschlachten: Wer außer den Romanen und dem Frühwerk schon sämtliche Biografien und Fan-Fiction-Veröffentlichungen gelesen hat, dem bleibt immerhin noch, sich mit “der Rolle des Tees in Jane Austens Romanen“ auseinanderzusetzen.

Überhaupt wurde mit dem Thema Essen und Trinken zuletzt eine ganz neue Welt im Austen-Imperium erschlossen: Aufwendig illustrierte Rezeptbücher vereinen sämtliche auch nur ansatzweise in den Romanen erwähnten Gerichte, und mit “Gäste und Feste bei Jane Austen“ ist vor Kurzem ein Nachschlagewerk erschienen, das darüber Aufschluss gibt, wer wann was und wie in den Geschichten verspeist hat. Über das Wo geben zahlreiche Reiseführer Auskunft.

“Meisterliche Gesellschaftskarikaturistin“

Für alle, die Austen und ihren Romanfiguren noch näher kommen wollen, ist „Eine Entdeckungsreise durch ihre Welt“ möglich, die detailliert mit dem Alltag der Regency-Ära vertraut macht. Das mag hilfreich sein, wenn man insbesondere diesen Sommer im britischen Bath kurt, wo eingedenk Austens und ihrer Heldinnen, die dort einst weilten, fast die gesamte Saison über Kostümzwang herrscht und abends Kontertanz auf dem Programm steht.

Eine etwas andere Orientierungshilfe verspricht “Jane Austens Ratgeber für moderne Lebenskrisen“, der “Antworten auf die brennenden Fragen zu Leben, Liebe, Glück (und was Frau dabei trägt)“ bereithält. Jane Austen als kulinarisch beschlagene Briefkastentante in Herzens- und Etiketteangelegenheiten? Die Verfasserin von “Stolz und Vorurteil“, eines der meistverkauften Bücher der Welt, mit ihrem ausgeprägten Sinn für Humor und feiner Ironie, würde über derlei Verwurstungsversuche ihres literarischen Schaffens wohl milde lächeln.

Austen-Experten wie Barbara Schaff, Professorin für englische Literatur- und Kulturwissenschaft an der Göttinger Georg-August-Universität, ärgern sich dagegen über die immer noch weit verbreitete Annahme, Austen sei eine hausbackene Verfasserin von hoffnungslos romantischen Liebesschmonzetten gewesen. “Gerade ihr Frühwerk, dessen sich die Forschung erst in jüngster Zeit eingehend gewidmet hat, gibt Aufschluss über ihr eigentliches Wesen“, sagt Schaff. “Sie war unbändig und mit ihren scharf gezeichneten, zuweilen geradezu burlesk und satirisch dargestellten Figuren eine meisterliche Gesellschaftskarikaturistin mit kühlem und kritischem Blick auf soziale Umstände.“

Nicht täuschen lassen: Im Gegensatz zu den pastellgefärbten Verfilmungen leben die Romane Jane Austens weniger von Romantik als von gestochen scharfen, sprühenden Dialogen. Quelle: Verlag

Trotz ihrer unbestrittenen Ästhetik, haben vor allem die Romanverfilmungen diese Sichtweise auf Austen verzerrt: “Die Kinoversionen und BBC-Mehrteiler, die in den Neunzigerjahren aufkamen, haben über den englischsprachigen Raum hinaus für einen Austen-Hype gesorgt, der bis heute anhält“, sagt Schaff.

Allerdings konzentrierten sich die Filme sehr stark auf den “Romance Plot“. Von Ang Lees „Sinn und Sinnlichkeit“ bis hin zu Colin Firth’ legendärem Wet-Shirt-Auftritt als Mr. Darcy in “Stolz und Vorurteil“ bedienen die Bilder stets in warmes Licht und zarte Pastelltöne getauchte romantische Klischeevorstellungen von kleinem privatem Glück und großer Liebe. Wer die Bücher liest, wundert sich dagegen, wie sparsam Austen mit Beschreibungen von Äußerlichkeiten umgeht. Auch legen ihre Figuren eine erstaunlich eloquente Reserviertheit an den Tag. Glühende Leidenschaft, schmalzige Bekenntnisse? Fehlanzeige. Dafür beeindruckt die Autorin mit gestochen scharfen Dialogen.

Austen ist weniger die geistige Urmutter von Schnulzenqueen Rosamunde Pilcher als vielmehr die Erfinderin der Screwball-Komödien, in denen sich Doris Day oder Katharine Hepburn einst als selbstbewusste Frauen auch heute noch amüsante Wortgefechte mit liebestollen Männern lieferten. Auch Austens Protagonistinnen sind allesamt selbstbewusst und lehnen sich behutsam, aber beharrlich dagegen auf, als Ware auf dem Heiratsmarkt verschachert zu werden.

Smarte, unabhängige Heldinnen

Es geht in den Romanen keineswegs um Picknicks in pittoresker Landschaft oder Teegesellschaften in prachtvollen Herrenhäusern, bei denen mittellose Mädchen in hellen Musselin-Kleidern mit reichen Männern flirten und darauf hoffen, bald unter die Haube zu kommen. “Austens Heldinnen sind smart, attraktiv, wehren sich aber, jede auf ihre Weise, gegen gesellschaftliche Zwänge und bewahren sich so ihre Unabhängigkeit“, unterstreicht Schaff, die in Austen eine frühe Feministin sieht. Für Schriftstellerinnen wie Virginia Woolf, die die Anfänge der Frauenbewegung prägten, sei Austen wegen ihrer emanzipatorischen Ansätze ein großes Vorbild gewesen.

Austen selbst schlug nachweislich einen Heiratsantrag aus und blieb zeit ihres kurzen Lebens ledig. Sie starb am 18. Juli 1817 mit nur 41 Jahren, wohl an einem Nierenleiden. Mit elf Jahren hatte sie bereits mit dem Schreiben begonnen. Doch erst 1811 wurde mit “Verstand und Gefühl“ erstmals ein Buch von ihr verlegt. Wie viel Potenzial schon als blutjunge Autorin in ihr steckte, veranschaulicht ihre in Form eines Briefromans verfasste und jüngst ebenfalls erfolgreich verfilmte Charakterstudie “Lady Susan“ – ein unvollendetes Frühwerk zwar, aber den anderen Romanen an Scharfzüngigkeit überlegen. Liebe ist hier nebensächlich.

Info: Großbritannien feiert Jane Austen

Steventon in der Grafschaft Hampshire ist der Geburtsort von Jane Austen, und nicht nur dort wird die Autorin in diesem Jahr besonders gefeiert. In weiten Teilen Südenglands gibt es Ausstellungen, Festivals und Lesungen.

Die Weltkulturerbestadt Bath, in der Austen eine Zeit lang gelebt hat, feiert vom 8. bis 17. September ein Jane-Austen-Festival. Das Jane Austen Centre in der Stadt zeigt eine Dauerausstellung über sie.

Auch das heutige Jane Austen House in Chawton war Wohnort der Autorin. Heute widmet sich hier ein Museum ihrem Leben.

In der British Library in London ist neben Originalausgaben von Jane Austen auch der Schreibtisch zu sehen, an dem sie ihre Romane und Briefe verfasst hat.

www.janeausten200.co.uk

Von Kerstin Hergt

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