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Alles wird gut!

Die Zukunft ist rosig Alles wird gut!

Die Menschen dürfen guten Mutes nach vorn schauen – so schlimm, wie es das Geschehen auf der Weltbühne im vergangenen Jahr hat glauben machen, ist es um die Zukunft gar nicht bestellt. Denn die Zahlen zeigen: Entgegen der gefühlten Lage geht es den meisten Menschen immer besser.

Es geht der Menschheit immer besser: Forschern der britischen University of Oxford zufolge gibt es reichlich Anlass zum Optimismus.

Quelle: Shutterstock / Fotolia

Gute Nachrichten sind in diesen Tagen vor allem eins: selten. Nur wenige Flugstunden von Deutschland entfernt tobt in Syrien seit Jahren ein mörderischer Bürgerkrieg. Millionen Menschen sind auf der Flucht, suchen Schutz vor Terror, Verfolgung und Armut.

Um das Weltklima ist es, trotz eines zu verhaltenem Optimismus Anlass gebenden Klimaabkommens, schlecht bestellt. Der Terror des "Islamischen Staates" hat längst auch Europa erreicht – und etwas abseits unserer aktuellen Aufmerksamkeit wüten Mörderbanden wie Boko Haram mindestens ebenso schlimm.

Es geht aufwärts

Die Welt brennt. Und dennoch gibt es Gründe, die Hoffnung nicht zu verlieren. Denn auch wenn es im Moment nicht so scheint: Der Menschheit ging es noch nie so gut wie heute. Zu diesem Ergebnis kommt ein Forschungsprojekt an der britischen Universität Oxford.

Seit über einem Jahr werten dort Wissenschaftler um den deutschen Ökonomen Max Roser teils jahrtausendealte Daten aus. Sie tragen Forschungsergebnisse aus aller Welt zusammen, erstellen Zeitreihen und Grafiken. Ihre Ergebnisse zeigen ein Bild von der Welt, das angesichts der Kriege und Katastrophen leicht übersehen wird: Es geht aufwärts mit der Menschheit.

Zu keiner Zeit hatte es unsere Spezies besser als heute. Immer weniger Menschen leiden Hunger oder leben in extremer Armut. Weltweit steigt die Lebenserwartung und sinkt die Gefahr, durch Krankheiten zu sterben. Nie war das weltweite Pro-Kopf-Einkommen höher, nie konnten mehr Menschen lesen und schreiben.

Demokratie / Analphabetismus / Symbolbild

Der Anteil der Weltbevölkerung, der in Demokratien lebt und derjenigen Menschen, die Lesen und Schreiben können, wächst stetig.

Quelle: iStock

Glaubt man den Ergebnissen des Forschungsprojekts, dann befindet sich die Menschheit gerade in ihrem goldenen Zeitalter. Das Problem: Diese guten Nachrichten kommen kaum in der Öffentlichkeit an. Oft gehen sie in der Flut der Horrormeldungen unter, die jeden Tag über uns hereinbricht. Am syrischen Bürgerkrieg mit bisher mindestens 250 000 Toten gibt es ja auch nichts schönzureden. Kein Wunder, dass ein großer Teil der Menschheit heute pessimistisch auf die Welt schaut.

Ökonom Roser will sich damit jedoch nicht abfinden. Fast jeden Tag veröffentlicht sein Team neue Grafiken auf der Website ­ Ourworldindata.org oder über den Kurznachrichtendienst Twitter. Die Ergebnisse geben eine andere Perspektive auf die Tragödien der Welt. Beispiel Kriege: Trotz des Gemetzels in Syrien und anderswo auf der Erde liegt die Zahl der Menschen, die gewaltsam zu Tode kommen, heute so niedrig wie selten in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg.

Kleine Fortschritte statt großer Sprünge

Auch leben mehr Menschen in Demokratien als jemals zuvor. Doch gegen die Fotos von verzweifelten Flüchtlingen an den Grenzen Europas oder Videos von den jüngsten Gewaltausbrüchen in Nahost haben es Balkendiagramme und Entwicklungskurven nun einmal schwer. Persönliche Eindrücke zählen mehr als Datensätze.

Hinzu kommt: Die Veränderungen zum Besseren entwickeln sich nach menschlichen Maßstäben langsam. Jedes Jahr kommen kleine Fortschritte hinzu – aber selten große Sprünge. Es ist ein ständiger Prozess, der vor gut zweihundert Jahren seinen Ausgangspunkt hatte. Die Zugewinne an Lebensqualität für die Menschheit sind seitdem zwar gigantisch, doch das spüren wir nicht täglich.

Positive Effekte der Industrialisierung

Wie weit unsere Spezies bereits gekommen ist, zeigt ein Blick in die Vergangenheit. Noch im 17. Jahrhundert nannte der englische Philosoph Thomas Hobbes das menschliche Leben "einsam, armselig, ekelhaft, tierisch und kurz". Der Mann hatte recht. Der durchschnittliche Erdenbürger wurde damals keine 30 Jahre alt.

Auch in Hobbes’ England – zu dieser Zeit eines der fortschrittlicheren Länder der Welt – lag die Lebenserwartung nicht viel höher. Heute werden Menschen im weltweiten Durchschnitt über 70 Jahre alt, in Deutschland sogar über 80. Ein riesiger Sprung in verhältnismäßig kurzer Zeit.

Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig. Laut Roser spricht jedoch einiges dafür, dass die Ideen der Aufklärung und später die Industrialisierung die entscheidenden Rollen für den rasanten Fortschritt gespielt haben, den die Menschheit seit rund 200 Jahren erlebt. Die industrielle Revolution stellte die Gesellschaften zunächst auf den Kopf. In den Städten Europas sorgte sie auch für Armut und massive soziale Ungerechtigkeit. Doch mit der Zeit setzten sich die positiven Effekte durch – und verbesserten das Leben für die gesamte Gesellschaft.

Armut / Symbolbild

Das globale Pro-Kopf-Einkommen ist gestiegen, der Anteil der Menschen, die unter der aktuellen Armutsgrenze von 1,90 Dollar pro Tag leben müssen, ist gesunken.

Quelle: iStock

Steigende Produktivität durch neue Technologien, verbesserte Kommunikationsmittel und Handel sorgten dafür, dass das Pro-Kopf-Einkommen stark anstieg – zunächst nur in Europa und Nordamerika. Das, so die Theorie, gab den Menschen in diesen Ländern die Möglichkeit, mehr in Bildung und Forschung zu investieren, was die Produktivität weiter befeuerte. Mit der Zeit breiteten sich die positiven Effekte schließlich um die ganze Welt aus. Mit enormen Konsequenzen.

Beispiel Armut: Noch vor rund 200 Jahren waren über 90 Prozent der Weltbevölkerung arm. Heute sind es Zahlen der Weltbank zufolge nur noch rund 10 Prozent. Man muss dieses Ergebnis mit Vorsicht genießen, denn zahlreiche Länder liefern keine verlässlichen Zahlen über die Armut in ihrer Bevölkerung.

Dennoch sind die langfristigen Trends deutlich: Auf der ganzen Welt steigen die Einkommen – auch in den Entwicklungsländern Afrikas und Asiens geht es rasant aufwärts. Das Ziel, Armut weltweit zu beseitigen, ist in greifbarer Nähe – und das, obwohl die Erde heute rund siebenmal so viele Bewohner hat, wie Anfang des 19. Jahrhunderts.

Mit Afrika geht es aufwärts

In der Öffentlichkeit ist dieses Wissen allerdings noch nicht angekommen. Laut einer Umfrage der Europäischen Kommission glaubten noch vor wenigen Jahren fast zwei Drittel der Deutschen, die weltweite Armut sei jüngst stark angestiegen. Dabei haben gerade die Entwicklungsländer riesige Schritte nach vorne gemacht, etwa in Afrika. Mit dem Kontinent geht es stetig aufwärts. Seit Jahren sinkt die Kindersterblichkeit. Fast überall steigen das Pro-Kopf-Einkommen und die Versorgung mit Nahrungsmitteln.

Und: Immer mehr Afrikaner leben heute in verhältnismäßig offenen Gesellschaften. Diktaturen und "failed states" wie Simbabwe und Somalia sind zwar noch nicht von der Karte verschwunden, aber es werden immer weniger. Gleichzeitig ist das Bildungsniveau in Subsahara-Afrika in den vergangenen Jahren stark angestiegen, was berechtigte Hoffnungen auf ein Andauern des Aufwärtstrends macht.

Lebenserwartung / Symbolbild

Die globale Lebenserwartung ist deutlich gestiegen, die Kindersterblichkeit (Anzahl pro 1000 Lebendgeburten) dagegen gesunken.

Quelle: iStock

Trotzdem haben viele Menschen immer noch ein anderes Bild im Kopf, wenn sie an Afrika denken. Eine "toxische Kombination aus Ignoranz und Arroganz" sei daran schuld, glaubt der schwedische Medizinprofessor Hans Rosling. Er arbeitet für die Gapminder-Stiftung in Stockholm, die auf die positiven Entwicklungen der Welt hinweisen will.

Vor allem aber erforscht er, wie viel die Bevölkerungen von Industriestaaten tatsächlich über die Zustände auf der Erde wissen. In fünf Staaten hat die Stiftung deshalb bisher Befragungen durchgeführt – im vergangenen Jahr auch in Deutschland. Die Ergebnisse sind ernüchternd. Nicht einmal ein Drittel der Deutschen weiß etwa, dass heute rund 80 Prozent der Weltbevölkerung lesen und schreiben können. Folgerichtig nennt Rosling seine Studie "Ignorance Survey", also Unwissenheitsumfrage.

Da die zahlreichen positiven Entwicklungen auf der Welt bei vielen Menschen nicht ankommen, tragen viele einen Rucksack voller veralteter Daten mit sich herum, erklärt Rosling die Ergebnisse. Wie Max Roser in Oxford will Rosling in Stockholm etwas tun, damit sich daran etwas ändert. Seine Studien sollen aufschrecken, den Menschen in den Industrieländern vor Augen führen, wie schnell die Welt sich vor ihren Augen verändert, ohne dass die breite Öffentlichkeit es sieht. Der Erfolg hält sich bislang noch in Grenzen.

Jugendliche sind optimistischer

Dabei profitieren auch die reichen Nationen des Westens immer noch von den positiven Entwicklungen – auch Deutschland. Vor wenigen Jahrzehnten lag etwa die Kindersterblichkeit hierzulande noch fünfmal höher als heute. Auch die Wahrscheinlichkeit, dass eine Mutter bei der Geburt ihres Babys stirbt, sinkt beständig.

Die Deutschen bleiben dennoch skeptisch. Einer Umfrage der Universität Hohenheim zufolge ist nicht einmal ein Drittel der Bevölkerung zuversichtlich, dass es mit Deutschland weiter aufwärtsgeht. Allerdings: Die Jugendlichen machen bei diesem Pessimismus nicht mehr mit.

Der jüngsten Shell-Studie zufolge glaubt erstmals seit den Neunzigerjahren die Mehrheit der 12- bis 25-Jährigen, dass es mit der Gesellschaft aufwärts gehe. "Da reibt man sich natürlich erst einmal verwundert die Augen", so Mathias Albert, einer der Studienautoren von der Universität Bielefeld. "Islamischer Staat, Euro-Krise, Ukrainekonflikt – und der Optimismus hinsichtlich der gesellschaftlichen Zukunft nimmt dennoch zu." Vielleicht haben die Jugendlichen einfach nur etwas genauer hingeschaut.

Von Julian Heißler

Interview mit Max Roser, Ökonom in Oxford
Max Roser

Forscht über die globale Entwicklung: Max Roser arbeitet am Institute for New Economic Thinking in Oxford.

Quelle: privat

Herr Roser, der Volksmund sagt: Früher war alles besser. Stimmt das überhaupt?
Einiges war früher mit Sicherheit besser. Aber wenn es um die wirklich wichtigen Dinge auf der Welt geht, war es früher vor allem schlechter.

Angesichts der Horrormeldungen der vergangenen Monate kann man den Eindruck gewinnen, die Welt sei völlig aus den Fugen. Ist dieses Gefühl etwa falsch?
Es gibt zahlreiche schreckliche Ereignisse – und es geht nicht darum, etwas schönzureden. Doch wenn wir nur die aktuellen Krisen der Gegenwart im Blick haben, übersehen wir die langfristigen Entwicklungen auf der Welt. Und da gibt es viel Positives zu vermelden. Mein Projekt zeigt, dass Probleme lösbar sind, die früher unüberwindbar schienen. Konflikte lösen sich auf, Armut, Krankheit und Gewalt gehen auf der ganzen Welt zurück. Vielen Menschen ist nicht bewusst, wie viel schlechter und härter das Leben noch vor kurzer Zeit selbst in heute reichen Ländern wie Deutschland war.

Warum haben so viele Menschen dennoch das Gefühl, dass alles immer schlimmer wird?
Ein Grund dafür sind die Medien. Die Nachrichten konzentrieren sich auf aktuelle Ereignisse – und viele davon sind negativ. Die positiven Veränderungen hingegen entwickeln sich sehr langsam. Die Meldung, dass die Kindersterblichkeit in Sambia erneut um 0,004 Prozent gesunken ist, wird es kaum in die "Tagesschau" schaffen. Der Pessimismus der Menschheit ist jedoch älter als die Massenmedien. Wir bringen unseren Kindern bei, mehr auf Gefahren als auf Chancen zu achten. Das ist im alltäglichen Leben sicher sinnvoll und hat uns in der Evolution gute Dienste erwiesen. Es ist allerdings keine gute Strategie, um die Welt im Ganzen zu verstehen, es verstellt den Blick auf die positiven Entwicklungen um uns herum.

Sie raten also zu mehr Optimismus?
Man darf nicht glauben, dass es automatisch immer aufwärts mit der Welt gehen wird. Die Menschheit hat über Jahrtausende mit hoher Kindersterblichkeit, niedriger Lebenserwartung und schlechter Nahrungsversorgung gelebt, ohne dass sich etwas verbessert hätte. Solche Stagnationen sind also möglich. Ich denke aber, es gibt gute Gründe, vorsichtig optimistisch in die Zukunft zu schauen.

Welche Gründe sind das?
Die Menschheit ist heute deutlich besser gebildet, als sie es jemals in der Vergangenheit war. Dieser Trend wird weitergehen – wir brauchen uns dazu nur die Bildung der jüngeren Generation anzuschauen. In Entwicklungsländern haben wir etwa bei Menschen über 65 Jahren eine Analphabetenrate von teils über 60 Prozent. In der jungen Bevölkerung dieser Länder ist sie sehr viel geringer. Das lässt hoffen. Wir wissen aus unserer empirischen Forschung, dass Bildung eng mit der Entwicklung demokratischer Verhältnisse zusammenhängt. Es ist also nicht unvernünftig, anzunehmen, dass die Welt demokratischer wird, wenn die Generation der heute 20-Jährigen in diesen Ländern die Verantwortung übernimmt. Gleichzeitig entkommen in Afrika und Asien immer mehr Menschen der extremen Armut. Das setzt Innovationskräfte frei, die zu neuen wissenschaftlichen Ansätzen, Technologien oder Ideen für das Zusammenleben führen.

Sehen Sie auch Bereiche, in denen es keinen Fortschritt gibt?
Es gibt einige Felder, in denen ich nicht glaube, dass uns eine rosige Zukunft bevorsteht. Wenn es etwa um den Klimawandel geht, dann sehe ich zwar Möglichkeiten und einzelne positive Entwicklungen – vor allem die rasant sinkenden Kosten für erneuerbare Energie –, aber wir sind weit davon entfernt, eine Lösung zu sehen, trotz positiver Signale, wie dem jetzt in Paris erfolgten Startschuss für das Ende des fossilen Zeitalters. Die Zukunft hängt davon ab, wie wir uns heute entscheiden. Fortschritt passiert nicht automatisch. Außerdem kommen neue Probleme hinzu – etwa die Überwachung des Internets durch Regierungen. Insgesamt bin ich mit Vorhersagen allerdings vorsichtig.

Ihr Projekt will mit kaltem Zahlenwerk Hoffnung verbreiten. Kann das überhaupt gelingen?
Ich hoffe es. Es gibt sicher genügend Gründe, um die Wirtschaftswissenschaften zu kritisieren, aber so kalt sind sie gar nicht. Mir hat die Ökonomie dabei geholfen, meinen Optimismus zurückzugewinnen. Ursprünglich habe ich Philosophie studiert. Da schaut man mit einem großen Pessimismus auf die Welt. Alles wird angeblich immer schlimmer. Die langfristigen Beobachtungen der Ökonomie haben mir dann gezeigt, dass das nicht stimmt. Die Welt ist veränderbar. Einiges wandelt sich zum Besseren. Doch diese Perspektive haben viele Menschen nicht. Ich schreibe Ourworldindata.org, um dem Pessimismus etwas entgegenzustellen.

Interview: Julian Heißler

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