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Aus eigener Hand

Vom Zauber der Ernte Aus eigener Hand

Frisches Brot gibt es heutzutage an jeder Ecke. Trotzdem backen es viele wieder selbst. Dahinter steckt eine fast schlichte Sehnsucht: Das, was wir mit eigenen Händen säen, ernten und erzeugen, ist uns näher als jedes fertige Produkt. In einer Welt, die manche längst nicht mehr verstehen, ist das von unschätzbarem Wert.

Sanfter Aufstand gegen die industrielle Lebensmittelwirtschaft: Es wird wieder selbst gebacken, eingelegt, gesät und geerntet.

Quelle: unsplash

Hannover. Irgendwann war er plötzlich wieder da, der Hermann. Nein, kein alter Freund, kein verschollener Verwandter namens Hermann. Sondern der Teig Hermann. Er heißt wirklich so. Hermann ist die Grundlage für das Glücksbrot oder den Glückskuchen, wie manch einer das erhoffte Endergebnis nennt, eine Art süßer Sauerteig aus Weizenmehl und Hefe und Milchsäurebakterien. Und ein kleines Mysterium.

Er ist nicht ganz einfach, der Hermann. Man muss öfter Zucker und Mehl und Milch zugeben, er braucht erst Raum-, dann Kühlschranktemperatur, immer wieder muss er umgerührt werden. Am Ende, wenn alles glattgegangen ist, backt man sich was Leckeres, und etwas von dem Teig behält man für den nächsten Hermann. Und den Rest schenkt man weiter an Freunde und Bekannte.

Wieso der Hermann Hermann heißt, weiß niemand. Vielleicht, weil man mit ihm umgehen muss wie mit einem Lebewesen: füttern, auf die Temperatur achten, pflegen. Aufgekommen ist er Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger, als viele Menschen friedensbewegt und vom Beginn des Öko-Booms angesteckt waren. Da passte es gut, etwas für sich und die Familie zu tun (wobei der Hermann zu viel Zucker enthält, um richtig gesund zu sein). Das Weiterverschenken des Teigs galt als sozialer Akt, außerdem reichte man auch gleich die Pflegeanleitung wie einen Kettenbrief weiter – Missionarisches war damals sehr trendy.

Sehnsucht nach den Ursprüngen

Dass der Hermann nach dem Achtziger-Hoch in Vergessenheit geriet, lag wohl am Aufwand, den man für ihn treiben muss, und daran, dass der Teig durchaus mal eingeht. Manch einem war auch das Teiggeschenktbekommen samt Kettenbrief irgendwann eher lästig: Man fühlte sich gleich so verpflichtet. Und wieso das Revival? Weil Menschen Sehnsucht nach Dingen haben, die zu ihren Ursprüngen gehören. Deswegen backen auch viele ihr Brot wieder selbst.

Der Ökonom Adam Smith hat 1776 zum ersten Mal von Arbeitsteilung gesprochen. Da gab es sie zwar schon sehr viel länger: Die erste Arbeitsteilung war die in der Familie, der Mann ging jagen, die Frau versorgte die Kinder, kochte das Fleisch der Beute und nähte Kleider aus dem Fell. Aber zu Smiths Zeiten hatte sich das Spezialistentum schon sehr ausgebreitet, Kleider kamen jetzt vom Schneider und Fleisch kam vom Metzger.

Heute verzeichnen wir allein in Deutschland 24 000 Berufe – das ist eine sehr hohe Spezialisierung. Und Kleider kommen aus Bangladesch und China und riechen nach Chemie. Und das Fleisch stammt oft aus Mast- und Schlachtgroßbetrieben, und ob es die Bezeichnung Nahrung verdient, darf mitunter bezweifelt werden.

Entfremdung von Lebensmitteln

Nicht nur die Arbeitsteilung, auch die Anonymisierung hat zugenommen. Vor 50 Jahren wusste man als Kunde, von welcher Mühle der Bäcker sein Mehl bezog. Heute weiß das vermutlich nicht mal der Brotbackautomatenbediener, wenn er die Teiglinge der Hitze überantwortet. Tomaten gibt es das ganze Jahr über im Supermarkt, aber sie schmecken manchmal nach abgestandenem Wasser und haben Sonne nie anders als durch Glas gefiltert gesehen. Unsere Äpfel wachsen auch weit entfernt in Südafrika. Unsere Vanille ist meist ein Vanille-Aroma, künstlich in der Fabrik hergestellt. Kurz gesagt: Das, was wir in der Arbeitswelt Entfremdung nennen, steckt mittlerweile auch in nahezu jedem Bissen Essen.

In der Bibel heißt es, dass die Menschen nach dem Sündenfall ihr Brot im Schweiße ihres Angesichts essen sollen, sprich: nachdem sie mühsam den Acker bestellt und Körner gesät und die Saat gehätschelt und irgendwann geerntet und gedroschen und gemahlen und gebacken haben. Nun, das ist heutzutage vielleicht ein bisschen viel, und man muss nicht unbedingt alles selbst machen. Aber nur noch die Scheine auf den Tresen zu legen und zu schlucken, was man vorgesetzt bekommt, das ist vielen Menschen längst zu wenig. Aus solchen Empfindungen entsteht Unmut, und aus Unmut entstehen Gegenbewegungen. Die Rede ist nicht von “Zurück auf´s Land“. Die Rede ist von den inzwischen sehr erfolgreichen Versuchen findiger Stadtbewohner, sich so viel Ursprung wie möglich wieder ins eigene Leben zu holen.

Guck mal, da wächst was

Guck mal, da wächst was: Die Ernte ist das Glück des Kleingärtners – und gerade bei Stadtbewohnern immer gefragter.

Quelle: Fotolia

Man könnte meinen, es habe mit dem Basilikumtopf auf der Küchenfensterbank eines Birkenstock-Trägers begonnen, um über die Tomatenpflanzen auf dem Balkon in das zu münden, was in bestem Neudeutsch Urban Gardening heißt. Carl Graf von Hessen hätte sich 1797 vermutlich totgelacht über den Begriff. Er sorgte seinerzeit für die Anlage der sogenannten Armengärten in der Stadt, geschaffen, um den Ernährungsproblemen der sprunghaft angestiegenen Bevölkerung Herr zu werden.

Die Weiterentwicklung geschah in Leipzig um 1865 herum. Da legte ein Lehrer namens Heinrich Karl Gesell auf Spielwiesen für Eltern und Kinder auch Beete an – die ersten Schrebergärten. Lange bevor Urban Gardening ein Modethema wurde, gab es dergleichen also schon. Und wie! In Berlin finden sich allein 68 000 Kleingärten. Bezogen auf die Bevölkerungszahl liegen Leipzig und Dresden vorn, mit 6,2 und 4,4 Gärten auf hundert Einwohner. Mehr als eine Million Kleingärten werden in Deutschland liebevoll bewirtschaftet. Vor allem unter den jüngeren Kleingärtnern hat die Ökologie dort absoluten Vorrang. Mehr als die Hälfte betreibt biologischen Anbau, 82 Prozent verdammen jede Form von chemischer Schädlingsbekämpfung.

Aber ein Kleingarten macht auch viel Arbeit, ständig und für alles ist man verantwortlich. Irgendwie musste es eine weitere Möglichkeit für gestresste Karrieristen und Alleinerziehende und Couch-Potatoes geben, eine Alternative zum Supermarktregal zu haben. Eine Alternative, bei der man nicht zu viel Arbeit hat, aber dennoch weiß, wie es ist, die Möhre aus der Erde zu ziehen.

Miet-Acker für Stadtmenschen

Diese Alternative bieten Selbst-Ernte-Projekte. Das Konzept dafür, schon 1987 von dem österreichischen Bauern Rudolf Hascha bald nach Umstellung des elterlichen Betriebs auf Öko-Landbau erfunden: Ein Bauer bestellt ein stadtnahes Feld, sät und pflanzt verschiedene Arten von Gemüse. Und wenn es an der Zeit ist, kommen die Kunden, die sich vorab eine Parzelle des Ackers vertraglich gesichert haben, und ernten. Der Bauer plant so, dass es von Mai bis Oktober immer frisches Gemüse gibt, der Fachbegriff dafür lautet: Mischkultur. Ist nicht nur leckerer, sondern auch ökologischer als hektarweise Mais.

Es gibt tausend Varianten des Modells. Mal verpachtet der Bauer den Acker nur, mal macht er alles bis zur Ernte. Je mehr er übernimmt, umso höher ist die Erfolgsrate – aber auch der Preis. Es gibt Gemeinschafts- oder Einzelparzellen. Es gibt ganze Öko-Landbetriebe, die von einer festen Gemüseabnehmerschaft vorfinanziert werden. Bei vielen Landwirten und Initiativen kann man sein Beet schon im Internet planen. Und wenn man Fragen hat: Der Bauer hilft immer.

Und warum macht man das alles? Weil es gesund ist. Weil es billiger ist als der Bio-Supermarkt. Weil es besser ist, etwas zu essen, dessen Herkunft man genau kennt. Weil es schlicht glücklich macht, die Kartoffeln mit den eigenen Händen aus der Erde zu graben, sie zu waschen, zu kochen, zu salzen. Und dann endlich reinbeißen zu dürfen. Das haben wir als Kinder gelernt: Wir sollen im Schweiße unseres Angesichts essen.

Von Bert Strebe

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