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Die leise Invasion der Quallen

Unterschätzte Gefahr Die leise Invasion der Quallen

Unter der Meeresoberfläche ist offenbar einiges aus dem Lot geraten. Rund um den Globus breiten sich Quallen aus wie noch nie, darunter einige, die einen erwachsenen Menschen sofort töten können. Biologen sagen: Diese Plage haben die Menschen durch Überfischung der Meere selbst verursacht.

Koh Phangan ist eine der schönsten unter den vielen schönen Inseln Thailands. Kokospalmen wiegen im Wind, im klaren Wasser schaukeln Boote über ihren Schatten, als schwebten sie überm weißem Sand.
In solchen sonnigen Momenten, sagen lächelnd die Einheimischen, könne man getrost ins Wasser gehen: No problem.

Es gibt aber auch andere, gefährliche Momente auf Koh Phangan. Zum Beispiel wenn es gerade erst geregnet hat. Dann solle man lieber an Land bleiben, sagt Dr. Thanuwat Tippinit, Arzt im Inselkrankenhaus. Auch sei das Schwimmen in der Dämmerung oder gar bei Dunkelheit keine gute Idee.

Opfer einer Würfelqualle

Die Mahnungen des Arztes haben einen sehr ernsten Hintergrund: Vor zweieinhalb Wochen, Ende Juli, hat eine 31-jährige Schwimmerin eine abendliche Begegnung mit einer Würfelqualle nicht überlebt. Sie starb in der kleinen Klinik von Dr. Tippinit.

Die junge Frau war Thailänderin, sie gehörte zu einer Gruppe von Touristen aus der Hauptstadt Bangkok. Gegen 20 Uhr soll sie ins Wasser gegangen und in Berührung mit der Qualle gekommen sein. Sie erlitt einen Schock und geriet offenbar sofort in einen lebensgefährlichen Zustand.

Ersthelfer luden sie in ihrem blauen Bikini auf eine Trage, ihre Arme und Bauchregion waren übersät mit roten, geschwollenen Striemen. Um 21.30 Uhr, so berichten es thailändische Zeitungen, wurde die örtliche Polizei über den Vorfall informiert. Als die Beamten in der Klinik eintrafen, um sich nach dem Stand der Dinge zu erkundigen, wurde ihnen gesagt, dass man leider nichts mehr für die junge Frau habe tun können.

Die 31-Jährige wurde Opfer des giftigsten Lebewesens auf dem Planeten: Die Würfelqualle kann Menschen in Krämpfe versetzen, sie bewusstlos machen und binnen kurzer Zeit töten.

Quer durch die Weltmeere

Auf der Insel Koh Phangan gibt es nun das gleiche klassische Problemmuster, das schon in diversen Folgen von "Der weiße Hai"-Filmen beschrieben wurde: Örtliche Aktivisten verlangen klarere Warnungen vor der unter Wasser lauernden Gefahr, Wirtschaftsleute und Politiker wollen die Aufregung eher dämpfen und sorgen sich um die Auswirkungen auf den Tourismus.

Als bloßen Einzelfall, das wissen alle Beteiligten auf Koh Phangan, wird man die Sache nicht abtun können. Erst im vorigen Jahr starb auf der Insel ein fünf Jahre alter Junge aus Frankreich, der einer Würfelqualle zu nahe gekommen war. In einer konzertierten Aktion wollen jetzt Hoteliers und Behörden in ganz Thailand die Überwachung der Strände verstärken – zumal die gefährlichsten Arten mittlerweile auch an Stellen auftauchen, an denen sie früher nicht waren.

Ob im Pazifik, im Atlantik oder im Mittelmeer: Quer durch die Weltmeere scheint etwas nicht mehr recht im Lot zu sein mit den Quallen. Mal wundern sich die Wissenschaftler über das Auftauchen ungewohnter Arten, mal über die schiere Masse der hirnlosen Glibbertiere.

Mehr Tote als durch Haie

"Quallen töten jedes Jahr rund hundert Menschen", sagt der Leiter des ozeanographischen Instituts von Monaco, Robert Calcagno, der auch ein Buch über Quallen geschrieben hat. Die wenigsten wissen das. Dagegen wird die Gefahr durch Haie seit Jahrzehnten überschätzt.

Laut "International Shark Attack File", einer in Florida geführten Datenbank für Haiangriffe, führen Haibisse pro Jahr weltweit in durchschnittlich zehn Fällen zum Tode. Fachleute raten Schwimmern: Statt über den Wellen nach der aus Film und Fernsehen bekannten dunklen Flosse Ausschau zu halten, sollten sie lieber mal unter die Wasseroberfläche blicken, am besten mit Taucherbrille. Mitunter ist da ein erschreckendes Getümmel im Gang – nicht von Fischen, sondern von teils wässrigen, teils gelblichen oder rötlichen Wesen mit langen Tentakeln.

Wer etwa auf Mallorca zur Hauptsaison eine vermeintlich unberührte kleine Bucht findet, in der wunderbarerweise gerade niemand schwimmt, sollte näher hinsehen: Oft treiben tausende von kleineren Feuerquallen im Wasser.

Zahl der Quallen steigt

"Hay medusas!" – es gibt Quallen! Wenn dieser Warnruf an spanischen Stränden ertönt, hasten die Urlauber aus dem Wasser, auch wenn nicht gleich Lebensgefahr besteht. Die Verätzungen durch die gefürchteten Feuerquallen (Pelagia noctiluca) können Touristen nicht nur ein paar Urlaubstage verderben, sondern auch hässliche Narben hinterlassen.

Lebensgefahr allerdings besteht im Mittelmeer nur bei Begegnungen mit der – dort bislang sehr seltenen – Portugiesischen Galeere (Physalia physalis). Die Wahrscheinlichkeit solcher Kontakte aber wächst, weil auch die Gesamtzahl der Quallen im Mittelmeer ansteigt.

Sogar im nördlichen Europa werden die Quallen mittlerweile zur Plage. Mal staunen Seeleute mitten im Meer über ganze Teppiche aus riesigen Schwärmen, mal werden Quallen tonnenweise an die Küsten geschwemmt.

  • In Westerland auf Sylt trauten sich Anfang August trotz besten Badewetters nur wenige Urlauber ins Wasser: Winde von Osten trieben massenhaft Feuerquallen auf die Strände, Eltern schnappten ihre Kinder und ließen sie nur im Trockenen spielen.
  • Zur gleichen Zeit fanden sich Schwimmer in der Eckernförder Bucht inmitten Hunderter harmloser Ohrenquallen wieder. Nach Angaben der Biologin Jamileh Javid vom Kieler Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung werden an Deutschlands Küsten derzeit dreimal so viele Quallen beobachtet wie zu Beginn der Neunzigerjahre.
  • In Schottland vernichteten Feuerquallen im vorigen Jahr 300 000 Lachse, den gesamten Bestand einer Zuchtanlage.
  • Vor England erschraken Fischer im Mai dieses Jahres, als sie auf gigantische Quallen vom Typ "Barrel Jellyfish" stießen; die Tiere sind zwar harmlos, erreichen aber den respekteinflößenden Durchmesser von eineinhalb Metern.
  • Im schwedischen Atomkraftwerk Oskarshamn musste bereits mehrfach ein Reaktor vom Netz gehen: Massen von Ohrenquallen im Ostseewasser drohten die Filter der Kühlanlage zu verstopfen. Eine Sprecherin der Betreiberfirma stöhnte: "So viele wie dieses Mal waren es noch nie." Auch in Japan, Israel und Kalifornien werden Quallen immer wieder zum Sicherheitsrisiko für Kernkraftanlagen.

Quallenschwemmen hat es zwar zu allen Zeiten gelegentlich gegeben. Doch das Problem hat sich in den vergangenen Jahren verschärft, sagt der italienische Meeresbiologe Stefano Piraino. "Die Quallen zu zählen, ist keine einfache Aufgabe. Aber dass es im Mittelmeer immer mehr davon gibt, ist eine Tatsache." Auch für das Japanische Meer sei die Zunahme klar dokumentiert. Massenhaft aufgetreten sei etwa die dort lebende Riesenqualle früher nur alle zehn bis 15 Jahre. Heute kommt es alle ein bis zwei Jahre dazu.

Debatte unerwünscht?

"Weil eine Quallenplage die Touristen verschreckt, gehen nicht alle Länder offen damit um", weiß Piraino. Als der Biologe vor Kurzem zu einem Forschertreffen nach Panama reiste, lernte er eine Kollegin aus Kuba kennen. Sie erzählte ihm, es sei dort nahezu unmöglich, Informationen über die Populationszahlen der gefährlichen Portugiesischen Galeere zu erhalten – einer faszinierend schönen, aber zugleich potenziell tödlichen Qualle. Wünscht Kubas autoritäre Führung keine Debatte über Quallen?

Weltweit gibt es eine schwer kalkulierbare Dunkelziffer von Quallentoten. Längst nicht jeder Badende, der von Tentakeln umfasst wird, findet noch die Kraft, ans Ufer zurückzukehren. Mancher allein Badende geht rasch unter, stumm vor Schock, unfähig zu atmen, gelähmt am ganzen Körper – und ohne Zeugen.

Die Mittelmeerstaaten haben inzwischen den Quallen den Kampf angesagt. Politiker fürchten, auf Dauer könne durch ein Übermaß an Quallen das Image des Mittelmeers als attraktive Urlaubsregion leiden. Darum gehen mehrere Staaten das Problem nun ganz gezielt an: mit dem von der EU geförderten Projekt MedJellyrisk, für das auch der Biologe Piraino arbeitet.

Vom Menschen gemacht?

Der Italiener und sein Team betreiben Aufklärung und erproben Maßnahmen, um die Strände zu sichern. Sie sind dabei, Netze in die See zu hängen, die die Quallen von den Urlaubern fernhalten sollen. In Australien, wo es anders als im Mittelmeer tödliche Quallen gibt, hat sich das schon bewährt. Die Strandaufsicht soll in Spanien verstärkt auf Quallen achten. Werden giftige Exemplare gesichtet, wird wie bei zu starkem Wellengang sofort eine Flagge gesetzt. Darauf zu sehen sind zwei blaue Quallen.

Biologen dringen aber darauf, nicht nur Notmaßnahmen in Betracht zu ziehen. Die Quallenplage erfordere vielmehr ein grundsätzliches Umdenken in der Umweltpolitik. Piraino und sein Team etwa sind sich sicher: Die Gründe für die immer neuen, immer extremeren "Quallenblüten" oder "blooms", wie sie auf Englisch heißen, sind menschengemacht.

Den Quallen fehlen natürliche Feinde, von denen sie verzehrt werden. Weil die Verschmutzung der großen Gewässer den Fischen zu schaffen macht, geht es den Quallen immer besser. Quallen ernähren sich von winzigen Krebsen, Fischlarven und -eiern, genau wie viele Speisefische.

"Ägyptens Geschenk an die Welt"

Weil die Meere für den menschlichen Verzehr leergefischt werden, bleibt für die Quallen mehr Futter übrig. Gleichzeitig landen fleißige Quallenfresser wie der Thunfisch auf unseren Tellern und werden so immer seltener. Meeresschildkröten verenden an Plastikmüll, den sie mit ihrer eigentlichen Leibspeise, den Quallen, verwechseln.

Zudem beschleunigt der Klimawandel die Reproduktionszyklen der Medusen. Die Meere heizen sich auf, und so fühlen sich teilweise ganz neue Arten heimisch, die am Rumpf von Frachtern oder durch die Schiffswege überhaupt erst eingeschleppt werden. So wie Rhopilema nomadica: Eine giftige, tropische Qualle von bis zu 90 Zentimetern Durchmesser, bei deren Berührung sich Menschen schmerzhaft verletzen können. Durch den Suez-Kanal gelangte sie einst aus dem Roten Meer ins Mittelmeer, wo sie sich seitdem verbreitet.

Die Ende voriger Woche eröffnete zweite Fahrrinne des Suez-Kanals dürfte die Situation noch verschlimmern. Meeresbiologen aus aller Welt hatten vergeblich dagegen protestiert. Sie fürchten, dass weitere Invasionen tropischer Meeresbewohner das biologische Gleichgewicht im Mittelmeer stören und heimische Arten verdrängen werden. "Das ist absolut nicht hinnehmbar", warnte Piraino.

Ägyptens autoritärer Staatschef Abdel Fattah el-Sisi aber trieb mit aller Kraft das Prestigeprojekt seiner Regierung voran und ließ den Bau feiern wie eine Staatsgründung. Schüler bekamen frei, Busse fuhren umsonst. Und der stolze Sisi trat vor die Mikrofone und nannte die 35 Kilometer lange zweite Fahrrinne, die das Mittelmeer mit dem Roten Meer verbindet, "Ägyptens Geschenk an die Welt".

Von Irene Habich

Guter Rat und Erste Hilfe

Der kluge Mallorca-Urlauber baut vor: Vor dem Sprung ins Meer schaut er auf sein Smartphone – und lässt sich von der App "Grumering" sagen, ob er sich in sicheres Gewässer begibt. Fünf Mallorquiner haben diese App entwickelt. Sie verrät, an welchen Stränden bedenkenlos, weil quallenlos gebadet werden kann.

Im April ist die App freigeschaltet worden und nutzt seither sozusagen die Schwarmintelligenz von Strandurlaubern. Mehr als hundert Nutzer haben sich bereits angemeldet. Sie alle liefern regelmäßig Daten über die von ihnen besuchten Strände. Auf einer Inselkarte werden die Informationen in Symbole übersetzt: Rot bedeutet "viele Quallen", gelb heißt "vereinzelt Quallen", und grün "keine Quallen gesichtet". Die Erfinder setzen darauf, dass sich immer mehr Nutzer registrieren und die App mit Daten versorgen werden.

Der Erfolg hängt allerdings auch von der  Ehrlichkeit der Lieferanten ab. Ganz Schlaue könnten nämlich auf die Idee kommen, falschen Quallenalarm auszulösen – um andere Besucher von ihrer in Wirklichkeit quallenfreien Lieblingsbucht fernzuhalten.

Und was geschieht, wenn doch was passiert? Kommen zum Beispiel die Tentakel der in Nord- und Ostsee verbreiteten Feuerqualle mit der Haut in Kontakt, reagiert diese wie bei Verbrennungen. Lebensbedrohlich sind solche "Quallenstiche" allerdings nicht. Aber sie schmerzen. Die wichtigsten Erste-Hilfe-Tipps im Überblick:

Ruhe bewahren und ohne Hektik an Land schwimmen. Oft ist nicht die Qualle selbst, sondern eine panische Reaktion während des Schwimmens gefährlich.

So schnell wie möglich, aber vorsichtig auf der Haut klebende Tentakel entfernen. An ihnen befinden sich meist noch Giftkapseln. Auf keinen Fall die schmerzenden Stellen mit Händen oder Handtuch reiben – dabei können sich weitere Giftkapseln öffnen. Auch Süßwasser oder Alkohol sollte man nie auf die Wunde geben, sie haben den gleichen Effekt.

Mit Essig von der Strandbar oder einem milden Rasierschaum lassen sich noch nicht geöffnete Kapseln "inaktivieren" – so wird verhindert, dass sie platzen und weiteres Gift abgeben. Dann kann man die Tentakel mit einer Plastikkarte oder einem anderen flachen Gegenstand gefahrlos abschaben. Sind die Tentakelreste entfernt, können die Schmerzen durch Kühlung gelindert werden, spezielle Cremes helfen gegen den Juckreiz.

Ist das Vorkommen gefährlicher Arten an der Badestelle bekannt, sollte man sofort einen Arzt aufsuchen. Das gleiche gilt, wenn dem Verletzten unwohl, schwindelig oder übel wird oder er plötzlich Atemnot bekommt – all das sind Anzeichen dafür, dass ein allergischer Schock droht. Auch sehr starke und großflächige Verletzungen oder Verletzungen der Augen sollten immer ärztlich behandelt werden.

Auf den Rat von Einheimischen hören. Sie wissen am besten, welche Art von Quallen es an ihren Stränden gibt und was im Fall des Falles hilft. In Australien beispielsweise stehen an vielen Stränden Essigflaschen bereit. Denn das Tentakelgift der Würfelqualle (auch Seewespe oder Box Jelly Fish genannt) führt schon nach wenigen Minuten zu Atemstillstand, Herzrhythmusstörungen oder Herztod.

Essig aber, sofort aufgetragen, tötet auch ihre Giftkapseln ab. Trotzdem muss sofort der Notarzt gerufen werden. Ein Gegengift wie beispielsweise gegen giftige Schlangen gibt es noch nicht. In jüngster Zeit haben sich allerdings Wissenschaftler mit der Entwicklung eines solchen Stoffes befasst. Sie fanden im Tierversuch heraus, dass Zinkgluconat das rasend schnell wirkende Quallengift ausbremsen kann.

Von Irene Habich

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