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Die vergessenen Toten

Die Krankenmorde der Nazis Die vergessenen Toten

Durch Zufall entdeckt unser Autor, dass seine Urgroßmutter 1944 von den Nazis ermordet worden ist. Weil sie psychisch krank war. Anlass für Fragen: Wer war Anna Ehmke eigentlich? Warum war sie in der Familie nie ein Thema? Haben wir geschwiegen, weil alle anderen auch schweigen? Eine Spurensuche.

Von seiner Urgroßmutter Anna Ehmke – links mit ihrer Tochter Karla und dem ersten Enkel – und ihrem Schicksal wusste Autor Thorsten Fuchs bis vor wenigen Jahren nichts. Eine persönliche Spurensuche und viele Fragen.

Quelle: privat

Zumindest R. hätte ja mal ein Wort sagen können. R., mein Onkel, mit dem ich damals immer den Reichstag besuchte, als es dort noch diese Ausstellung zur deutschen Geschichte gab. Wir sahen uns dort die Geldscheine aus den Zwanzigerjahren an, die Inflationsgeldscheine mit ihren irrwitzigen Summen, 50 Milliarden, 100 Billionen, und ich war stolz, weil auf allen die Unterschrift meines Urgroßvaters prangte. Wir sprachen viel über ihn, den Reichsbankdirektor, den die Nazis 1933 aus dem Amt jagten. Über Anna sprachen wir nie.

Dass meine Urgroßmutter ermordet worden ist, erfuhr ich auf denkbar beiläufigste Art. Es war im Jahr 2009, ich sah mit einem anderen Onkel alte Fotos an. Zwischen den Bildern lag ein vergilbter Zeitungsausschnitt, "Kieler Nachrichten" vom 14. Mai 1965, Lokalteil. Es geht um einen "Massenmordprozess" gegen 14 Krankenschwestern, der wenige Tage zuvor in München stattgefunden hatte, "Mein Bruder starb in Meseritz …", steht über dem Artikel. Daneben hatte jemand mit blauem Kugelschreiber, in Sütterlin, geschrieben: "meine Frau auch".

Wer das geschrieben habe, fragte ich. "Dein Urgroßvater", sagte mein Onkel. Er sprach nicht von dem Reichsbankdirektor, sondern von meinem anderen Urgroßvater, dem Werftarbeiter. Karl Ehmke lebte in den Sechzigerjahren in einem Altenheim in Kiel, er wird beim Lesen am Morgen auf diesen Artikel gestoßen sein. Eine Erinnerung an das, was gut 20 Jahre zuvor geschehen war.

Das Morden musste schnell gehen

Meine Urgroßmutter, Anna Wilhelmine Catharina Ehmke, geborene Colmorgen, starb am 24. September 1944, mit 58 Jahren, in der Heil- und Pflegeanstalt Meseritz-Obrawalde, damals Provinz Brandenburg. Wenn sie so starb, wie die meisten Frauen und Männer hier starben, dann holte sie an diesem Tag eine Krankenschwester aus ihrem Zimmer, brachte sie zur Station 6, rammte ihr eine Spritze mit Morphium oder Scopolamin in den Oberschenkel und wartete, bis die Atmung aussetzte.

Oder sie schütteten drei Esslöffel Veronal in ein Glas Wasser, das Fünffache der tödlichen Dosis, und wenn sie nicht trinken wollte, legten sie ihr eine Magensonde. Gut möglich aber, dass sie sich diese Mühe nicht mehr machten, dass sie ihr einfach Luft spritzten oder sie verhungern ließen, entkräftet, wie sie war. Mit meiner Urgroßmutter waren 700 Patienten in Meseritz-Obrawalde angekommen, das Doppelte der Klinikkapazität. Da muss das Morden schnell gehen. Die Nazis hätten hier gern Gaskammern gebaut. Sie kamen nur nicht mehr dazu.

Der Zeitungsausriss, mit dem die Recherche begann

"...meine Frau auch": Mit der Entdeckung eines Zeitungsausrisses über die Anstalt Meseritz-Obrawalde und dem daraufgekritzlten Vermerk begann 2009 die Recherche des Urenkels.

Quelle: privat

Die Frage ist, warum an all diese Toten nicht viel mehr erinnert als ein steinernes Kreuz in der sandigen Erde eines Wäldchens zwei Autostunden östlich von Berlin. Ein Stein, auf dem obendrein noch eine Jahreszahl falsch ist. Aber die Frage ist natürlich auch, warum auch wir sie, wenn wir ehrlich sind, vergessen haben. Warum auch wir, ihre Familie, nicht viel unternahmen gegen den Verdacht, unsere psychisch kranke Vorfahrin sei uns etwas unangenehm – und der Mord an ihr ein minderschwerer Fall. Ausgerechnet wir, unsere so geschichts- und politikinteressierte Familie.

Meine Großmutter schenkte mir Biografien über Galileo Galilei und Bücher über die Nazi-Zeit. Wir hüteten die Geldscheine unseres Urgroßvaters, empörten uns bei unseren Familientreffen über die DDR, und meine Großmutter hätte am Bahnhof Friedrichstraße am liebsten jeden Grenzer persönlich aus seiner Kabine gezerrt, so wütend war sie über die deutsche Teilung. Mir war ihr ernster Zorn immer etwas peinlich, aber das Gespür für Unrecht jeder Art war in unserer Familie wohl einfach immer sehr ausgeprägt. Nur über das, was mit Oma Anna geschehen war: nie ein Wort. Wir wissen kaum mehr, wer sie war. Kann man das erklären?

"Sozialdemokrat durch und durch"

Die Heischstraße 10 in Kiel-Gaarden, ein Gründerzeitbau, bis zur Hälfte aus Backstein, darüber glatte helle Fassade. Das Haus hat den Krieg überlebt, als eines der wenigen in der Straße. Auf den Klingelschildern viele ausländische Namen, im Treppenhaus Leitungen über dem Putz, wie früher. Bewohner öffnen vorsichtig die Tür, erzählen, dass sie noch nicht lange hier wohnen und von den Alten niemanden mehr kennen. Hier, im dritten Stock, haben sie gewohnt.

Es muss für sie eine gute Wohnung gewesen sein, wenn auch eng mit vier Kindern in zwei Räumen. Aber Karl Ehmke, mein Urgroßvater, Zimmermann von Beruf, hatte es nicht weit zur Germaniawerft, auf der er arbeitete. Sie bauten U-Boote und Kreuzer für die Kriegsmarine, es gab viel zu tun. Auf den Bildern aus der Zeit, vom Ende der Dreißigerjahre, ist Karl immer der strahlende, offene. Meist trägt er einen Anzug, Zweireiher, Krawatte, weißes Hemd, er lächelt viel. Über ihn gibt es Geschichten.

"Der alte Karl Ehmke war Sozialdemokrat durch und durch", sagt mein Onkel E. "Da wich er nie von ab. In der Heischstraße hatte er einen Nachbarn, strammer Nazi, der ihn schon ganz früher immer mit 'Heil Hitler' grüßte. Unser Großvater antwortete immer nur mit einem mürrischen 'Tach', immer nur dieses 'Tach', das zog er durch. Nach dem Krieg war dieser Nazi dann der Erste, der auch wieder mit 'Tach' grüßte. Da sagte unser Großvater nur: 'Na, hätt sich utgehitlert, was?' Das konnte er sich nicht verkneifen."

Über Anna gibt es wenige Geschichten

Seine Frau Anna ist auf den Fotos die Zurückhaltende, Vorsichtige. Ihr Blick ist distanziert, zugleich schaut sie so direkt in die Kamera, als wolle sie diese Distanz überwinden, als sei ihr das wichtig. Sie führt ihren Enkel an der Hand, hat ihn auf den Arm, sie muss Kinder gemocht haben. Dann, plötzlich, gibt es einen Bruch. Ein halbes Jahr später, auf den Weihnachtsfotos, wirkt ihr Blick entrückt, ihr Lächeln leer.

Über sie, Anna, gibt es wenige Geschichten. Die früheste spielt 1932. Da heiratet ihre älteste Tochter Erna in Berlin. Um nicht zur Feier reisen zu müssen, spielt ihre Mutter Anna in Kiel einen Sturz vor und sagt ab. Für D., meinen Onkel, ein frühes Zeichen ihrer Krankheit, "sie war depressiv", sagt er.

Oder ist ihre Angst vor dieser Feier vielleicht ganz verständlich? Ihre Tochter heiratet in der Hauptstadt den Sohn des Reichsbankdirektors, einen angehenden Richter. Es ist nachvollziehbar, wenn ihr vor dieser Fahrt in die gehobene Berliner Bürgerwelt unwohl ist, ihr, der Schneiderin aus Alt Harmhorst, Kreis Plön, wenn ihr das eine Nummer zu groß ist. Am Ende fährt Karl, der Zimmermann, ohne seine Frau nach Berlin.

Anna Ehmke mit ihrem Mann Karl in den Dreißigerjahren.

Anna Ehmke mit ihrem Mann Karl in den Dreißigerjahren.

Quelle: privat

"Wir haben bei den Besuchen in Kiel immer im Stockbett in der Küche geschlafen. Es war eng, aber ich war unglaublich gern dort", sagt P., auf den Bildern der kleine Junge, den seine Oma beim Laufenlernen an den Händen hält. "Einmal aber, 1944 war das wohl, war wieder Bombenalarm. Wir gingen in den Keller, wo wir spürten, wie das Haus nach einem lauten Knall regelrecht hin- und hergeworfen wurde. Als wir dann wieder hochstiegen, konnten wir auf einmal in den Himmel sehen."

Das Haus hatte einen Treffer abbekommen, das Dach war weg. Ob seine Großmutter, Anna Ehmke, da noch dabei war? Das, sagt P., wisse er nicht mehr. Er war noch ein Junge, gerade mal sieben. In seiner Erinnerung ist da nur Karl, der Großvater.

Es ist nicht klar, ab wann meine Urgroßmutter in der Landesheilanstalt Schleswig-Stadtfeld untergebracht war. Niemand in unserer Familie weiß mehr, wer sie eingewiesen hat, wie lange sie dort war. Klar ist nur, dass die frühere Irrenanstalt Schleswig bereits früh voll auf nationalsozialistischem Kurs war. Seit 1933 nahmen die Einweisungen zu – nur dass nicht mehr die Heilung der Patienten das Ziel war, sondern der angeblich nötige Schutz der Gesellschaft vor ihnen.

"Es war doch eine Erlösung"

Die Pfleger und Ärzte malten Stammbäume jener Familien, die sie "erbkrank" nannten, ließen Hunderte sterilisieren und schickten etwa tausend in die Tötungsanstalten überall im Deutschen Reich. Akten über die Verbrechen hat die Anstaltsleitung nach Kriegsende gezielt vernichtet. Das hat es auch Inke Asmussen nicht leicht gemacht.

Die Frau mit den kurzen grauen Haaren ist Pflegedirektorin der Klinik, die heute zum Helios-Konzern gehört. Ihr Büro liegt im forensischen Teil des Krankenhauses, hinter vier Meter hohen Zäunen und Stacheldraht. Die Angst der Bürger vor den Irren – es gibt sie jedenfalls noch immer. Inke Asmussen kam 1993 als Schwester nach Schleswig. Sie hatte sich viel mit der Geschichte der Psychiatrie beschäftigt, sie war kritisch, sie wollte eine Öffnung. Was sie nach ihrer Ankunft dort erlebte, überstieg alle Befürchtungen.

"Wenn man nur danach fragte, was während der Nazizeit hier geschehen ist, dann war das fast ein Entlassungsgrund." Vielleicht war es Scham, die die Kollegen schweigen und die Chefs fast aggressiv reagieren ließ. Scham über das Unrecht. Nur passt dazu nicht, dass es offenbar kaum ein Unrechtsbewusstsein gab. "Ich sprach damals mit Pflegern und Schwestern, die die Patienten zu den Zügen in den Tod begleiteten, die genau wussten, was mit ihnen geschah, und das noch immer richtig fanden. 'Es war doch für sie eine Erlösung', oder 'So mussten sie nicht mehr leiden', solche Sätze habe ich immer wieder gehört."

Gute Gründe, an der Welt irre zu werden

Das Gebäude, in dem meine Urgroßmutter damals untergebracht war, ist ein Haus aus der Gründungszeit der Klinik, frühes 19. Jahrhundert. Zweistöckig, klassizistisch, heller, nordischer Stil, die kleinen Zimmer im Inneren sind heute Büros. Man kann hier noch etwas spüren von dem frühen Idealismus, mit dem diese Klinik mal gebaut wurde und der sich dann so radikal ins Gegenteil verkehrte.

Worunter meine Urgroßmutter litt, ist schwer zu sagen. "Präsenile Demenz", das war die offizielle Diagnose. Aber "präsenile Demenz" konnte damals vieles bedeuten, Depressionen zum Beispiel, oder Schizophrenie. "Es kam immer wieder vor", sagt M., meine Tante, "dass sie sich in den Zug setzte und von Kiel nach Berlin fuhr. Einfach so, ohne jemandem etwas zu sagen. Auf einmal stand sie vor der Tür, auch mitten in der Nacht, und genauso plötzlich war sie auch wieder verschwunden." Sie muss manische Phasen gehabt haben, Zeiten extremer Aktivität, vielleicht auch wahnhafte Momente. Man soll sie einmal unbekleidet im Zug aufgegriffen haben.

Andererseits hatte sie gute Gründe, an der Welt irre zu werden. Binnen zwei Jahren waren zwei ihrer vier Kinder gestorben. Werner, der einzige Sohn, war am frühen Morgen des 12. August 1943 nahe St. Petersburg auf eine Mine getreten. Karla, die jüngste Tochter, war am 17. Oktober 1941 in einem Kieler Krankenhaus an Tuberkulose gestorben, mit 25 Jahren. Wahnsinn war auf all das nicht die unpassendste Reaktion.

Todesmarsch im Morgengrauen

Als die Kieler Uniklinik 1944 ausgebombt wird, braucht man Platz für die Patienten – und kommt schnell auf Schleswig. Die Irren sollen Platz machen. Am frühen Morgen des 14. September 1944 werden 700 Patienten in einer Art Todesmarsch von der Klinik zum Kreisbahnhof geführt, quer durch die Stadt. Sie tragen Holzpantinen, das Klappern auf dem Pflaster weckt die Anwohner, viele blicken durchs Fenster auf den gespenstischen Zug, Menschen in weißen Hemden, sie gehen langsam.

Eine dieser Patientinnen ist Anna Ehmke, meine Urgroßmutter. Ihr Name steht auf der Verlegungsliste, daneben die Diagnose, die Kleidernummer, der Name ihres Mannes. "Sauber: ja" steht dort noch, und "arbeitsfähig: nein". Das war ihr Todesurteil.

Man kann diesen Weg, ihren letzten Weg, heute nachgehen. Man beginnt dann bei Kfz-Service Funk, einer Autowerkstatt. Die St. Jürgener Straße führt noch ein paar Meter hinauf, dann geht es immer bergab, den Gallberg hinunter. Vorbei an Backsteinhäusern mit Satteldach und Gärtchen, Dreißigerjahre-Stil, sie müssen damals neu gewesen sein, der Stolz ihrer Besitzer. Vorbei an der Schule mit dem weiten Pausenhof, noch ganz still und leer an jenem Morgen, bis zu den ersten Geschäften, das Puppengeschäft war schon da, "100 Jahre" steht heute im Fenster.

Der Dom von Schleswig: Kein zeichen während des Todesmarsches.

Der Dom von Schleswig: Kein Zeichen während des Todesmarsches.

Quelle: Henning Leweke / CC BY-SA 2.0

Die ganze Zeit auf diesem Weg blickt man auf den Dom, der in Schleswig alles überragt, er kommt immer näher, je weiter man den Gallberg hinabschreitet, und es ist, als wache er über alles. Einige der Patienten ahnten, was mit ihnen geschehen würde. Es gab Gerüchte. Möglich, dass sie auf den Dom sahen, dass sie hofften, es würde ein Zeichen geben, ein Signal des Widerstands, man konnte von dort ja alles sehen. Vom Dom gab es kein Zeichen.

Unten, am Kreisbahnhof, wartete schon der Zug nach Meseritz, in den Tod. Das Bahnhofsgebäude von damals steht noch, ein zweistöckiger Gründerzeitbau mit wuchtigen Türmen links und rechts, aufwendig restauriert. Im Erdgeschoss gibt es ein Restaurant, "Gleis 9". "Meine Geschmacksstation", so wirbt es für sich. Das Gebäude blicke "auf eine bewegte Geschichte zurück", erklärt ein Schild. Hinter dem Haus liegen noch ein paar Meter Gleis. Eine hölzerne Terrasse ist darüber gebaut, Tische stehen unter Sonnenschirmen, ein ruhiger Platz.

"Wir haben erst damit angefangen, diesen Weg nachzugehen", sagt Inke Asmussen, "zum Jahrestag halten wir einen Gedenkgottesdienst ab, und vor zwei Jahren haben wir auch ein Denkmal gestaltet, das an die Deportation erinnert. Einmal haben wir zum Jahrestag auch eine Todesanzeige für die 700 Patienten geschaltet. Das hat natürlich viel Aufsehen erregt. Viele waren betroffen, aber die Reaktionen waren am Ende eigentlich immer positiv. Wir arbeiten mit Schulen zusammen, mit der Kirche, da gab es keine Abwehr."

Kaum Interesse bei den Nachkommen

Das Komische ist nur, dass die Nachkommen der Opfer sich anscheinend nicht sehr für das Thema interessieren. Drei, sagt Inke Asmussen, drei hätten sich in den vergangenen 20 Jahren gemeldet. Drei Nachkommen von etwa 1000 Männern und Frauen, die von Schleswig in den Tod fuhren.

Es ist ja ein eigenartiger Gegensatz. Es gibt in Deutschland ein recht strenges Sterbehilfegesetz, die Präimplantationsdiagnostik ist sehr restriktiv geregelt, und wir erheben den Anspruch, Behinderte in ganz normale Schulen zu integrieren – alles letztlich, um ja nicht in den Verdacht zu geraten, Kranken und Behinderten weniger Lebensrecht zuzugestehen als denen, die sich für normal halten. Bis heute bestimmt die Abgrenzung von dem, was die Nazis zynischerweise "Euthanasie" nannten, den "schönen Tod", die deutsche Politik.

Wir erinnern an die "Euthanasie" – aber die "Euthanasierten", die Opfer, haben wir verschwiegen, verdrängt, vergessen. Rund 200 000 Kranke und Behinderte wurden, als Teil dieses Programms, zwischen 1939 und 1945 vergiftet, vergast oder dem Verhungern preisgegeben. Das heißt: In jeder zehnten deutschen Familie gibt es ein "Euthanasie"-Opfer. Man kann wohl sagen: Ein großes Thema waren sie nie, nirgends.

Der Widerstand blieb gering

Was, wenn Götz Aly recht hat, was ja auch nachvollziehbar wäre. Aly ist Historiker, "Die Belasteten" heißt sein Buch über "Euthanasie". Demnach schauten die Organisatoren der Morde genau, wer wie viel Besuch erhielt. Und wenn sie den Eindruck hatten, dass die Familienbande nicht sehr eng waren, dann haben sie diese Patienten sehr viel schneller ausgewählt als andere.

Am Ende gab es eine Sterbeurkunde mit fingierter Todesursache, und die Verwandten schwiegen. Ein Mensch, der wahrscheinlich auch eine Last war, war ihnen genommen. Man nahm das so hin. Und schwieg. Aus Scham. Die Mörder, schreibt Aly, seien überrascht gewesen, wie gering der Widerstand gegen die "Euthanasie" blieb. So gesehen, wären die Angehörigen, auch wir, stille Komplizen dieser Morde. Dass er recht haben könnte: schwer erträglicher Gedanke.

Ein verschwiegener Ort: Die "Irrenanstalt Obrawalde"

In der "Irrenanstalt Obrawalde", 1904 als hochmoderne, auf Therapie ausgerichtete Anstalt erbaut, wurden während der Nazi-Herrschaft rund 10 000 psychisch kranke Menschen aus Deutschland, Polen und der Sowjetunion ermordet und in Massengräbern verscharrt.

Quelle: privat

Die Ärzte und Schwestern aus Schleswig beteuerten nach dem Krieg, sie hätten gezielt die Arbeitsfähigen für den Transport nach Meseritz ausgewählt, also die mit den besten Überlebenschancen. Zumindest im Fall meiner Urgroßmutter haben sie sich nicht daran gehalten. Die Zugfahrt muss anstrengend gewesen sein, erst am nächsten Tag, dem 15. September 1944, kamen sie und die 699 anderen in Meseritz an, später als geplant.

Im ersten Moment muss sie gedacht oder wenigstens gehofft haben, dass dies ein guter Ort sei. Ein weites Gelände mit vielen niedrigen Bauten, gelber und roter Backstein, preußische Architektur, dazwischen Kiefern. Bettenhäuser, Turnhalle, eine Kapelle, Schwimmbad, Werkstätten, sogar eine Fleischerei, alles das gehörte zur Heil- und Pflegeanstalt Meseritz-Obrawalde, vier Kilometer außerhalb von Meseritz gelegen. Eine kleine Stadt für sich. Sogar einen Bahnanschluss gab es, ursprünglich damit die Kranken auch zu Ausflügen aufbrechen könnten. Der erwies sich dann aus anderen Gründen als sehr funktional.

"Sterbestübchen" und Massengräber

Im September 1944 ist Meseritz-Obrawalde längst eine Tötungsanstalt. Für die bis zu 2000 Patienten, die in Zügen vor allem aus Berlin und Norddeutschland hierher verlegt werden, sind gerade mal drei Ärzte zuständig, von denen zwei vollständig mit der Mordaktion beschäftigt sind.

Direktor der Klinik ist seit 1941 Walter Grabowski, gelernter Kaufmann, der zuvor über die Krankenmorde im besetzten Polen Buch führte, ein Bürokrat des Todes. Wer getötet wird, bestimmt der Medizinalrat Theophil Mootz per Kopfnicken oder Fingerzeig. Am Ende sind es ausgewählte Schwestern und Pfleger, die die Patienten in die "Sterbestübchen" führen, vor allem in die Räume im ersten Stock von Station 6, und ihnen dann das Gift spritzen. Amanda Ratajczak zum Beispiel, die allein mehr als 2500 Menschen tötete. Oder Hilde Wernicke, eine Ärztin, die selbst aus Schleswig stammte.

Die Klinik in Obrzyce, wie Obrawalde jetzt heißt, ist auch heute noch eine psychiatrische Klinik. Die Gebäude sind die alten. Man muss das Gelände ganz durchqueren, dann gelangt man auf einen fußballfeldgroßen Bereich, wild bewachsen von Sträuchern, Bäumen. An einer freien Stelle stehen vielleicht ein Dutzend rostiger Kreuze. Sie markieren die einstigen Massengräber. Hier hat man sie verscharrt, die zehntausend Toten von Meseritz. Irgendwo hier liegen die Überreste meiner Urgroßmutter Anna Ehmke.

Der Ort sollte tabu sein

Es ist möglicherweise das zweite Mal, dass jemand aus unserer Familie hier ist. "Ihr Mann, Karl, der Werftarbeiter, ist sofort hierher gefahren, nachdem er die Todesnachricht erhalten hat", sagt mein Onkel A. "Das hat meine Mutter erzählt. Es muss noch Ende 1944 gewesen sein, danach konnte er ja nicht mehr herfahren. Er konnte sich den Tod seiner Frau nicht erklären, er muss entsetzt gewesen sein. Als er in Obrawalde ankam, habe man ihm nur Gräber mit einer Nummer daran gezeigt, erzählte er. Sie sei eines natürlichen Todes gestorben. Dann schickte man ihn wieder weg, er muss sich regelrecht abgekanzelt gefühlt haben."

Wenn er wirklich hier war, wenn er 72 Jahre vor uns über dieses Feld gegangen ist, dann hätte er sich über ein Verbot hinweggesetzt. Keine Besuche in Meseritz, so hatten es die Behörden verfügt, erst nach dem Krieg dürften sie hin. In den Todesanzeigen durfte der Name nicht mehr genannt werden, es war ja in Kiel längst aufgefallen, wie viele Menschen da starben. Niemand sollte wissen, was genau in Meseritz-Obrawalde geschah, der Ort sollte tabu sein. Es würde jedenfalls zu ihm passen, dass ihn das alles nicht scherte. Ich möchte glauben, dass er wirklich dort war.

Am Rand des Massengrabes, zwischen den Bäumen, steht ein steinernes Kreuz, das an die Opfer erinnert. Lukasz Paczkowski, Anfang 40, schwarzes Hemd, kurzes dunkles Haar und Dreitagebart, steht daneben und wirkt unschlüssig. Einerseits ist er froh, dass es dieses kleine Mahnmal gibt, immerhin dieses. Andererseits ist es ihm unangenehm, dass eine falsche Jahreszahl darauf steht, 1939. "Dabei begannen die Verbrechen hier erst 1942." Er will sie nicht kleiner machen. Er will nur genau sein. Es ist für ihn eine Frage des Respekts.

Das einzige Gedenken: Ein Steinkreuz an den Massengräbern in Obrawalde erinnert an die Opfer.

Das einzige Gedenken: Ein Steinkreuz an den Massengräbern in Obrawalde erinnert an die Opfer.

Quelle: privat

Paczkowski ist mit der Klinik und ihrer Geschichte gleichsam aufgewachsen. Er stammt aus Meseritz, Miedzyrzecz, wie die Stadt heute heißt. "Als Junge wusste ich nur, dass die Deutschen da draußen schlimme Dinge gemacht hatten." Es war das, was die meisten wussten, und dass seine Großtante und seine Mutter hier arbeiteten, änderte daran nichts. "Meine Großtante sprach nicht darüber." Das Schweigen, so viel ist sicher, gab es überall.

Heute ist Paczkowski selbst Psychiater in Obrawalde, und das mit dem Schweigen würde er gern ändern. Natürlich, es gibt die kleine Ausstellung im Verwaltungsgebäude, Schwarz-Weiß-Fotos und historische Dokumente unter einem dämonischen durchgestrichenen Hakenkreuz, unverändert seit den Sechzigerjahren. "Aber die sollte damals nur zeigen, wie böse die Deutschen waren. Die war nicht für die Opfer."

2009 versuchte er deshalb, auf neue Art an die Verbrechen zu erinnern. Er hatte Pläne. Wollte mit Wegweisern die Menschen aus der Stadt über das Gelände schicken und eine neue Ausstellung in der früheren Pathologie ausrichten. "Eine Million Euro sollte das kosten", sagt Paczkowski. "Die EU hatte ihren Zuschuss schon zugesagt." Gescheitert ist es an den Eigenmitteln, an 150 000 Euro. Die konnte die Klinik nicht aufbringen.

Nicht alle Mörder wurden bestraft

Vielleicht konnte sie es nicht. Vielleicht wollte sie es auch nicht. Einige der alten Gebäude stehen leer, es fehlt das Geld für die Sanierung. Die Bereitschaft, die begrenzten Mittel dafür zu nutzen, an die Verbrechen der Deutschen zu erinnern, wenn sie es hier nicht mal selbst tun, dürfte überschaubar sein. Die Erinnerung an die Verbrechen von Meseritz ist auf allen Seiten eine schwierige Angelegenheit.

Es ist gut möglich, dass die Mörder meiner Urgroßmutter bestraft wurden. Amanda Ratajczak und Hermann Guhlke, beide Pfleger, wurden noch 1945 von einem sowjetischen Gericht zum Tode verurteilt und gehenkt. Die Pflegerin Helene Wieczorek und die Ärztin Hilde Wernicke wurden 1947 in Berlin hingerichtet. 1964 gab es in München noch einen Prozess gegen 14 frühere Pflegerinnen. Sie hießen zum Beispiel Luise Erdmann und Erna Elgert, waren über 50, die Staatsanwaltschaft warf ihnen Beihilfe zum Mord in mindestens 200 Fällen vor.

Die Schwestern gaben ihre Beteiligung mehr oder weniger zu. Sagten, dass sie die Patienten festgehalten, Spritzen aufgezogen, Gift verabreicht hätten. Selbst die Richter staunten über ihre Aussagen, diese Mischung aus Naivität und Offenheit. Sie habe den Patienten aus Mitgefühl zugeredet, "ihre Arznei" zu trinken, sagte eine Schwester: "Sie sollten doch nicht merken, dass sie sterben mussten." Sie habe, fügte sie noch hinzu, ihren Dienst immer mit Liebe und besonderer Geduld versehen. Am Ende wurden alle Angeklagten freigesprochen.

Ein Makel, der nicht belasten sollte

Meine Großmutter, die Tochter meiner Urgroßmutter, muss in Berlin von diesem Prozess gelesen haben. Sie hat immer Zeitung gelesen, Radio gehört, sämtliche Berichte. Wenn sie dieser Prozess wütend gemacht haben sollte: Gezeigt hat sie es nicht. "Sie war ja sehr viel mit sich selbst beschäftigt", sagt M., meine Tante, die sie in den Sechzigerjahren häufig gesehen hat. "Sie hatte ihren Mann im Krieg verloren, und dann war sie mit fünf Söhnen allein und musste sie aufziehen. Da war für andere Gedanken vielleicht nicht mehr viel Platz."

Ich habe meine Großmutter, Anna Ehmkes Tochter, als sehr aufrechte, stolze Frau in Erinnerung. Bestimmt ist es ihr schwergefallen, über den Makel zu sprechen, den eine psychisch kranke Mutter noch immer bedeutete. Vielleicht wollte sie uns Nachgeborene aber auch nicht mit diesem Makel belasten, wenn doch auch sonst niemand darüber sprach und 200 Morde nicht mal für einen Tag Gefängnis reichten.

Zu der Ausstellung, die ich mit meinem Onkel in Berlin im Reichstag besuchte, gibt es einen Katalog. Er heißt "Fragen an die deutsche Geschichte", man bekommt ihn gebraucht für einem Cent im Internet. In diesem Buch gibt es 48 Seiten über die NS-Zeit. Die Ermordung Kranker, die Euthanasie, wird nicht mal erwähnt. Mit keinem Wort. In diesem Buch hat meine Urgroßmutter einfach überlebt.

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