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Freie Fahrt für kleine Sünden

Entspannung statt guter Vorsätze Freie Fahrt für kleine Sünden

Alle Jahre wieder scheitern unsere guten Vorsätze. Weil wir uns vornehmen, endlich alles anders zu machen. Gesünder zu leben. Weniger zu arbeiten. Bessere Menschen zu werden. Die Wissenschaft weiß jedoch längst: Je mehr Druck wir uns machen, desto eher versagen wir.

So verlässlich wie "Dinner for One": Alljährlich scheitern die meisten von uns an ihren guten Vorsätzen. Woran liegt das?

Quelle: RND/Fotolia

Same procedure as last year? Klar, dasselbe Spiel wie jedes Jahr! Wie gehabt wird James, der Butler, elfmal über den Tigerkopf stolpern. Wie an jedem Silvesterabend werden sich rund 15 Millionen Fernsehzuschauer vor Lachen schütteln, obwohl sie jedes Detail von Freddie Frintons unverwüstlicher Ulknummer "Dinner for One" in- und auswendig kennen.

Nach dem Dinner gibt's Essen, auch das wird ziemlich berechenbar ablaufen. Zumeist wird der Racletteofen angeworfen oder das Fondueset hervorgekramt. Oder es gibt Heringssalat. Oder Kartoffelsalat mit Würstchen. Die meisten Deutschen machen das so.

Verlässlichkeit herrscht auch bei den Vorsätzen, die rund 80 Prozent von uns für das neue Jahr fassen.  Es sind stets dieselben schlechten Angewohnheiten, die wir endlich mal loswerden wollen. Laut alljährlicher Gute-Vorsätze-Studie der DAK auch für 2017 auf der Pole-Position: weniger Stress (62 Prozent der Befragten). Im Verfolgerfeld: mehr Zeit für die Familie und für Freunde (60 Prozent), mehr Sport (57), mehr Zeit für sich selbst (52), gesündere Ernährung (50 Prozent), abnehmen (33 Prozent).

Auf das Scheitern ist Verlass

Seit Jahren schon ist diese Selbstoptimierungshitliste wie in Stein gemeißelt. Einzig der Wunsch, künftig häufiger von Smartphone und Internet zu lassen, wird Jahr für Jahr ein wenig stärker, was angesichts der Allgegenwart digitaler Medien kaum verwundert.

Auch darauf ist Verlass: Die meisten Besserungswilligen werden scheitern. Wie 2016. Wie 2015. Und in all den Jahren davor. Rund ein Drittel wirft bereits nach einigen Tagen, maximal wenigen Wochen das Handtuch, ein weiteres Drittel nach spätestens drei Monaten. Die Chancen stehen also zwei zu eins, dass Sie, lieber Leser, abermals zu viele Überstunden machen, zu viel essen, zu oft zu tief ins Weinglas schauen und reglos auf dem Sofa verharren, pausenlos mit Ihrem digitalen Endgerät daddelnd.

Eigentlich erstaunlich, dass es so schwerfällt, schlechte Gewohnheiten abzustellen – obwohl jeder weiß, dass sie auf Dauer nichts Gutes verheißen. Wer opfert seine Freizeit voller Freude dem Chef? Wer trägt seinen Bauch schon begeistert vor sich her? Wer empfindet akute Luftnot am zweiten Treppenabsatz ernsthaft als Normalzustand? Wer outet sich schon gern als Schlaffi?

Triumph der Schwäche

Stress, Übergewicht, Konditionsschwäche und Disziplinlosigkeit sind nichts, worauf man stolz sein muss. Und trotzdem siegen diese Ausgeburten des inneren Schweinehundes jedes Jahr aufs Neue. Warum nur?

Wer das nötige Selbstbewusstsein hat, kann den Triumph der Schwäche natürlich so nonchalant beiseitewischen wie Oscar Wilde, der Großmeister bissiger Bonmots: "Gute Vorsätze sind der nutzlose Versuch, die Naturgesetze außer Kraft zu setzen", soll der leidenschaftliche Kettenraucher gesagt haben – und hat damit jenen, die wiederholt an ihren Vorsätzen gescheitert sind, einen möglichen Ausweg gewiesen: Am besten, man steht zu seinen Schwächen, betrachtet sie als unvermeidlich.

Wissend, dass es weniger Kraft kostet und am Ende womöglich gesünder und sozialverträglicher ist, seine Defizite mit Würde und einem Quäntchen Selbstironie zu (er)tragen, als sich und alle Welt kurz vor Jahresende damit verrückt zu machen, dass man jetzt aber mal schleunigst ein fehlerfreier Mensch werden will.

Das Gehirn liebt Routine

Die Wissenschaft gibt Oscar Wilde übrigens recht. Nicht so sehr darin, dass es in jedem Fall sinnvoll ist, sich mit seinen Schwächen anzufreunden, was ja spätestens dann an Idiotie und grobe Fahrlässigkeit grenzt, wenn durch Stillhalten ernsthafte gesundheitliche Konsequenzen drohen. Es ist vielmehr unser Hang zur Routine, zu eingefahrenem Verhalten, die Wilde'sche "Naturgesetzmäßgkeit" unserer Lasterhaftigkeit, die den Kampf um Selbstverbesserung so mühsam und so wenig aussichtsreich macht.

Aus den Neurowissenschaften ist bekannt, dass sich beständig wiederkehrende Verhaltensmuster besonders tief und nachhaltig im Gehirn einprägen. Sie werden weitgehend automatisch abgerufen und nahezu unbewusst vollzogen. Das ist durchaus sinnvoll, denn der Alltag ließe sich kaum effizient bewältigen, wenn Routinehandlungen – Türen aufschließen, Licht anschalten, Kaffee kochen, Autofahren – mit besonderer Bewusstseinsanstrengung bewältigt werden müssten.

Der Stress mit dem Stressabbau

Das Dumme an diesem eigentlich genialen evolutionären Energiesparprogramm: Auch schlechte Angewohnheiten schleifen sich ein und laufen früher oder später unwillkürlich ab. Der Griff zur Zigarette oder zur Nougattrüffel fühlt sich dann so selbstverständlich an wie Zähneputzen oder Schuhebinden. Gerade im gestressten Zustand werden solche automatisierten Verhaltensmuster bevorzugt abgerufen, während Handlungen, die bewusstes Nachdenken oder gezieltes Einüben erfordern, mit steigendem Stresslevel immer schwerer fallen.

Angesichts dessen hat es schon fast eine gewisse Ironie, dass ausgerechnet Stressabbau der am häufigsten gefasste Vorsatz ist. Denn wer sich nichts sehnlicher wünscht, als endlich mal runterzukommen, muss definitiv gestresst sein – und ist damit denkbar schlecht gerüstet für Verhaltensänderungen. Die logische Konsequenz heißt: Scheitern. Aus Scheitern wiederum erwächst noch mehr Stress, aus Stress erneutes Scheitern.

Ein weiterer Grund, der das Durchhalten so schwer macht, verrät manches über unser Selbstverhältnis: Gute Vorsätze werden zumeist von Defiziten diktiert. Nicht Potenziale erzeugen Handlungsdruck, sondern Mangelzustände. Denn wer mag in perfektionsvernarrten Zeiten schon allzu große Abweichungen von der Hochleistungsnorm riskieren?

Kein Vorsatz ist der beste Vorsatz

Zu dick, zu unsportlich, zu passiv, zu ungesund: So tönt die innere Gouvernante und wedelt mit dem Fitnessarmband. Ein eigentlich positives Vorhaben, das durchaus etwas Anstrengung verdient hätte, fühlt sich unter den Vorzeichen permanenter Selbstkritik bestenfalls nach einem sadistischen Zwölfmonatsplan zur Schadensbegrenzung an, nach einem Kampf gegen das eigene Ich – und schon gerät der Vorsatz zur lustlosen Schinderei.

Man braucht nicht zwingend esoterische Selbsthilfeliteratur, fernöstliche Kalendersprüche oder die derzeit arg strapazierten Achtsamkeitsratgeber zu bemühen, um darauf zu kommen, dass es womöglich der beste Vorsatz ist, gar keine Vorsätze mehr zu fassen.

Also: einfach mal aufhören mit dem Strampeln, die innere Kampfzone räumen und dem Jahr 2017 gelassen und mit gesundem Selbstvertrauen entgegengehen! Bleiben wir ruhig ein wenig stur. Bleiben wir einfach mal, wer wir sind. Mit all unseren kleinen Macken. Die Welt da draußen ist schließlich schon Herausforderung genug.

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