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Ein Hoch auf die Viertagewoche

Teilzeit liegt im Trend Ein Hoch auf die Viertagewoche

Vier Tage Arbeit pro Woche sind genug: Immer mehr beruflich Erfolgreiche entdecken die Teilzeit. Vielen geht es gar nicht darum, sich mehr um die Familie zu kümmern. Sie verschieben für sich selbst die Gewichte in ihrem Leben – und verzichten dafür auf Geld und den vielleicht letzten Karriereschritt.

Quelle: iStockphoto

Hannover. Nur mal angenommen, der Montag sähe zum Beispiel so aus: Am Morgen erst mal eine Runde durch den Park laufen. Dann, mit freundlichen Grüßen an das Frühmeeting, das gerade ohne einen stattfindet, zum Frühstück in eines dieser netten neuen Cafés. Am Nachmittag: mit Buch und Badehose raus zum See. Und das Schönste: Der nächste Montag ist auch frei. Genau wie der übernächste und von nun an überhaupt alle Montage. Ein Hoch auf die Viertagewoche.

Schöne Vorstellung, eigentlich. Unrealistisch? Aber warum eigentlich?

Quer durch Deutschland sind jedenfalls derzeit eine ganze Menge Menschen dabei, sich ihre Bedenken noch mal genauer anzuschauen – und ihr Leben neu auszubalancieren. Es gibt eine Entwicklung zum Weniger. Weniger Arbeitszeit und zur Not dann eben auch weniger Geld, Karriere, Prestige. Dafür aber Zeit für Freunde, für Familie, für sich selbst. Die Gewichte verschieben sich. Weniger ist das neue Mehr. 80 ist das neue 100. „32 Stunden sind die neue Vollzeit“, sagt die Soziologin Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin.

Die Ersten, die die Gewichte in ihrem Leben kollektiv verschoben, waren die heute 20- bis 30-Jährigen, die Generation Y. Sie sahen sich das Leben ihrer Eltern an – und hatten da noch ein paar Fragen: Was nützt mir der BMW-X5-Dienstwagen, wenn ich abends ständig das Treffen meiner Freunde in der Forstbaumschule verpasse? Warum habe ich Kinder, wenn ich nur per Whatsapp-Video von daheim mitkriege, dass sie jetzt Fahrrad fahren können? Ist es das wert?

Eher nicht, sagt die Generation Y – und lässt die große Karriere im Zweifel sausen. Wo bleibt da der Ehrgeiz, der Biss, fragen besorgt die Altvorderen – und müssen feststellen, dass ihnen nun auch die eigene Generation von der Fahne geht. 2000 Manager hat die Personalberatung Odgers Berndtson vor Kurzem befragt, und deren Sehnsucht ist eindeutig. 63 Prozent ihrer gesamten Zeit, gaben sie an, fresse im Moment die Arbeit. Muss weniger werden, erklärten sie erstaunlich deutlich, ­54 Prozent sollten es höchstens sein – auch wenn es Geld und Titel kostet. Von einer nachträglichen „Ypsilonisierung“ der etablierten Managergeneration schreibt Veronika Ulbort, Leiterin der Studie. Die Generation Y erklärt den Älteren, was wichtig ist. Von den Jüngeren lernen heißt liegen lernen.

Den Preis, sagt er, habe er gern bezahlt.

Wer mit Menschen spricht, die ihre Stellen ohne Not, einfach für ein besseres Leben, reduziert haben, der hört meist Antworten voller Euphorie. Da ist die Oberärztin, die sich nach einem Achtsamkeitsseminar fragte, was sie wohl gelernt hat – und ­anschließend bei der Chefärztin um Reduzierung ihrer Stelle auf 80 Prozent bat. Am freien Mittwoch geht sie ins Fitnessstudio, belegt abends einen Sprachkurs. Ein Gegengewicht zum täglichen Zwang, immer mehr Patienten in weniger Zeit behandeln zu müssen. Selbstverwirklichung statt Mühle. „Eine der glücklichsten Entscheidungen meines Lebens“, sagt sie heute, nach zwei Jahren. Und da ist der Grafiker, der an seinem freien Freitag erst für seine beiden Töchter kocht – und anschließend sein Rennrad aus dem Keller holt. „Die besten Dinge des Lebens sind umsonst“, sagt er. Und zu den besten Dingen gehört für ihn, sich zur Halbzeit nach 40 Kilometern an den Strand zu setzen, Wasser zu trinken, einen Apfel zu essen und auf die Ostsee zu schauen. So geht für ihn das bessere Leben.

Den Preis, sagt er, habe er gern bezahlt. Der Preis, das war für ihn der Rückzug vom Projektleiterposten. Vier statt fünf Tage, das ist vor allem eine Frage des Geldes. Etwas, das man sich leisten können muss. Ein Obere-Mittelschicht-Phänomen. Eher nichts für Menschen mit laufendem Hauskredit, Kindern in der Ausbildung oder mit einem Hang zum Zweiturlaub auf Hawaii. Und von den ganz großen Karriereambitionen sollte man sich auch verabschieden. Deutschland ist noch immer Präsenzkulturland. Heißt: Wer lange bleibt, kommt schneller hoch. Ein Chef, der freitags auf dem Rennrad sitzt? Schlecht, ganz schlecht.

Effizienter sind Teilzeitkräfte ohnehin.

So ist das Glück der Viertagewoche denn auch viel mehr Wunsch als Wirklichkeit. Zwar arbeiten seit dem Jahr 2000 in Deutschland immer mehr Menschen in Teilzeit, die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit ist auf gut 35 Stunden gesunken. Doch dahinter steckt eine strikte Trennung. Da sind auf der einen Seite Teilzeitkräfte, vor allem Frauen, die gern deutlich mehr arbeiten würden. Und da sind auf der anderen Seite die Vollzeitler, vor allem Männer, die gern weniger arbeiten würden. Dazwischen: viel Luft, wenig Glück. „Wir müssen die Arbeit umverteilen“, fordert der amerikanische Soziologe Richard Sennett. „Die Menschen werden von Zeitstrukturen dominiert, die die Fähigkeit reduzieren, Arbeit als Genugtuung zu erleben.“ Der mexikanische Unternehmer Carlos Slim, einer der reichsten Männer der Welt, fordert die Dreitagewoche für alle: „Da hätten wir mehr Zeit, uns zu entspannen, mehr Lebensqualität.“

Vielleicht hatte er dabei ja auch jenen Effekt im Sinn, von dem fast alle Teilzeitkräfte berichten: dass sie auch am freien Tag über neue Projekte nachdenken oder den einen oder anderen Anruf erledigen. Effizienter sind Teilzeitkräfte ohnehin. Klingt, als hätten am Ende alle was davon.

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