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Live hält am Leben

Unkaputtbare Altherrenbands Live hält am Leben

Auch wenn nach dem Gig die morschen Knochen ächzen: Die Rolling Stones, U2, Status Quo und andere Bands im Rentenalter zieht es noch immer auf die Bühne. Denn “live“ heißt jung bleiben – auch für etliche Fans, die mit ihren Idolen gealtert sind. Warum können sie nicht aufhören, wenn’s am schönsten ist?

Jungbrunnen, für Fans genauso wie für die Bands im reiferen Alter: Kaum einer will vom Liveauftritt lassen.

Quelle: iStockphoto

Hannover. Die Alten finden einfach kein Ende. Schaut man heute auf Plakatwände und Konzertflyer, sind da noch jede Menge Helden von einst unterwegs. Bands, die in den Sechziger- und Siebzigerjahren anfingen, von Status Quo bis U2 auf letzten, allerletzten und allerallerletzten Tourneen. Kein Rentenalter, kein Ruhestand. Das Motto aller Beteiligten: Rock till you drop – musiziere, bis du tot umfällst. Und sie spielen nie vor leeren Rängen, denn sie kommen aus einer mythischen Zeit, als Rockmusik aufzuführen noch ein Kampf war im Clash der Generationen.

Was ihm “live“ noch bedeutet, die Tour, die Show, das Leben auf der Straße, die Verausgabung für zweieinhalb Stunden? Der Status-Quo-Sänger Francis Rossi (68) kichert durchs Telefon, er weiß es auch nicht so recht: “Am Morgen nach dem Gig tut dir heutzutage echt alles weg: Beine, Arme, Hals – alles.“ Das Reisen in Sachen Rock befindet er deshalb in seinem Alter als “höchst seltsame Sache“, die Gitarre fühle sich viel zu schwer an. Trotzdem kommt Rossi im Herbst mit seiner Band Status Quo wie gewohnt nach Deutschland und dann werden ihm wieder viele alte junge Fans das Wort aus dem Mund nehmen: “And I li-li-li-like it, Rocking all over the World.“

Die alten Bands sind inzwischen zu alt, um noch aufzuhören. Wer weiß, ob man nach einer würdigen Pause noch fit für das notorische Comeback wäre? Gerade erst waren Deep Purple im Land, gegründet ungefähr in derselben Zeit wie Status Quo, in den Sechzigerjahren, als Rock noch jung, wild, Weltuntergangs- und Abgrenzungsmusik war. Auch Schlagzeuger Ian Paice denkt nicht wirklich übers Abdanken nach. “Zu Hause bei der Familie?“ Paice grinst breit, hebt die Stimme: “Geh weg! Geh weg!“ Schlagzeug spielen macht ihn glücklich, seit er als Kind damit begann. “Und wenn es am anderen Lebensende mich und bloß zehn Zuhörer glücklich macht, ist es okay.“ Hauptsache, “live“.

Schlafbrillen statt Groupies

Die Konzertreisen, das sagen alle Musiker übereinstimmend, sind der angenehme Ausnahmezustand im Leben. “Live“ ist Wieder-jung-Sein, Miteinander-verbunden-Sein. Das heißt, mit guten Kumpels auf eine lange, staubige Straße zu gehen, eine romantische Outlaw-Gemeinschaft auf Zeit zu sein, die sich vom bürgerlichen Leben für ein paar Wochen oder Monate des Vagabundierens verabschiedet.

Es gibt inzwischen Tee und Wasser statt Wein und Whisky, Schlafbrillen statt Groupies und nicht jedes Hotelzimmer ist spannend, aber egal. Psychologen reden von der Narzisstenseele der Showleute. Was erklärt, warum nicht nur Megaseller wie U2, Depeche Mode oder Bruce Springsteen immer wieder auf ihre Kolossaltouren gehen, sondern auch Kleinbühnenklassiker wie Bad Religion, Saga oder Fischer Z unterwegs sind. Applaus ist Ambrosia. Und das Publikum ist heute mehr denn je bereit, den zu spenden.

Denn es hat das traurige Gefühl, dass etwas im Begriff ist abzureißen. Viele alte Hörer möchten ihr an Songs und Bands geknüpftes Lebensgefühl von früher wieder herstellen. Viele jüngere Hörer möchten eine Verbindung zur aufregenderen Urzeit von Rock und Pop herstellen: Alt gilt als authentisch. So finden Twens von heute Blondie cool, eine Band mit einer inzwischen 71-jährigen Sängerin. Und waren begeistert von der Nachricht, dass die Heavytruppe Guns N’ Roses, eine Band, deren große Zeit um ihre Geburt herum lag, noch einmal auf Tour geht.

Die Gänsehaut des Echten

Viele Stars sind endgültig verschwunden, im Rocktotenjahr 2016 ist der letzte Vorhang für David Bowie, Prince, Leonard Cohen, George Michael gefallen. Und von den gerade noch schwer aktiven Metalbluesrockern AC/DC war plötzlich nur noch Angus Young zu Live-Auftritten fähig. Die begehrtesten, weil am standhaftesten Aufgelösten sind ABBA, Led Zeppelin und Pink Floyd. Wie gern würde man diese drei noch mal sehen, um nicht wieder zu irgendeiner Nachahmerband rennen zu müssen?

Denn es gibt diese Gänsehaut des Echten, die man kennt, wenn man mal Paul McCartney auf der Bühne bei “Hey Jude“ gesehen hat, den Mann, der das Lied geschrieben hat. Oder wenn man mit Mick Jagger und Keith Richards im selben Stadion war, mit den Leuten, die “Satisfaction“ und “Let’s Spend the Night together“ komponiert haben. Man ist dann “live“ verbunden mit einer Ära, in der Radio und Fernsehen sich dem Rock ’n’ Roll weitgehend verweigerten, langhaarige Musiker von Spießern mit Scheren durch Münchens Straßen gejagt wurden und Printmedien noch über “Negermusik“ schrieben, auch wenn die Musiker weiß waren.

Warum ging man damals bloß zu Nachbars Grillparty mit verbrannten Steaks und “Macarena“-Hintergrundmusik, anstatt noch einmal Johnny Cash im Hamburger Stadtpark zu erleben, anstatt noch einmal zu Fats Domino in Bremerhavens Stadthalle zu gehen oder zu Tina Turner, die in Hannover mit 69 Jahren noch ein letztes Mal die Stilettos in den Bühnenboden stach. Vorbei. Vorbei. Vorbei. Das soll einem nicht wieder passieren.

“Die älteren Bands beherrschen das Live-Business“

“Not Dead yet – noch nicht tot“, heißt die 2017-Tour von Phil Collins selbstironisch. Und auch wenn der Brite mit der Doppelkarriere bei Genesis und als Solosänger die Auftritte in Deutschland im Juni wegen Rücken- und Fußproblemen im Sitzen bestritt, wurde er von den 16 000 Fans mit Standing Ovations gefeiert. Collins muss nicht raus ins Licht wegen Miete und Brötchen, er hat geschätzte 230 Millionen Euro Vermögen angehäuft. Er hat “live vermisst“.

“Besonders wenn man in Europa unterwegs ist, sind es die älteren, reiferen Bands, die das Live-Business beherrschen“, weiß Ian Paice. “Klar gibt es jüngere Bands, aber wenn man das Radio anmacht, ist immer wieder das alte Zeug aus den Sechziger-, Siebziger-, Achtziger- und Neunzigerjahren zu hören. Und die Leute hören das, auch die Jüngeren, auch meine Kinder. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir 1970 das Radio angemacht hätten, um Musik von 1920 zu hören“, sagt Paice und lugt listig über den Rand seiner blauglasigen Brille. “Damals verschwand diese Musik wieder. Heute ist die Musik seit den Fünfzigerjahren ein wirklich elementarer Bestandteil von jedermanns Leben. Sie ist geblieben. Und viele der Bands auch.“

Fans fühlen sich nicht anders als mit 18

Und für diese Bands ist “live“ eine Rückkehr zu den Anfängen. Live war man in den Jahren unterwegs, bevor man seine erste Platte aufnahm. Und in den Endzeiten der CD und des Aufstiegs der Streamingdienste lässt sich mit Konzerten wieder mehr verdienen. Und dann werden die Zähne eben zusammengebissen, um glücklich zu sein. “Status Quo zu sein ist hart, wirklich hart“, sagt Francis Rossi. “Aber wenn es funktioniert für die Leute, die es lieben, ist es auch richtig gut, Status Quo zu sein.“ Und damit der Rücken nicht ganz verbogen wird, kommen sie im Herbst eben mit leichteren Akustikgitarren.

Die Rolling Stones kommen auch wieder. Drei September-Shows in Deutschland, die 180 000 zum Teil sehr, sehr teuren Karten waren im Nu verkauft. Diesmal haben sie eine phänomenale Bluesplatte im Gepäck, ihre beste seit Langem. Sie kommen, weil auch sie nicht aufhören können, weil die Band The Rolling Stones längst ein eigenes Lebewesen ist, und die Musiker nur noch Teile dieses Wesens sind. So geht man hin, wähnend, dass es das letzte Mal sein wird, aber nach dem Ende, nach “Jumpin’ Jack Flash“ und “Brown Sugar“, wird man sich sicher sein, dass es ewig so weitergehen wird.

Schließlich fühlt man sich als Fan mit Mitte 50 oder 60 selbst nicht groß anders als mit 18. Solange die Stones rausgehen, zieht der Rock in all seinem Glam und Rotz noch Saft aus den Wurzeln, schrumpft der Planet nicht auf Murmelgröße, faltet sich das Universum nicht zusammen, ist man jung. Alle paar Jahre Stones “live“ in Deutschland. In Ewigkeit. Amen.

Von Matthias Halbig

Hannover 52.3758916 9.7320104
Hannover
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