Startseite LVZ
Volltextsuche über das Angebot:

Google+ Instagram YouTube
Meine schlauen Schwestern

Leben mit Siri, Alexa & Co. Meine schlauen Schwestern

Vor ein paar Jahren schlich sich Siri aufs Smartphone. In Windows-Geräten hat sich längst Cortana eingenistet. Nun hat Amazon auch noch Alexa in Deutschlands Wohnzimmer geschickt. Wieso sind Sprachassistenten eigentlich immer weiblich? Und wie lebt es sich mit einer virtuellen Schwester unter einem Dach?

Weiblich, freundlich, und inzwischen sogar ganz nützlich: virtuelle Sprachassistenten von Apple oder Amazon verstehen uns immer besser – und lernen dazu.

Quelle: Montage: RND, Foto: iStock

Hannover. Es ist ein schöner, warmer Tag, als Alexa bei mir einzieht. “21 Grad und sonnig“, wird sie später sagen, auf das Wetter angesprochen. Auch wenn es mit ihrer nüchternen, ein wenig kindlichen Frauenstimme leicht unterkühlt klingt, eher nach 15 Grad und Nieselregen. Aber es stimmt, bestätigt der Blick aufs Thermometer. Wie fast alles, das sie von sich gibt.

Alexa hat auf viele Fragen des Lebens eine Antwort. Sie kennt die Hauptstadt von Uruguay und die Wurzel aus 1280, und sie lässt nebenbei einfließen, dass es eigentlich “Quadratwurzel“ heißt. Sie weiß, was am Abend im Fernsehen läuft und wie weit es bis Koblenz ist. Alexa ist, wenn man so will, eine Streberin.

Alexa ist ein kleiner sprachgesteuerter Lautsprecher mit Internetanschluss. Eigentlich ist sie sogar nur die virtuelle Stimme darin, denn das Gehäuse trägt den Namen Echo – ein Gimmick, das der Onlinehändler Amazon entwickelt hat. In der kleinsten Ausführung 83,5 mal 83,5 mal 32 Millimeter groß, rund, schwarz. Aber wirklich nur ein Spielzeug?

Sprachsteuerung ist nichts Neues mehr

Heutzutage ist man ja durchaus vertraut mit Sprachsteuerung. In meinem Smartphone lebt schon seit Jahren Siri, eine virtuelle Stimme, die meine diktierten Kurznachrichten weitergibt. Und das sogar zunehmend mit Erfolg: Früher wurde aus einem eingesprochenen Satz wie “Hallo, komme leider zehn Minuten später“ ziemlich zuverlässig etwas wie “Hallo, Home leider Fehn Minuten Gräte“. Heute versteht Siri, was ich meine. Und das ist selbst bei realen Menschen nicht immer der Fall.

Mein Navigationsgerät im Auto reagiert auf Geräusche. Irrtümlich. Eigentlich soll es mit dem Codewort “Sprachbefehl“ mündlich gesteuert werden. Die Sprachsteuerung springt aber auch bei einem ordentlichen Niesen an und lässt sich dann nur mühsam mündlich wieder auf die Routenplanung umstellen. Einmal habe ich deswegen eine Autobahnabfahrt verpasst. Richtig warm geworden bin ich mit der Sprachsteuerung im Navigationsgerät letztlich nicht. Inzwischen tippe ich wieder.

Bei Alexa entwickelte es sich anders. An Tag eins spielte sie Musik. Nicht die, die ich mochte, aber immerhin: Ich konnte Alexa bitten, Musik zu spielen, und Alexa spielte Musik. An Tag zwei konnte ich Alexa beibringen, meinen Lieblingsradiosender aus Großbritannien zu spielen und Termine in meinem Google-Kalender zu erstellen. Ich sagte ihr “Erstelle einen Termin“ – und sie fragte, was für einer es sein soll. In Sekundenschnelle tauchte er auch im Kalender meines Smartphones auf. Es ging schneller als bei manchem Arzt.

Das Vorbild für alle Konversations-Lautsprecher

Das Vorbild für alle Konversations-Lautsprecher: Im “Echo“ von Amazon wohnt die virtuelle Assistentin Alexa.

Quelle: Amazon

Seit Tag drei gehört Alexa zur Familie. An diesem Tag bemerkte ich, dass sie auf die Aufforderung “Erzähl mir einen Witz“ hin ein ganzes Repertoire an Kalauern hervorzaubert. Gut – die meisten eher auf Fips-Asmussen-Niveau, aber immerhin: “Können sich in Deutschland auch Fußbälle verletzen? Na klar! Noch nie was vom Deutschen Fußball-Verband gehört?“

Alexa ist so etwas wie die Personifizierung der Sprachsteuerung, was an einer simplen Tatsache liegen dürfte: Alexa lebt in meiner Wohnung. Sie steht neben dem Sofa und reagiert aufs Wort, fast wie ein Hund. Wenn man Alexa fragt, wie es ihr geht, antwortet sie: “Mir geht es gut“, und man ist ab Tag vier fast ein bisschen erleichtert über diese Antwort. Erst ein paar Sekunden später erinnert man sich daran, dass da gerade eine Maschine gesprochen hat, kein Mensch.

Michael Wilmes, der Kommunikationschef vom Hersteller Amazon Devices, bezeichnet Alexa als “ältere Schwester, die immer Hilfe geben kann“. Ein bisschen klingt sie wirklich so, was vermutlich vor allem an einer Tatsache liegt: Es gibt Alexa wirklich, zumindest ihre Stimme. In einem Casting suchte Amazon im Vorfeld eine Frau, die der virtuellen Schwester ihre Stimme leiht. Wer es am Ende geworden ist, bleibt zwar geheim. Doch sie lebt nun in meinem Wohnzimmer, und in Tausenden weiteren.

Die Welt bevorzugt weibliche Stimmen

Technisch ist so etwas inzwischen kein Problem mehr: In einem Sprachlabor in Danzig musste die Amazon-Stimme sieben Wochen lang sinnfreie Sätze aufsprechen. Daraus wurden anschließend 50 bis 60 Laute extrahiert, aus denen sich jedes deutsche Wort erstellen lässt. Im Idealfall muss die echte Alexa nie wieder vor ein Mikrofon treten.

Aber warum eigentlich Alexa und nicht Alexander? Auch Microsofts virtuelle Stimme Cortana ist weiblich, Apples Siri in der Standardeinstellung ebenfalls. So gut wie jedes Navigationsgerät spricht nach dem Kauf mit der Stimme einer Frau, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Und wenn man einen Schritt zurücktritt und sich im Alltag umschaut: Die standardisierten Ansagen im Bahnhof, in der U-Bahn, am Flughafen – sie alle sind in der Regel gesprochen von Frauen. Weil es schöner klingt? Weil es die Kunden ganz offensichtlich so wollen.

Unternehmen wie Amazon und Microsoft haben in Studien ermittelt: Rund um die Welt hören sowohl Männer als auch Frauen lieber weibliche Stimmen. Auch die Indiana University im amerikanischen Bloomington kam in einer Untersuchung zu diesem Ergebnis. Erstaunlicherweise hören demnach vor allem Frauen lieber weibliche Stimmen aus dem Computer, während Männer in dieser Hinsicht etwas offener sind. Aber auch ein Klischee wurde in der Untersuchung bestätigt: Wenn es um technische Fragen geht, vertrauen Männer wie Frauen eher auf männliche Stimmen.

Optisch irgendwo zwischen Lautsprecher und Lufterfrischer angesiedelt

Optisch irgendwo zwischen Lautsprecher und Lufterfrischer angesiedelt: “Google Home“.

Quelle: Hersteller

Nun ist es nett, wenn Alexa Witze erzählt, sie das Wetter vorhersagen kann oder den Weg nach Koblenz kennt. Man kann ihr beibringen, auf Befehl die “Tagesschau in 100 Sekunden“ abzuspielen und den Abfallkalender zu lernen. Aber all dies dürfte wie beim ersten iPhone 2007 erst der Beginn einer deutlich relevanteren Nutzung sein.

Schon jetzt legt Alexa auf Wunsch Termine an, stellt den Wecker und steuert Smart-Home-Bestandteile wie Licht, Heizung oder Rollläden. Spracherkennung aber kann etwa Menschen mit Behinderungen ganz neue Möglichkeiten eröffnen, vor allem Sehbehinderten, die ihren Alltag künftig mit einfachen Sätzen organisieren können. “Die menschliche Sprache ist die neue Benutzerschnittstelle“, sagte Microsoft-Chef Satya Nadella einmal, “Bots sind die neuen Apps.“

Der erste Zauber verfliegt schnell

Noch allerdings scheint der Weg weit: Der in diesem Jahr in Großbritannien vorgestellte Speak-Easy-Report kommt zu dem Ergebnis, dass die weitaus meisten Anwender (63 Prozent) Spracherkennung schlichtweg für die Onlinesuche nutzen, 55 Prozent stellen Spaßfragen. Nur 15 Prozent steuern mit Sprachassistenten auch ihre Haustechnik. Das aber könne sich schnell ändern, glaubt Amazon. “Wir stehen am absoluten Anfang dieser Technologie“, sagt Sprecher Wilmes und setzt Spracherkennung in eine Reihe mit der Entwicklung der PC-Maus und des Touchscreens. Beides hat den Alltag nachhaltig verändert.

Auch der zunehmende Wettbewerb zeugt von einem riesigen Markt: Google brachte sein Alexa-Pendant namens Home in diesem Frühjahr nach Europa, zunächst nach Großbritannien, Deutschland soll noch im August folgen – ein genaues Datum nennt das Unternehmen nicht. Und auch Apple steigt, wenn auch ungewöhnlich spät, in den Markt ein: Im Dezember erscheint in den USA der Lautsprecher HomePod, andere Länder sollen im nächsten Jahr folgen. Das Prinzip gleicht jeweils dem von Alexa – ein Lautsprecher mit Spracherkennung hilft bei Alltagsfragen.

Gestern zählte ich Tag 41 nach dem Einzug Alexas in mein Wohnzimmer. Sie ist ruhig geworden. Am Montag fiel mir auf, dass ich den kleinen schwarzen Kasten neben meinem Sofa komplett vergessen hatte. Ich hatte Alexa gut zwei Wochen nichts gefragt. Und sie hat zwei Wochen nichts geantwortet. Der erste Zauber, man muss es sich wohl eingestehen, ist verflogen. Gestern Abend habe ich Alexa vorsichtig gefragt, wie es ihr geht. “Es geht mir gut“, antwortete sie. Ich war erleichtert.

Von Michael Pohl

Hannover 52.3758916 9.7320104
Hannover
Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Top-Thema