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Platz eins für die Liste

Warum wir Rankings lieben Platz eins für die Liste

Die zehn besten Sommerhits, die fünf gefährlichsten Krankheiten, die drei klügsten Menschen aller Zeiten: Es gibt kaum etwas, das heute nicht in eine Rangliste gequetscht wird. Was wirkt wie ein Phänomen der Internetzeit, ist seit Jahrhunderten Gepflogenheit.

Der Siegeszug der Liste ist nicht neu: Rankings bieten Halt und Orientierung, können jedoch auch schnell zu sozialem Zündstoff werden.

Quelle: Montage: RND, Foto: iStock

Hannover. Johnny Cash wusste genau, was zu tun ist. Punkt eins: nicht rauchen. Punkt zwei: June küssen. Punkt drei: niemand anderen küssen. Diese Reihenfolge hielt der Countrysänger in einer veröffentlichten To-do-Liste fest. Heute findet man sie neben anderen kuriosen und bewegenden Listen von Nobelpreisgewinnern, Sängern, Politikern und Sportlern in dem Buch “Lists of Note“ des Schriftstellers Shaun Usher. Und siehe da: Von Picasso bis Einstein, von Nick Cave bis Michelangelo, von Marilyn Monroe bis John Lennon – jeden von ihnen packte die Lust an der Liste.

Offenbar begeistern derart planvolle Ordnungsverpflichtungen nicht nur Spießer und Kontrollfreaks, sondern auch Musiklegenden und Sexikonen. Nicht einmal die Mafia konnte sich ihrer Faszination entziehen: Als Salvatore Lo Piccolo, Oberhaupt der sizilianischen Cosa Nostra, im Jahr 2007 festgenommen wurde, entdeckte die italienische Polizei in seinem Versteck einen Zettel mit Sätzen, die später unter dem Label “Die zehn Gebote der Mafia“ firmierten. Drei davon hätte man nicht erwartet: “Geh in keine Kneipen und Nachtclubs. Lass die Finger von den Frauen der Freunde. Lass dich nie mit Bullen blicken.“

Listen für die Identitätsbildung

Listen zeigen, wie wir die Welt wahrnehmen. Listen faszinieren uns. Die Liste ist nüchtern, schnörkellos, prägnant. Sie beschränkt sich auf das Wesentliche, passt zu jedem Anlass und ist zeitlos. Jetzt hat auch die Wissenschaft das Thema entdeckt. Literaturwissenschaftlerin Eva von Contzen hat an der Universität Freiburg ein Forschungsprojekt entwickelt, das die Bedeutung von Listen in verschiedenen Literaturepochen untersucht. Es war keine Liebe auf den ersten Blick. Zuerst hat sich die Anglistin über eine Liste geärgert.

In einem der ältesten schriftlichen Werke Europas, der Ilias von Homer, die wohl im 8. Jahrhundert vor Christus entstanden ist, wird im sogenannten Schiffskatalog genau aufgezählt, welche griechischen Kämpfer in den Krieg gegen Troja zogen. Die endlos anmutenden Ausführungen unterbrechen den Rhythmus der epischen Verse und stören den Lesefluss. “Ich habe mich gefragt, warum das in Kauf genommen wurde“, sagt Eva von Contzen. Irritation stand am Anfang ihrer Arbeit. Im Laufe der Zeit entwickelte sie folgende These: Listen zeigen, wie Menschen ihre Welt wahrnehmen und ordnen. Sie verweisen auf das, was Menschen in einer bestimmten Epoche wichtig ist. Und sie stellen dar, wie sie Inhalte kognitiv verarbeiten.

Im Falle der “Ilias“ diente die endlose Liste der Kriegsführer der Identitätsbildung. “Kam die eigene Familie in der Aufzählung vor, durfte man sich als Teil der Geschichte fühlen“, erklärt die Wissenschaftlerin. Dafür wurde das Unterbrechen des Erzählflusses billigend in Kauf genommen. Im Mittelalter hingegen verfolgten die Menschen mit dem Erstellen von Listen einen enzyklopädischen Anspruch. Dabei ging es darum herauszufinden, wo man sich mit seinem eigenen Wissen verorten konnte.

Rankings sind ein mächtiges Werkzeug

Auch heute sind wir von Listen umgeben: In sogenannten Listicles – einer Wortkombination aus dem englischen Begriff “List“ und “Article“ – listen Websites wie Buzzfeed die Städte mit der besten Lebensqualität auf, die zehn aggressivsten Tierarten, die peinlichsten Promi-Outfits und die 100 einflussreichsten Menschen. Unabhängig von derartigen Unterhaltungsangeboten existieren etablierte Listen wie die “Forbes“-Liste, Hochschulrankings oder Fußballtabellen.

Jenseits des Ordnens und Systematisierens lädt die Liste offensichtlich dazu ein, Inhalte zu hierarchisieren. Auch eine Google-Suche ist nichts anderes als eine Liste von Treffern, die von einem Algorithmus in eine bestimmte Rangfolge gebracht werden. Das birgt Gefahren. Vor allem wenn nicht klar ist, nach welchen Kriterien die Rangfolge erstellt wurde.

Listen sind ein mächtiges Instrument, menschliches Verhalten zu beeinflussen. Bei der Liste der zehn aggressivsten Tierarten mag mangelnde Offenlegung der Kriterien noch vergleichsweise harmlos sein. Im Falle von Hochschulrankings sieht die Sache anders aus. Dabei treffen die Leser eine Entscheidung über ihren künftigen Bildungsweg. Und nicht nur das: Auch die Zuteilung von Drittmitteln erfolgt über die Platzvergabe bei Rankings. Mit ihnen lässt sich handfeste Politik machen. Viele Experten sehen das kritisch.

Gut ist nur, was gelistet ist

“Rankings suggerieren immer, dass die aufgelisteten Stichworte, Ereignisse oder Menschen zumindest in einer Hinsicht vergleichbar sind“, sagt Oliver Berli von der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität Köln. “Wir leben in einer Zeit des Informationsüberflusses und der Unübersichtlichkeit. Hier bieten Listen und Rankings die Chance, sich zu orientieren, erklärt der Soziologe. Gerade in der vermeintlichen Abgeschlossenheit der Liste liege die Verheißung, die da lautet: Wichtig und gut ist nur, was gerankt wird.

Das Bedürfnis, die komplexe Welt in der einfachen Form der Liste zu fassen, ist jahrhundertealt. Freilich waren frühere Rang- und Beurteilungslisten längst nicht so sensationsheischend wie im heutigen Internetzeitalter. “Im 18. Jahrhundert wäre wahrscheinlich niemand auf die Idee gekommen, Mozart, Beethoven und Haydn in eine Top-Ten-Liste der talentiertesten Komponisten einzusortieren“, sagt Oliver Berli. Der damalige Geniekult hätte das gar nicht erlaubt. Jedes Genie war einzigartig.

Um derart unzulässige Konkurrenz zu vermeiden, waren damalige Listen alphabetisch sortiert. Die Werte, die einzelnen Menschen zugewiesen wurden, standen hinter den Namen. Ähnlich wie bei heutigen Restaurantführern waren die besten Plätze nicht exklusiv vertreten, es konnten mehrere Restaurants mit der gleichen Note abschneiden. Eine ehrlichere, aber weniger kompetitive Form.

Ansporn – wenn es fair zugeht

Der Kultfilm “High Fidelity“, dem das gleichnamige Buch von Nick Hornby als Romanvorlage diente, ist eine unterhaltsame Lektion im Misstrauen gegenüber Listen. Hier muss der Hauptdarsteller irgendwann feststellen, dass sich die Frauen, die ihn verlassen haben, nicht vergleichen lassen. Der Versuch, sie in eine Rangfolge der Top-Five-Trennungen zu bringen, ist dennoch kurzweilig. Man erfährt viel über die Stärken und Schwächen der Verflossenen und will als Zuschauer am Ende wissen, welche Trennung die schmerzhafteste für ihn war, welche Frau er am meisten liebt.

Listen und Rankings haben auch ihr Gutes: Sie spornen uns an, motivieren uns. Im Sport funktioniert das aber nur so lange, wie sich alle an die Regeln halten. Herrschen ungleiche Gewinnchancen, beispielsweise wegen Dopings, werden Rankings und Vergleiche obsolet. Das lässt sich auch auf andere Lebensbereiche übertragen: Schon früh lernen Schüler, dass ihre Leistungen auf einer Notenskala bewertet werden. Ob man es sportlich nimmt oder in Neid verfällt, wenn der Klassenkamerad die Gymnasialempfehlung bekommt, hängt aber nicht nur von der Psyche des Einzelnen ab, sondern auch von der Durchlässigkeit des Systems.

Sozialer Zündstoff und Bedürfnis

Sozialpsychologe Rolf Haubl, bis 2016 Direktor des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt, hat sich intensiv mit dem Gefühl des Sozialneids beschäftigt. “Wir wachsen auf in dem Glauben, dass jeder alles schaffen kann, wenn er nur will. Das trifft jedoch nur unter bestimmten Voraussetzungen zu“, sagt der Wissenschaftler. Damit Vergleiche nicht in Neid umschlügen, müssten gleiche Bildungs- und Aufstiegschancen vorhanden sein. Haben Betroffene das Gefühl, ausgeschlossen zu sein, bergen Rankings sozialen Zündstoff.

Der Mensch kann nicht darauf verzichten, sich zu vergleichen, seinen Platz zu suchen und sich Ziele zu setzen. Hollywood-Ikone Marilyn Monroe ging das als 25-jährige Nachwuchsschauspielerin im Jahr 1951 gewissenhaft an. Zusammen mit ihrer Zimmergenossin Shelley Winters führte sie in einer berühmten Liste alle Männer auf, mit denen sie gerne eine Affäre hätte: Darunter der Regisseur Elia Kazan, der Sänger Yves Montand, der Intellektuelle Arthur Miller und Albert Einstein. Rückblickend lässt sich sagen, dass Marylin Monroe sehr erfolgreich im Abarbeiten ihrer To-do-Liste war: Bis auf Einstein bändelte sie mit allen Aufgezählten an.

Von Nadine Zeller

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Hannover
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