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Schöne Lage, böser Geist

Besuch auf Burg Vogelsang Schöne Lage, böser Geist

Ein Freiluftcafé am Paradeplatz und ein riesiges Hakenkreuz unter Spanplatten: Die einstige Ordensburg Vogelsang in der Eifel ist neben Prora auf Rügen und den Parteitagsbauten in Nürnberg die größte bauliche Hinterlassenschaft der Nationalsozialisten. Die Schulungsstätte für den NSDAP-Nachwuchs ist heute ein “Lernort Geschichte“. Was aber ist klug im Umgang mit einem so schwierigen Erbe?

Von der Ausbildungsstätte für Nachwuchs-Herrenmenschen zum "Lernort Geschichte": die einstige Ordensburg Vogelsang in der Eifel.

Quelle: dpa

Schleiden. Eine Läuferin dreht ihre Kreise auf der leicht verwitterten Laufbahn. Moderne Sportkleidung, konzentrierter Blick nach vorn, Runde um Runde. An einer Stelle hat ein Besenginsterzweig mit dottergelben Blüten einen Weg durch den Schotter gefunden. Eifelgold sagt man hier dazu. Sieben Statuen nackter Sportler in heroischen Posen schauen der Läuferin zu. Kugelstoßer, Speerwerfer, Boxer. Sie haben Köpfe und Männlichkeit eingebüßt.

Nebenan steigt ein Paar mit nassen Haaren ins Auto. “Schatz, wir müssen vor dem Abendessen noch in den Supermarkt“, sagt sie zu ihm. Gerade noch sind sie im Schwimmbad geschwommen, unter dem drei Meter großen Mosaik an der Wand. Darauf entsteigen drei antike Athleten mit gestählten Körpern den wogenden Wellen. Die Turnhalle daneben darf man nur mit sauberen Schuhen betreten.

80 Jahre zuvor trainierten hier nur Männer, und nach dem Schwimmen sprachen sie nicht übers Einkaufen, sondern über Rassenkunde. Die Sportanlage gehört zur ehemaligen NS-Ordensburg Vogelsang im nordrhein-westfälischen Schleiden nahe der belgischen Grenze. Das von amerikanischen Soldaten absichtlich zerstörte Sportlerrelief und das Mosaik in der Schwimmhalle zeugen vom heroisierenden Körperkult, mit dem sich die Nazis in die Tradition der Antike zu stellen suchten.

Wie umgehen mit dem Horror?

Neben Prora auf Rügen und dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg gehört das 100 Hektar große Bauensemble zu den wichtigsten architektonischen Hinterlassenschaften der Nationalsozialisten. Mitten in der Eifel wollte Adolf Hitler die Nachwuchselite für die NSDAP heranziehen. Von 1936 bis 1939 ließ er hier rund 2000 Männer ausbilden, viele von ihnen waren später für Massaker an Juden verantwortlich. Auch Franz Murer gehört dazu, der “Schlächter von Vilnius“, der nach dem Krieg in Österreich Karriere bei der ÖVP machte.

Jahrzehntelang war das Gelände in der Hand des belgischen Militärs. Erst 2006 wurde Vogelsang wieder an Deutschland zurückgegeben. Eine jahrelange Diskussion entbrannte: Wie sollte man mit diesem Stück Architektur umgehen, das in jedem Stein die Herrenmensch-Propaganda der Nazis in sich trug? Abreißen, dem Verfall anheimgeben oder touristisch nutzen? Einige plädierten gar dafür, einfach eine riesige Banane auf das martialische Gebäude zu setzen, um dem Horror mit der Macht des Absurden zu trotzen.

Letztlich entschied man sich dafür, die Vogelsang-Fassade als Baudenkmal zu erhalten, innen jedoch alles aufzubrechen, um die Geister der Vergangenheit zu vertreiben. Mit zweijähriger Bauverzögerung und Mehrkosten von 10 Millionen Euro (Gesamtvolumen 45 Millionen) wurde im Herbst 2016 ein “Lernort Geschichte“ eröffnet. Doch das Ringen um einen angemessenen Umgang mit der Vergangenheit hält bis heute an.

Pseudoburg aus Stahlbeton

Pseudoburg aus Stahlbeton: Die Vogelsang-Fassade wurde als Baudenkmal erhalten, die Innenräume wurden komplett aufgebrochen.

Quelle: Fotolia

Arkaden, Bogenfenster, Fackelhalter: 1936 wurde Vogelsang als Pseudoburg hergerichtet, der triste Stahlbeton mit Grauwacke verkleidet, um den klassischen Burgeffekt zu erzielen. Die Auszubildenden inszenierten sich mit Pferd, Schwert und Rüstung als Ritternachfahren und übten sich im elitären Fechtsport. In der Burgschenke gab es Dortmunder Ritterbier für 25 Pfennig.

Die Kreuzzüge der Ritter galten als perfides Vorbild für die Unterwerfung des Ostens. Zwei Einträge im Telefonregister belegen die Identifikationskraft der mittelalterlichen Krieger: Ein Vogelsang-Absolvent, der sich 1940 noch als Postschaffner hatte eintragen lassen, bezeichnet sich ein Jahr später stolz als Ordensjunker, die Vorstufe zum Ritter.

Und schließlich die wichtigste Komponente im wirren Stilmix der Nationalsozialisten: die zur Staatsideologie erhobene Germanenverehrung. Der germanische Feuerkult wurde auf dem Sonnenwendplatz am Burghang zelebriert. Die überlebensgroße Figur eines Fackelträgers dräute wie eine Heiligenfigur über den jungen Männern. Die – inzwischen unleserlich gemachte – Inschrift darauf war ein pseudoreligiöser Auftrag an die Vogelsang-Absolventen, die als “Fackelträger“ das “Licht“ in die Welt hinaustragen sollten. Die Figur stammt von dem Bildhauer Willy Meller. Leicht ist darin die Ästhetik seiner Monumentalplastiken für das Berliner Olympiastadion wiederzuerkennen.

Besucher werden streng überprüft

Der Fackelträger ist in rechtsextremen Kreisen bis heute ein beliebtes Motiv für CD-Cover oder T-Shirts. Vogelsang ist ein einziges, riesiges Monument mörderischen Größenwahns. Wie verhindert man, dass die einstige Ordensburg zum Wallfahrtsort für Neonazis wird? Die nicht weit entfernte Wewelsburg etwa, die ehemalige SS-Wache nahe Paderborn, zieht regelmäßig ungebetene Gäste an.

Eine strenge Hausordnung untersagt Menschen mit verfassungsfeindlicher Gesinnung den Zutritt aufs Vogelsang-Gelände. Es wird penibel überprüft, wer sich in der Jugendherberge anmeldet. Besucher werden genau beobachtet, wer auch nur aussieht wie ein Neonazi, muss mit einem Platzverweis rechnen. Bislang lassen sich die Zwischenfälle jedoch an einer Hand abzählen, heißt es. Zu Hitlers Geburtstag im April hatte eine Gruppe in einer rechtsextremen Zeitung ihren Besuch angekündigt. Ihr wurde schon im Vorfeld mitgeteilt, dass sie unerwünscht sei. Es kam niemand.

Vielleicht hätte es den Unbelehrbaren aber ganz gut getan, folgende kleine Filmsequenz vom 20. November 1936 zu sehen: Die SS-Offiziere frieren. Sie pusten sich in die Hände und reiben sie aneinander, die Schultern angezogen. Wann kommt denn endlich der Führer? Hitler ist zum zweiten Mal zu Besuch auf Burg Vogelsang, später wird er eine Rede halten, über “die Auslese der Tüchtigen“ und die Ausrottung des Mitleids. Doch noch wird gefroren. Der Besuch nähert sich. Plötzlich stehen alle Spalier, stramm in Reih und Glied. Bloß keine Schwäche zeigen und zittern. Als der Diktator an ihnen vorbeigeht, zieht er sich die Hose hoch. Ein paar Meter weiter schnäuzt er sich ins Taschentuch. Dem Führer läuft die Nase.

Inszenierung mit Militärparaden

Inszenierung mit Militärparaden: Hitler besuchte Vogelsang zweimal.

Quelle: Bundesarchiv

Das wacklige Filmchen ist Teil der 600-Quadratmeter-Ausstellung “Bestimmung: Herrenmensch“ auf Burg Vogelsang. Es handelt sich um eine Privataufnahme: Die NS-Propaganda hätte diese Bilder, die nicht zur Ideologie vom abgehärteten Germanen passen, sicher nicht in der Öffentlichkeit gewollt.

Wenn man heute den Gang von Hitler nachgeht, um den Westflügel herum bis zum Appellplatz, stößt man am Ende auf einen quietschgelben Kubus, der sich mitten auf der Freifläche breitmacht. Gemeinsam mit den vereinzelten neuen Fensterrahmen in Flaschengrün hebt er sich schon rein farblich von der brachialen Betonästhetik der Burg ab. Vielleicht eine Reminiszenz an die Banane? Architektonische Verfremdungen sollen die Aura des Ortes stören. Der Appellplatz, auf dem sich die NSDAP mit ihren Paraden inszenierte, hat seine Weite verloren.

Trotz allem meidet Mira Huppertz vom gemeinnützigen Verein Vogelsang IP (IP steht für Internationaler Platz) wenn irgend möglich den Weg, den Hitler damals ging. “Gruselig“, sagt sie. Der Verein ist sichtlich bestrebt, das Karma des Ortes zu wandeln: Mit Erdwärme, das betont Huppertz, werde die riesige Anlage biologisch verantwortungsvoll geheizt. Die in der Nähe untergebrachten Flüchtlinge könnten die Ruhe der Natur genießen.

Zwischen Drill und Hybris

Barrierefreiheit ist Huppertz’ Lieblingswort. Die Ausstellung bietet Informationen in Blindenschrift und in vier Sprachen. “An diesem Ort soll heute niemand mehr ausgegrenzt werden“, sagt sie. Die ehemaligen Schlafhäuser wurden und werden im Auftrag der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) nur nach sorgfältiger Prüfung verkauft: an den Nabu, das DRK, das Bistum, eine Jugendherberge. “Uns alle eint der Anspruch, die Welt besser zu machen“, meint Huppertz.

Der Adlerhof, das Herzstück von Vogelsang, wird von ein paar niedrigen Stufen gesäumt. Man würde die gerne entfernen lassen, es soll ja alles barrierefrei sein. Aber der Denkmalschutz besteht auf der historischen Genauigkeit. Wie schwierig das ist, die Gegenwart mit dieser Vergangenheit auch nur äußerlich zu verständigen.

Tagebuchnotizen aus der Zeit der Diktatur: Die jungen Männer laufen Stufen. Vom See bis zur Freilichtbühne, die dem Thingkult geweiht ist und das Heimatgefühl fördern soll. Von der Schwimmhalle bis zu den zehn identischen Kameradschaftshäusern, die Platz für bis zu 1000 Personen bieten. Von dort bis zum Speisesaal oder noch weiter hoch bis zur Burgschenke. Jede Stufe erzählt eine Geschichte von Drill und Hybris. Abends schreiben die Männer in ihre Tagebücher, dass sie die Stufen als Symbol für ihren persönlichen Aufstieg begreifen. In der Bibliothek mit einschlägigen Titeln wie “Kleine Rassenkunde“ oder “Zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ wird ihnen die eigene Überlegenheit immer wieder eingetrichtert.

Viele Treppen auf dem Gelände stehen symbolisch für den angestrebten Aufstieg der Vogelsang-Absolventen

Viele Treppen auf dem Gelände stehen symbolisch für den angestrebten Aufstieg der Vogelsang-Absolventen.

Quelle: May

Die Ausstellung zeigt, dass es vor allem arbeitslose Handwerker und Bauern waren, die sich von einer Karriere in der NSDAP ein besseres Leben erhofften. Selbst parteiintern machte man sich deshalb über die vermeintliche Vogelsang-Elite lustig, die eher auf die Schulung des Körpers denn auf Intelligenz setzte. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten sollten sämtliche Führungspositionen von Linientreuen besetzt werden, doch es mangelte an Nachwuchs. Ein gestaffeltes Ausbildungssystem für Jungen und junge Männer sollte Abhilfe schaffen. Das Konzept stammte von dem NSDAP-Reichsleiter Robert Ley, auch als Reichstrunkenbold bekannt. Seine Tochter nannte er Lore Ley.

Vogelsang steht auch für das Scheitern hochfliegender Pläne. Das geplante “Haus des Wissens“, das die Burg überragen sollte, wurde nie fertiggestellt. Nur ein Viertel des ursprünglich entworfenen Gebäudekomplexes ist realisiert worden. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs machte der Ordensburg 1939 nach nur eineinhalb Lehrgängen ein Ende.

“Wildnis(t)räume“ ist der Name einer zweiten Dauerausstellung in den Gemäuern. Sie ist dem Nationalpark Eifel gewidmet. Besucher können das Fell eines Bibers ertasten oder den Duft von Kamille und Wildrose erschnuppern. Auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz konnte die Natur weitgehend ungestört wuchern, erklärt Klaus Leyendecker von der Forstverwaltung. Auch der Sternenhimmel sei hier beeindruckend. Und die Stille! Doch angesprochen auf die Historie des Ortes verfällt der gerade noch so beredte und fidele Ranger in eine Verteidigungshaltung: “Ich will mich nicht schuldig fühlen, wenn ich die Natur genieße“, sagt er. Es sei wichtig, an die Geschichte zu erinnern. “Für meinen 17-jährigen Sohn erscheint der Nationalsozialismus heute fast so weit weg wie das Römische Reich.“

Naturkulisse für die Selbstinszenierung

Dort, wo Jahrzehnte später über die Laubholz-Säbelschrecke und ihre Eifelnachbarn informiert werden wird, reihen sich in den Zeiten der Ordensburg unzählige Tische und Bänke im Speisesaal aneinander. Sie stehen für Entindividualisierung und erzwungene Kameradschaft, die durch Mutproben immer wieder unter Beweis gestellt werden muss. Über einen dünnen Steg balancieren, aus der Höhe springen. Wer nicht mitmacht, ist ein Verräter oder schlimmer noch ein Feigling.

Man speist hier auf bestem WMF-Geschirr, selbst beim Essen wird das Elitebewusstsein gefördert. Auf dem Speiseplan steht neben “Fleischklops mit Königsberger Soße“ oder “Blutwurst mit dreierlei Brot“ auch das wenig teutonische “Corned Beef“, wie eine überlieferte Karte Jahrzehnte später einmal verraten wird.

Die Touristen genießen heute denselben Ausblick auf die jadegrüne Urfttalsperre, die die Nationalsozialisten damals als Kulisse für ihre Selbstinszenierung nutzten. Auf Fotos posieren die jungen Männer vor der Berglandschaft, ein gutes Motiv auch für Hochzeitsbilder, “Eheweihen“ sagte man damals. Fotos zeigen lachende junge Männer in der Burgschenke, sie spielen Karten und rauchen Zigaretten, im Hintergrund die großen Fenster mit der wildromantischen Landschaft.

Der Fackelträger ist bei Neonazis noch heute ein beliebtes Symbol

Der Fackelträger ist bei Neonazis noch heute ein beliebtes Symbol.

Quelle: May

Heute stehen hier Sonnenschirme, Ausflügler rasten bei Eiskaffee und Waffeln. Der Eiskaffee wird als hausgemacht angepriesen. Hier sollen es sich die Besucher gut gehen lassen. Wie auf Kommando zwitschern Amseln und machen dem Burgnamen Ehre. Das Gebiet rund um die älteste Staumauer sei schließlich auch schon in der Weimarer Republik ein beliebtes Ausflugsziel gewesen, sagt Mira Huppertz. Es klingt wie eine Rechtfertigung. “Ziemlich schmuckloses Gebäude“, urteilt ein Mann mit kurzer Hose, Wanderschuhen und Rucksack. Eine Seniorengruppe lobt das Klima der Eifel. Gut für die Gesundheit.

Hinauf in den Turm, 48 Meter hoch. Hier stand einst “Der neue Mensch“, eine nackte Statue nach antikem Vorbild. Sie thronte überlebensgroß auf einer Art Bühne, die vom Zuschauersaal mit einem Vorhang abgetrennt war, für den dramatischen Effekt. Ein gigantisches Hakenkreuz auf dem Boden komplettierte den Symbolcharakter des Raumes.

Die Statue gibt es nicht mehr, die mit Bronzefarbe angemalte Holzfigur landete vermutlich in irgendeinem Ofen. Denn die Ordensburg wurde noch vor dem Einrücken der Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg von der örtlichen Bevölkerung geplündert. Die Inkarnation des Herrenmenschen als Feuerholz. Das Hakenkreuz ist heute mit einer Spanplatte abgedeckt, die eine Baumarktatmosphäre erzeugt. Das verfassungsfeindliche Symbol darf höchstens in einer historisch-kritischen Führung öffentlich gezeigt werden. Jemand hat das Profil von Hitler mit Scheitel und Bart an die Wand gezeichnet.

Kann ein Ort böse sein?

Die schmalen Fenster im Turm erinnern an eine Kirche, hier predigte man einst die menschenverachtende NS-Propaganda. Die Namen der 16 Protagonisten des gescheiterten Hitler-Putsches 1923 wurden hier regelmäßig verlesen, eine Zurückrufung der als Märtyrer verehrten Toten.

Im Dachstuhl ist es schwül und muffig. Kann ein Ort böse sein? Nirgendwo sonst wird das Spannungsfeld “zwischen Faszination und Verbrechen“, so der Untertitel der hiesigen Ausstellung, so deutlich wie dort oben im kahlen Dachstuhl. Täterorte zwingen den Besucher immerzu, sich zur Vergangenheit zu verhalten. Die belgischen Soldaten, die das Gelände über Jahrzehnte nutzten, machten das ganz pragmatisch: Sie funktionierten den Turm zur Kletterhalle um. Doch auch ihre Seile sind mittlerweile Geschichte.

Die Belgier sind abgezogen. Immerhin haben sie neben der Burg ein Truppenkino hinterlassen, das heute als Kulturzentrum genutzt wird. “Sortie de secours/Nooduitgang“ steht auf dem milchigen Leuchtschild. Das Kino atmet bis heute den Charme der Fünfzigerjahre mit türkisfarbener Wandverkleidung und Orchestergraben. Fledermäuse haben sich in der Papierdecke eingenistet und verleihen dem Saal zusätzliches Retroflair. “Es ist ein so schöner Ort“, schwärmt Huppertz. “Und das Beste ist: Man darf ihn auch schön finden. Es waren ja zum Glück nur die Belgier, die ihn errichtet haben.“

Prora – Bausünde an der Ostsee

Von Nazibau zur Luxuswohnung

Von Nazibau zur Luxuswohnung: Prora.

Quelle: Dpa

Die Nazis bauten auf der Schmalen Heide zwischen Binz und Sassnitz auf Rügen das “Seebad der 20 000“ – und hinterließen Rohbauten. Nie zog ein Urlauber in den Koloss am flachen Strand der Prorer Wiek ein. Bis jetzt. Der Tourismusboom an der Ostsee, die Abschreibemöglichkeiten für Denkmalimmobilien und die Niedrigzinsphase machen es möglich, dass sich Anleger und Ostseefreunde um Apartments in Prora reißen.

Zu DDR-Zeiten waren hier Soldaten der Nationalen Volksarmee (NVA) untergebracht, nach deren Ende standen die Blöcke größtenteils leer. Eine Jugendherberge, Künstlerateliers und Erinnerungsstätten nutzten Teile der Gebäude. Nun aber sind vier der fünf Gebäudeabschnitte an Immobilienentwickler verkauft, saniert und mit Balkonen versehen worden. Trotz des Denkmalstatus erinnern die Gebäude nur noch wenig an den einstigen Koloss. Quadratmeterpreise von 4000 bis 7000 Euro zahlt auch nur, wer sich möglichst wenig von der Historie die Stimmung verderben lassen will.

Immerhin gibt es eine “Nazi-Klausel“, hat der Immobilienmakler Manfred Hartwig dem “Stern“ erzählt. Erwerber verpflichten sich, “dass eine Nutzung durch nationalistische und neofaschistische Kräfte ausgeschlossen ist“. So soll – sicher ist sicher – auch einem entfernten Verwandten des ursprünglichen Bauherrn, dem NS-Arbeitsfront-Chef Robert Ley, der Kauf einer luxussanierten Prora-Wohnung untersagt worden sein.

Keine Bestandsgarantie für Informationszentren

Ungewiss aber ist die Zukunft der beiden Institutionen, die sich wissenschaftlich fundiert um die Vergangenheit von Prora kümmern. Das Prora-Zentrum zeigt in seiner aktuellen Sonderausstellung gerade bislang unbekannte Fotografien aus der Bauzeit. Es ist in Block 5 untergebracht, der dem Landkreis gehört. Der hatte den Abschnitt vor mehr als zehn Jahren für einen symbolischen Euro bekommen und unter anderem eine Jugendherberge untergebracht. Nun aber werden für die restlichen Teile des Blocks Käufer gesucht. Eine Bestandsgarantie für das Prora-Zentrum gibt es nicht.

Das Dokumentationszentrum Prora sitzt im Querriegel des Blocks 3 und muss diesen demnächst räumen. Noch wird es einen Ausweichplatz auf dem Gelände geben. Mittelfristig aber wird sich der Trägerverein die Mieten in den privatisierten Gebäudeteilen nicht mehr leisten können, befürchtet der stellvertretende Vereinsvorsitzende Marco Esseling. Die Verhandlungen mit dem Eigentümer sind noch nicht abgeschlossen. Alternativ könnte ein Umzug in den Block 5 anstehen – doch der Landkreis will bei der Käufersuche keine Bedingungen stellen, dass Erinnerungsstätten bleiben müssten. So könnte das luxussanierte Prora zum Seebad ohne Erinnerung werden.

Von Jan Sternberg

Von Nina May

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