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So wird ein Schuh draus

Der Kult um die Schuhpflege So wird ein Schuh draus

Früher war geputztes Schuhwerk eine Frage der Ehre. Bis billige Importware aus Asien kam. Neuerdings aber erlebt das reinigende Ritual eine Renaissance – und das nicht nur am Abend vor Nikolaus.

Pflegen statt wegwerfen: Schuhputzkurse werden – ebenso wie edles Schuhwerk – immer beliebter.

Quelle: Jacqueline Schulz

Berlin. Mesut hat einen Schuh auf dem Schoß. Vorsichtig betupft er das Leder mit einem Schwamm. Es ist Samstagabend, fast schon Mitternacht – also eigentlich keine Uhrzeit, zu der Erwachsene auf die Idee kommen, Schuhe zu putzen. Vor dem Fenster, auf der Ackerstraße, brodelt das Berliner Nachtleben. Viele Menschen sind unterwegs, sie besuchen Bars oder machen sich auf den Weg zum Tanzen. Mesut dagegen sitzt da – und tupft Pflegemittel auf Rauleder.

Gemeinsam mit neun weiteren Männern und Frauen besucht der 40-Jährige an diesem Abend das Schuhpflegeseminar des Unternehmens Shoepassion, das neben Lederschuhen auch deren Pflege und Reparatur anbietet. Es ist schon eine leicht sonderbare Situation, in die sich die Teilnehmer mit ihrer Anmeldung da gebracht haben. Einige lächeln verlegen. Bis dann die Vorstellungsrunde kommt – und alle feststellen, dass sie aus ähnlichen Beweggründen hierhergefunden haben. “Ich bin leidenschaftlicher Schuhputzer“, sagt Mesut. “Ich mache das nicht, weil ich die Schuhe sauber halten will, sondern weil die Tätigkeit für mich Entspannung ist.“ Und dann verrät der 40-Jährige noch mehr: Er bekommt ein entspannt-wohliges Kribbeln im Kopf, wenn er Schuhe putzt.

 “Ich putze sehr gern Schuhe, dachte aber immer, ich habe einen Knall“

“Ich putze sehr gern Schuhe, dachte aber immer, ich habe einen Knall“: Für manche Teilnehmer des Kurses ist das Schuheputzen Meditation und Passion zugleich.

Quelle: Jacqueline Schulz

Ein paar Plätze weiter sitzt Marco. “Meine Frau meint, ich habe einen Schuhtick. Nur weil ich 20 Paar Schuhe mehr habe als sie“, erklärt er. Die anderen Teilnehmer lachen. Marco hat zwar viele Schuhe, doch die sollen möglichst lange erhalten bleiben. Auf der Suche nach einem guten Schuhpflegemittel ist Marco schließlich auf das Seminar gestoßen. Für ihn war es genau das Richtige: “Sobald ich Schuhe getragen habe, putze ich sie und stelle sie in den Schrank, damit sie ruhen können.“

Draußen auf der Straße allerdings bietet sich dem geschulten Auge des Betrachters ein ganz anderes Bild: “Wenn ich in Berlin unterwegs bin, dann schaue ich mir die Schuhe der Männer an. Neun von zehn Paaren sind ungepflegt“, sagt Tobias Börner von Shoepassion. “Schwarze Schuhe sind zum Beispiel oft von einem grauen Schleier bedeckt. Schuhpflege ist in Deutschland offenbar nicht so populär.“

Das liegt laut Börner vor allem an der Qualität: Vor einigen Jahrzehnten war es üblich, die Schuhe nach jedem Tragen zu pflegen, um sie möglichst lange zu erhalten. Später dann kam mehr und mehr billige Produkte aus Asien nach Europa, viele Produkte sind mittlerweile aus Textilien oder Kunstleder gefertigt. Sie zu pflegen lohnt sich für die meisten Kunden nicht mehr – zumal sie sich für verhältnismäßig wenig Geld neue kaufen können. Diese Entwicklung sehen auch die Kollegen bei der Marke Erdal in Mainz, die einer der größten Hersteller von Schuhpflege in Deutschland ist. Erdal-Produktentwicklerin Petra Gerhard spricht gar von einem schrumpfenden Markt für Schuhpflege. Zeitgleich forderten viele Konsumenten aber auch mehr Nachhaltigkeit in der Schuhpflege – und weniger Chemie.

Seminarleiter Robby John erklärt den Teilnehmern, wie sie am besten ihr Schuhwerk reinigen

Seminarleiter Robby John erklärt den Teilnehmern, wie sie am besten ihr Schuhwerk reinigen.

Quelle: Jacqueline Schulz

Das deckt sich mit den Beobachtungen von Tobias Börner. “Immer mehr Menschen legen wieder mehr Wert auf hochwertige Produkte und echte Handarbeit – und wollen diese dann auch entsprechend pflegen“, sagt er. Und so bietet Shoepassion mit wachsendem Erfolg Schuhpflegekurse an – zunächst nur in Berlin, wegen der Nachfrage aber mittlerweile auch in den Filialen in Hamburg, Frankfurt und München. Das Unternehmen ist mit dieser Idee übrigens nicht allein: Anbieter wie beispielsweise Ed.Meier in München bieten längst ähnliche Fortbildungen an. “Geiz ist geil war einmal. Heute stellen sich viele Menschen gegen die Wergwerfmentalität der Gesellschaft. Sie interessieren sich für gute Produkte und Qualität. Die Schuhpflege gehört dazu – und zwar nicht nur einmal im Jahr an Nikolaus“, sagt Börner.

Und so fängt Seminarleiter Robby John an diesem Abend von vorne an mit der Geschichte des Schuhs und einer ausführlichen Lederkunde. Es dauert ganze drei Stunden, bis die Teilnehmer endlich ihre mitgebrachten Schuhe herausholen und putzen können. Nun wird es dreckig. Im Konferenzraum wartet ein großer, gedeckter Tisch auf die kleine Gruppe. Es liegen allerlei Schuhpflegeprodukte und Bürsten bereit, daneben stehen Schalen mit Salzstangen, getrockneten Tomaten, Wein und Wasser. Sofort greifen einige hungrig zu.

“Als Erstes entweder die Putzbürste mit dem geschwungenen Holzgriff greifen oder die mit dem ganz kurzen, harten Rosshaar“, sagt John. Seine Teilnehmer beginnen, behutsam über ihre Schuhe zu bürsten. Mesut hat Glück. Während die anderen Teilnehmer neun Phasen eines streng vorgegebenen Putzvorgangs aus Cremen, Bürsten und Polieren absolvieren, stehen ihm nur zwei Arbeitsschritte bevor: Mesuts Raulederschuhe sind empfindlich und vertragen entsprechend wenig Pflege. Während die anderen also Pomade auftragen, diese trocknen lassen und zwischenpolieren, später die Wachscreme einbürsten und dann die Rahmenfarbe auf den Sohlenkanten verteilen, sitzt er nur da und schaut zu. Als die anderen in hoher Geschwindigkeit ein letztes Mal polieren, ist Mesut längst fertig. Er hat seine Schuhe lediglich mit einer weichen Bürste von Schmutz und Staub befreit und ein Pflegemittel aufgetragen.

 Immer mehr Menschen legen wieder Wert auf hochwertige Produkte und pflegen diese entsprechend

Immer mehr Menschen legen wieder Wert auf hochwertige Produkte und pflegen diese entsprechend. Deshalb werden auch Schuhputzkurse wieder beliebter.

Quelle: Jacqueline Schulz

“Das Ganze ist für mich wie in einer Selbsthilfegruppe“, sagt Stefan, der Schnürschuhe aus Glattleder dabeihat. “Ich putze sehr gern Schuhe, dachte aber immer, ich habe einen Knall.“ Der Geschäftsmann aus Potsdam sitzt mit seiner Frau Birgit am Tisch. Meistens, im Alltag, putzt er auch ihre Schuhe. “Für mich ist das eine Art Meditation“, sagt Stefan. Das ist kein Wunder, denn Stefan trägt Schuhgröße 49. Seine Schuhe sind nicht nur deutlich länger und damit aufwendiger zu putzen, sondern auch nur in seltenen Sondergrößenregalen zu finden.

Wenn er einmal ein Paar gekauft hat, das passt, pflegt er es schon allein deshalb, damit er sich nicht so schnell wieder auf die Suche machen muss. “Die Wertschätzung gegenüber Schuhen hat sich verändert“, sagt auch Experte Tobias Börner. “Im vergangenen Jahr war ein älterer Herr beim Seminar, der hatte ein paar Schuhe aus meinem Geburtsjahr, 1981, also Schuhe, die mehr als 30 Jahre alt waren – und die sahen immer noch sehr gut aus.“

Die Achtung vor dem Schuh

Alisan Genccagi lacht, als er gefragt wird, welche Menschen besonders auf ihre Schuhe achten. Er muss nicht lange überlegen, bis er antwortet: “Zielstrebige Menschen, Leute, die erfolgreich sind und diszipliniert. Diese Menschen achten auf gepflegte Schuhe “, sagt der 57-Jährige. Bei Menschen mit ungepflegten Schuhen komme die beste Kleidung nicht zur Geltung.

Genccagi weiß, wovon er spricht. Er ist Schuhputzer und hat einen kleinen Stand im Europa-Center am Kurfürstendamm. Dort bietet er Menschen aus aller Welt seine Dienste an. Manche kommen, weil sie neugierig sind und zuschauen, manchmal aber kommen auch Menschen auf dem Weg zum Vorstellungsgespräch oder zu ihrer Hochzeit bei ihm vorbei. Politiker, Journalisten und Professoren nehmen auf seinem Stuhl Platz, der wie ein kleiner Thron auf dem Gang des Centers steht. Von der überhöhten Position aus können seine Kunden dem Alltag für kurze Zeit entsagen. Gezahlt wird nach der Schuhbehandlung und je nach Aufwand.

Wer zum Schuheputzen kommt, sitzt gleich neben einer Rolltreppe und einem Café. Dahinter steht seit 1982 “die Uhr der fließenden Zeit“ des Franzosen Bernard Gitton, in der eine neongrüne Flüssigkeit den steten Fluss der Minuten anzeigt. Davor ist ein Geschäft, in dem sündhaft teure Turnschuhe verkauft werden. Genccagi blickt immer darauf, wenn er gerade keinen Kunden hat. “Die kaufen dort Schuhe für 300 Euro und stecken sie dann in die Waschmaschine“, sagt er und schüttelt amüsiert den Kopf.

 Kunden entspannen sich bei ihm

Kunden entspannen sich bei ihm: Der Schuhputzer Alisan Genccagi arbeitet im Europa-Center in Berlin.

Quelle: Manuel Niemann

Der Berliner gehört zu einer Berufsgruppe, die in Deutschland fast ausgestorben ist. Früher, in den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts, gab es zumindest in den Großstädten, vor allem auf Bahnhöfen und in Hotels noch zahlreiche Schuhputzer. Gepflegtes Schuhwerk gehörte damals zur Etikette wie die Kopfbedeckung, die man außer Haus trug. Mit den billigen Hotelketten und der zunehmenden Automatisierung kamen dann die Schuhputzautomaten in Mode, die heute noch vereinzelt, aber ebenfalls fast vergessen auf Hotelfluren stehen. Das Handwerk des Schuhputzers, die professionelle Behandlung des Leders und die kleine Plauderei nebenbei, die fast immer dazugehörte – all das ist fast vergessen.

Schuhputzer mag heute noch ein Dienstleistungsberuf in Ländern wie Mexiko, Bolivien und den USA sein – in Deutschland üben ihn nur noch sehr wenige Menschen aus. Genccagi ist, mal abgesehen von seinen Kollegen in einigen Luxushotels, eine Ausnahme. Zu ihm kommen die Menschen aber meist erst, wenn sie ihre Schuhe für irreparabel halten. Manche geben gleich mehrere Paare ab und holen sie später wieder ab. Andere wiederum bleiben auf einen kurzen Plausch. Die Arbeit des Schuhputzers wird geschätzt, ebenso wie die Gespräche mit ihm.

Der Wert des Handwerks

Denn Alisan Genccagi hat viel erlebt. Einst war er in der Universität Ankara angestellt. Im Jahr 1993 kam er als Mitarbeiter der türkischen Botschaft nach Bonn. Seine Frau ist Krankenschwester, seine Tochter studiert an der Humboldt-Universität Psychologie.

Wie viele Menschen ist auch Genccagi durch einen Zufall an seinen heutigen Beruf geraten. Damals in Bonn lernte er einen Schuhmacher kennen, zu dem er hin und wieder Schuhe brachte und dem er bei der Arbeit zusah: “Ich habe die Ruhe, die er bei seiner Arbeit zeigte, sehr bewundert.“ Zudem sah er gleich ein Ergebnis. “Ich habe während dieser Zeit erfahren, wie wertvoll und befriedigend handwerkliches Arbeiten sein kann.“

Genccagi bittet einen Kunden, auf seinem Thron Platz zu nehmen. Der Schuh ruht während der Putzzeremonie mitsamt des Fußes auf einer kleinen Metallschiene. Genccagi entfernt die Schnürsenkel, krempelt die Hosen des Kunden ein wenig nach oben und schiebt Schablonen in die Schuhinnenseiten, damit die Strümpfe keine Farbe abbekommen.

 Zur Ausrüstung eines Schuhputzers gehören Pflegestoffe für nahezu jedes Paar Schuhe

Zur Ausrüstung eines Schuhputzers gehören Pflegestoffe für nahezu jedes Paar Schuhe.

Quelle: Manuel Niemann

Als Genccagi seinen Job in der Botschaft verlor, wollte er etwas Neues versuchen – und endlich sein eigener Chef sein. Eigentlich wollte er Schuster werden, aber es war nicht möglich, in seinem Alter noch einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Genccagi sah sich damals weiter um – und landete schließlich bei einem Schuhputzservice. In Deutschland gebe es dieses Angebot kaum, erzählt er, aber in seinem Herkunftsland, der Türkei, habe es eine mehr als tausendjährige Tradition. Deshalb habe er sich sein Handwerk bei einem türkischen Meister angeeignet. “Es sich selbst beizubringen ist schwierig. Es gibt sehr viele Feinheiten bei der Arbeit.“

Mit bewundernswerter Akribie versucht der Schuhputzer den vielfältigen Materialien und Farben, aus denen Schuhe bestehen, bei seiner Arbeit gerecht zu werden. Wer Schuhe mit seinen Augen betrachtet, dem erscheint das Material in einem ganz neuen Zusammenhang: In einem Bordeauxrot entdeckt Genccagi einzelne Lederpartien, die leuchtender sind, aber auch Nuancen in Blau oder Beige. Für nahezu jede von ihnen hat er passende Pflegestoffe parat. An seinem Stand und in seinem Lager im Keller des Europa-Centers lagern bis zu 180 Tuben und Cremes.

Zehn Minuten Entschleunigung

Der Ablauf des Schuhputzrituals wiederholt sich von Mal zu Mal: Zunächst säubert Genccagi die Schuhe. Rasant fliegen die Bürsten in beiden Händen um den ersten Schuh. “Der Nächste, bitte!“, sagt Genccagi dann freundlich in seinem gebrochenen Deutsch – und nimmt sich den zweiten Schuh vor.

“Wonach riecht das?“, fragt er anschließend und hält seinem Kunden die Dose aus Metall hin. Der Inhalt duftet nach Mandelblüten. Darin befindet sich keine eingefärbte Schuhcreme, sondern reine Mandelbutter. Diese sei besonders gut fürs Leder. Sie wird verrieben und anschließend eingebürstet. Bei einfarbigem Leder würde er jetzt auch mit einer der Farben arbeiten, die er aus Istanbul importiert, sagt Genccagi. In diesem Fall nicht. Zum Schluss werden die Schuhe noch gegen Nässe geschützt.

“Was ist das?“, fragt er wieder – und reicht eine andere Dose herum. Der Geruch der Paste erinnert ein wenig an das Innenleben eines Bienenstocks. Es ist Bienenwachs – und nach Ansicht des Schuhputzers eines der besten Mittel, um Lederschuhe gegen Nässe und Schmutz zu versiegeln. Dann legt er wieder los: Tücher spannen sich straff über seine Handrücken, mit der bespannten Handunterseite darunter trägt er das Wachs auf. Nachbürsten, die Schablonen entfernen, die Schnürsenkel anschließend einfädeln, eine Schleife: fertig. Der Nächste bitte.

Die Besucher des Schuhputzseminars gehen zufrieden und mit sauberen Schuhen nach Hause

Die Besucher des Schuhputzseminars gehen zufrieden und mit sauberen Schuhen nach Hause.

Quelle: Jacqueline Schulz

Kaum zehn Minuten dauert die Prozedur auf dem Thron und doch trägt sie dazu bei, den Tag ein wenig zu entschleunigen. “Viele Kunden sind gestresst, wenn sie hier ankommen. Hier haben sie Zeit, zu entspannen.“

Auch in der Ackerstraße sind am Ende des Abends alle entspannt. Die Schuhe der Teilnehmer stehen wie zu Beginn des Abends im Fächer aufgestellt auf dem Tisch. Bereit für das Nachher-Foto. Das Licht der Lampen spiegelt sich im polierten Leder. Viele Paare sehen fast aus wie neu. Nur Mesuts Schuhe glänzen nicht. “Ich weiß noch nicht, ob ich zufrieden bin“, sagt er. „Sie sind noch so feucht und dunkel, weil das Pflegemittel einziehen muss.“

Der 40-Jährige greift sich seine Schuhe, packt sie in einen Stoffbeutel und legt die Schürze ab. Um ein Uhr morgens, nach sechs Stunden Schuhpflegeseminar, verlassen er und die anderen den Laden in der Berliner Ackerstraße. Mit sauberen Schuhen.

Mehr Liebe für Sneaker

Nicht in die Waschmaschine

Nicht in die Waschmaschine: Auch für Sneaker gibt es Pflegemittel.

Quelle: Hersteller

Leroy Hönicke verbringt schon mal einen ganzen Abend damit, seine Schuhe zu putzen. “Das ist nicht schlimm“, stellt er klar. “Anders als aufs Abwaschen freue ich mich, meine Schuhe sauber zu machen.“ Wie viele Paar Sneaker er zu Hause im Schrank stehen hat, weiß er gar nicht so genau: “Bestimmt 220 bis 250.“ Ein Achselzucken. Na, und? Der 35-Jährige aus Berlin ist leidenschaftlicher Schuhsammler und -verkäufer. 90 Prozent seiner Sammlung trägt Hönicke auch an den Füßen. Ausnahmen: “Die Schuhe, die zu alt sind und möglicherweise kaputt gehen. Manche Modelle habe ich aber auch einfach verpasst anzuziehen. Jetzt will ich sie nicht mehr schmutzig machen“, sagt er und lacht.

Sneaker seien Statussymbole geworden, deswegen pflege man sie besonders. Früher war Kernseife das Gebot der Reinheitsstunde, heute wird mit besonderen Schuhputzmitteln gepflegt. Sammler putzen hauptsächlich mit Produkten des US-Herstellers Jason Marks. “Erst seitdem der Trend massentauglich ist, hat sich eine Putzmittelnische gebildet“, weiß Hönicke. Schuhe sind ihm heilig – deswegen wird akribisch gereinigt, und zwar ausschließlich mit der Hand. Die Waschmaschine, zu der oft geraten wird, bedeute den Tod für den Kleber. Stattdessen greift Hönicke zu Bürste, Schwamm oder Lappen – je nach dem Stoff, aus dem die Sneaker sind.

Der 35-Jährige kneift die Augen zusammen, die Herbstsonne blendet ihn durch das Schaufenster in seinem kleinen Geschäft in Prenzlauer Berg und beleuchtet die Regale. Seit nunmehr sieben Jahren betreibt er den Sneaker-Laden BQL. “Alles begann mit einer riesigen Leidenschaft für Sneaker“, erinnert er sich. Schon im Grundschulalter habe er sich für die Schuhe seines älteren Bruders interessiert. Später fuhr er jeden Laden in der Hauptstadt ab, um an das Modell seiner Begierde zu kommen. Wenn das nichts half, forschte er im Internet: “Damals gab es ja noch kein Facebook, um sich kurzzuschließen. Man vernetzte sich über Ebay mit Menschen aus aller Welt.“

Zelten für die Sonderedition

Andere Länder, andere Formen und Farben. Es sei in Deutschland fast unmöglich gewesen, an Sneaker aus den USA oder Asien zu kommen. “Hatte man das Paar aber in der Tasche, war’s klar, dass man vorsichtig damit umgeht“, sagt Hönicke, der noch immer leuchtende Augen bekommt, wenn er an seine Suchen nach seltenen Schuhen denkt. Fränze Mundt trägt ihre 60 Paar. Nicht jeden Schuh bei jedem Wetter freilich. Die 27-Jährige leitet den Overkill-Laden in Kreuzberg. Der Trend sei inzwischen auch bei Frauen angekommen: “Vor ein paar Jahren waren Sneaker noch eine absolute Männerdomäne. Inzwischen geben Frauen fast mehr Geld für die Schuhe aus als Männer.“

Immer gehe es darum, den schönsten Schuh zu haben. Das Verlangen geht sogar so weit, dass Fans einer Sonderedition tagelang vor dem Geschäft zelten. “Klar, dass man nach solchen Strapazen alles dafür tut, den Schuh möglichst lange tragen zu können“, meint die 27-Jährige. Das Aussehen des Schuhs entscheide nämlich über die Wertschätzung, die man für ihn bekommt. Ein Fleck könne da schon mal gehörig die Stimmung vermiesen. “Wenn man ihn dann aber rausbekommt, ist man euphorisch.“ Fast so euphorisch wie beim Schuhkauf selbst.

Von Annika Jensen, Andrea Brack, Manuel Niemann und Jonas Nayda

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