Startseite LVZ
Volltextsuche über das Angebot:

Google+ Instagram YouTube
Wann wird's mal wieder richtig Winter?

Vom Sinn der Winterruhe Wann wird's mal wieder richtig Winter?

Der Winter, die stille Zeit, ist aus der Mode gekommen. Nicht nur wegen des Klimawandels. Sondern auch, weil sich der Mensch von den Zyklen der Natur abgekoppelt hat. Wir knipsen das Kunstlicht an und powern durch. Dabei will unser Körper, wie seit Jahrtausenden, eigentlich Winterschlaf halten.

Filigranes Schauspiel: Dank moderner Fenster müssen wir nicht mehr frieren – doch dafür sind Eisblumen nahezu ausgestorben. Ein Plädoyer für die Stille des Winters.

Quelle: iStock

Im ersten Moment klingt es nach nichts anderem als nach Düsternis und Frösteln: "Keine Blumen blühn; / Nur das Wintergrün / Blickt durch Silberhüllen." Ludwig Christoph Heinrich Hölty hat das geschrieben, Ende des 18. Jahrhunderts, in seinem "Winterlied". Aber er fährt fort: "Nur das Fenster füllen / Blümchen rot und weiß, / Aufgeblüht aus Eis."

Höltys Gedicht ist vor allem durch Franz Schubert bekanntgeworden, der es vertont hat. Beide, der Dichter und der Komponist, kannten sie gut, die Eisblumen am Fenster, und es gab sie auch im 20. Jahrhundert noch haufenweise. In unseren Zeiten der Doppelt-und-dreifach-Isolierverglasung sind die filigranen Gebilde praktisch Geschichte. Das ist ein Gewinn an häuslicher Behaglichkeit. Aber es ist auch ein Verlust an Schönheit.

Wunschvorstellung weißer Winter

Januar. Der Winter hat uns fest im Griff. Mindestens kalendarisch – mit Frost und Eis und Schnee hat der Monat nicht mehr unbedingt etwas zu tun, seit der Klimawandel mehr als nur unsere Gewohnheiten durcheinanderbringt. Weiße Weihnachten waren bei uns schon immer eine Seltenheit, weil die Temperaturen in der zweiten Dezemberhälfte üblicherweise ansteigen. Weiße Winter werden vielleicht bald ebenso eine Wunschvorstellung bleiben. Dabei ist das wichtig für unsere Seelen: Dass die Welt auch mal in Watte gepackt ist. Dass alles still wird. Dass wir zur Ruhe kommen.

Warum gibt es überhaupt Winter? Weil die Erde schief am Himmel hängt, ihre Achse ist um 23 Grad geneigt. Die Nordhalbkugel ist der Sonne im Sommer stärker zugewandt, im Winter weniger. Aber brauchen wir deswegen den Winter? In den Tropen gibt es ja auch keinen, bloß die Regenzeit. Nur: Die Menschen in den Tropen haben kein jahrtausendealtes kollektives Gedächtnis, in dem der Wechsel der Jahreszeiten tief eingeschrieben ist. Wir schon.

Zwar hat vor rund 170 Jahren, als die industrielle Revolution begann, eine Entkoppelung des Menschen von der Natur stattgefunden. In der Agrargesellschaft haben die Leute ihr Leben noch am Stand der Sonne und am immergleichen Ablauf von Frühling bis Winter ausgerichtet, was in der technisierten Welt bedeutungslos geworden zu sein scheint.

Wider den biologischen Rhythmus

Aber der grundlegende Zyklus der Natur in unseren Breitengraden, der das Erwachen allen Lebens im Frühjahr, das Reifen im Sommer, die Ernte im Herbst und Ruhe im Winter vorsieht, lässt sich nicht mit ein paar Jahrzehnten oder auch Jahrhunderten modernen Lebens abschütteln. Wir mögen rund um die Uhr arbeiten und Partys feiern und das (elektrische) Licht anlassen – unser Körper weiß, dass dergleichen unserem biologischen Rhythmus widerspricht.

Wildtiere passen sich mit dem Winterschlaf an die Witterungsbedingungen an. Braunbären verharren sieben Monate in der Winterruhe, beim Igel sinkt der Herzschlag im Winterschlaf von 200 auf fünf Schläge pro Minute. Menschen könnten das theoretisch ähnlich halten, Wissenschaftler haben vor Jahren die – auch im Menschen steckenden – Gene identifiziert, die den Stoffwechsel auf Fettverbrennung umstellen (was nötig ist, um im Winterschlaf Energie zu sparen). Diese Möglichkeit nutzen wir nicht.

Wenn wir Kälte zu überstehen haben, drehen wir einfach die Heizung höher. Allerdings steckt das Bedürfnis nach Winterruhe trotzdem in unseren Zellen. Fachleute wie der Chronobiologe Till Roenneberg von der Ludwig-Maximilians-Universität München weisen darauf hin, dass wir, industrielle Revolution hin oder her, nach wie vor in einer Jahresstruktur leben.

Schlafbedürfnis und Heißhunger

Der Winter sei per se eine Jahreszeit, in der wir länger schlafen, sagt Roenneberg. Der Mensch tue deswegen gut daran, diesem Bedürfnis zu folgen. Und auch wer im Winter Heißhunger auf Süßes verspürt, sollte sich deswegen nicht geißeln: Während wir im Sommer mehr Proteine zu uns nehmen, sind es im Winter eher Kohlenhydrate. Die Weihnachtsplätzchen, vermutet Roenneberg, hätten also unter Umständen nicht nur traditionelle Gründe.

Im Winter werden wir bedächtiger, wir werden offener für die kleinen Freuden und Wunder des Lebens, die wir sonst allenfalls am Rande wahrnehmen. Die (bislang) wichtigste Zutat des Winters, der Schnee, ist ein solches Wunder und ein mystisches Element. Es macht uns vor, wie wir im Winter sind (oder sein sollten): langsam und leise.

Schnee ist, vor allem wenn er frisch gefallen ist, ein lockeres Gemisch aus 10 Prozent Eiskristallen und 90 Prozent Luft. Wenn Schallwellen auf die Schneedecke treffen, werden sie von den Kristallen in verschiedene Richtungen ab- und vor allem auch nach innen gelenkt. Autos, Kinderstimmen oder Wind werden leiser, wenn es geschneit hat: Schnee schluckt Schall. Und er macht glücklich.

Der Zauber der Schneeflocke

Wenn diese sechseckigen, oft nur wenige Millimeter großen und ein paar Tausendstel Gramm leichten Flocken, von denen jede einzelne einzigartig ist, mit einer – nein, man kann es nicht Geschwindigkeit nennen, sagen wir also: mit einer Gemächlichkeit von durchschnittlich einem Meter pro Sekunde zur Erde taumeln, dann kriegen Kinder glänzende Augen, Hunde tollen herum vor Freude, Erwachsene lächeln ohne sonstigen erkennbaren Grund. Und mindestens für einen Moment ist alles andere unwichtig, Eiskratzen und Heizkostennachzahlung und Schnupfen und glatte Straßen.

Warum? Das weiß keiner. Bei Regen passiert dergleichen jedenfalls nicht. Vielleicht liegt es daran, dass jede Schneeflocke ein Geheimnis in sich trägt, nämlich das ihrer Entstehung. Es bedarf dazu einer winzigen Verunreinigung in der Atmosphäre, eines Stückchens Sand, eines Hauchs Ruß, einer Spur Salz, meist nicht größer als 0,002 Millimeter. Daran lagern sich Wassermoleküle an, 150 Millionen müssen es für einen Tropfen sein, der dann in kalten Luftschichten gefriert.

Weitere Wasserdampfpartikel bleiben daran hängen und frieren zu Spitzen, alles zusammen wird schwerer und schwerer und beginnt zu sinken – es schneit. Ohne den Sand, den Ruß oder das Salz würde es den Schnee nicht geben. Vielleicht liegt die Faszination des Schnees auch in seiner Fähigkeit, unsere gesamte Umwelt in kürzester Zeit vollständig zu verändern (oder zu verzaubern), ganz ohne Aufhebens.

Vom Winter zum Wiedererwachen

Große Faszination geht zudem vom Weiß des Schnees aus. Dabei ist Schnee eigentlich gar nicht weiß. Er besteht aus Eiskristallen, und Eis ist durchsichtig. Allerdings reflektieren die Schneekristalle mit ihren vielfältig verschachtelten Oberflächen zusammen mit der in den Flocken eingeschlossenen Luft das Licht und werfen es fast komplett wieder zurück. Dadurch erscheint der Schnee weiß. Und Weiß steht für Reinheit, Wahrheit, Unschuld, für Vollkommenheit: Weiß ist die Summe aller Farben des Lichts.

Weiß symbolisiert auch den Anfang, und der entwickelt sich immer aus dem, was zuvor untergegangen ist – das ist der Zyklus des Lebens. Das alte Jahr ist zu Ende, das neue beginnt. Auf jeden Winter folgt ein Frühling.

Vielleicht war es also kein Zufall, dass Franz Schubert sein "Winterlied" am selben Tag wie sein "Frühlingslied" komponiert hat, nämlich am 13. Mai 1816. Das zweite Stück fußt ebenfalls auf einem Hölty-Text. Und darin beschreibt der Dichter das Wiedererwachen der Natur unter anderem so: "Der Wiesengrund / Ist schon so bunt / Und färbt sich täglich bunter." Aber bis dahin ist es noch etwas Zeit. Erst mal schlafen wir aus. Und feiern am 18. Januar den Welttag des Schneemanns.

Von Bert Strebe

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Top-Thema