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Juden in Leipzig – ein historischer Überblick

Von der Gemeindegründung bis heute Juden in Leipzig – ein historischer Überblick

Die neuzeitliche Tradition jüdischen Lebens in Leipzig beginnt mit dem Jahr 1710 und einem Schutzbrief des Kurfürsten August des Starken für den jüdischen Kaufmann Gerd Levi aus Hamburg. Ein historischer Überblick.

Kantor Joseph Malovany aus New York City, Fifths Avenue Synagogue, beim Gedenken an den Holocaust in Leipzig.

Quelle: Sylvia Hauptmann

Leipzig.. Im Mittelalter lebten in Leipzig nur wenige Juden. Eine Mitteilung in einer jüdischen Quelle deutet auf eine erste Anwesenheit in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts hin. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts und im 17. Jahrhundert lebten keine Juden in Leipzig. Es war ihnen verboten. Doch dreimal jährlich, für einige Wochen, kamen jüdische Kaufleute zu den Messen in die Stadt, um Handel zu treiben.

Die neuzeitliche Tradition jüdischen Lebens in Leipzig beginnt mit dem Jahr 1710 und einem Schutzbrief des Kurfürsten August des Starken für den jüdischen Kaufmann Gerd Levi aus Hamburg. Im Laufe des 18. Jahrhunderts konnten sich noch einige jüdische Familien in Leipzig niederlassen. Seit dem 17. Jahrhundert nahmen die jüdischen Kaufleute während der Leipziger Messen überwiegend in Herbergen auf dem Brühl Quartier. Und auch die Juden, die im 18. Jahrhundert einen dauerhaften Aufenthalt erhielten, mieteten ihre Wohnungen auf dem Brühl.

Die Gründung der Religionsgemeinde

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich der Brühl zum Mittelpunkt des jü­dischen Handelsverkehrs. Den unteren, östlichen Teil, nannten die Leipziger „Judenbrühl“.

Die Bildung einer von der sächsischen Regierung an- erkannten jüdischen Gemeinde war erst durch ein Gesetz von 1837 möglich geworden. Die Konstituierung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig erstreckte sich über einen Zeitraum von zehn Jahren und fand am 2. Juni 1847 mit der Wahl eines Vorstandes seinen offiziellen Abschluss. Die Hauptursache für diesen langen Zeitraum ist in einer innerjüdischen Debatte zwischen Vertretern des Reformjudentums und der Orthodoxie sowie der Einflussnahme der Messejuden auf Belange der jüdischen Gemeinde zu sehen.

Ähnlich lagen die Dinge bei der Planung für den Bau einer Hauptsynagoge. Am 10. Sep­tember 1855 wurde die vom Architekten Otto Simonson geschaffene Synagoge der Is­raelitischen Religionsgemeinde in der Zentral-/Gottschedstraße geweiht. Die im maurischen Stil errichtete Synagoge wirkte in den 1850er/60er-Jahren des
19. Jahrhunderts mit stilprägend für den Synagogenbau in Deutschland.

Kaiserreich und Weimarer Republik

1871 lebten 1739 Jüdinnen und Juden in Leipzig. Bis 1910 stieg die Zahl der jüdischen Bewohner auf 9424 an. Diese Bevölkerungszunahme entstand vor allem durch die Zuwanderung von Juden aus Osteuropa, insbesondere aus dem Russischen Reich, Rumänien und dem zu Österreich gehörenden Galizien.

Seit den 1870er-Jahren wurden die Nordvorstadt und die innere Westvorstadt mit dem Waldstraßenviertel zu bevorzugten Wohnquartieren. Das Waldstraßenviertel ist aber entgegen heutiger Aussagen für keinen historischen Zeitraum als jüdisches Viertel Leipzigs, wie das Scheunenviertel in Berlin, anzusehen. Allerdings bezeichneten Antisemiten das Waldstraßenviertel als „Neu-Jerusalem“.

Nach dem Ersten Weltkrieg gewannen in der Leipziger Judenheit zionistische Lebensentwürfe einer jüdischen Identität mit einer eigenständigen nationalen Zugehörigkeit und der Gründung eines jüdischen Staates an Einfluss. Nach der Volkszählung 1925 gehörten der Israelitischen Religionsgemeinde 12 594 Menschen an. Damit stellte Leipzig die sechstgrößte jüdische Gemeinde in Deutschland. Fünfzig Prozent der in Sachsen lebenden Juden wohnten in Leipzig. Viele orthodoxe Juden wohnten in der Gerber-, Nord- und Keilstraße.

Der Blick auf das zwischen 1919 und 1933 Entstandene lässt die Einschätzung zu, dass die Weimarer Republik die Blütezeit jüdischen Lebens in Leipzig war. Einzelne Personen und Familien stifteten großartige Einrich­tungen. Die Eitingons finan­zierten maßgeblich das 1928 eingeweihte Israelitische Kran­kenhaus. Durch Beschluss der Stadtverordneten erhielt die Zufahrtsstraße zum Krankenhaus den Namen Eitingonstraße. Bereits 1922 hatte der Rauch­warenhändler Chaim Eitingon den Bau der Ez-Chaim-Synagoge in der Otto-Schill-Straße ermöglicht. Die Familie Ariowitsch, ebenfalls im Rauch­warenhandel tätig, ließ ein Altersheim, das 1931 eingeweiht wurde, errichten. 1928 eröffnete die jüdische Gemeinde einen neuen Friedhof an der Delitzscher Straße.

Die Vernichtung

Als am 30. Januar 1933 die Nationalsozialisten an die Macht gelangten, rückte ihr welt­anschaulicher Kern, der Anti­semitismus, ins Zentrum ihrer Politik. Es begann mit einem Boykott gegen jüdische Geschäfte am 1. April 1933. Nach den „Nürnberger Rassengesetzen“ von 1935 wurden in Leipzig etwa 15 000 Frauen, Männer und Kinder als Juden verfolgt. Die Verfolgung kulminierte am 9./10. November 1938. Der November-Pogrom bildete die „Katastrophe vor der Katastrophe“.

Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges verschärften die Nationalsozialisten die Verfolgung drastisch. Im April 1940 führte die Stadt Leipzig als erste deutsche Großstadt einen uneingeschränkten Arbeitszwang für Juden ein. Im Jahr zuvor wurde eine kommunale „Juden­stelle“ geschaffen, die die jü­dischen Verfolgten in soge­nannten „Judenhäusern“ zu­sammendrängte, und die auch an der Durchführung der „Ju­dentransporte“ aus Leipzig be­teiligt war. Mitte Oktober 1941 hatte der NS-Staat die Deportation der Juden systematisch begonnen. Zuvor war eine Polizeiverordnung erlassen worden, die vorschrieb, dass sich die jüdischen Verfolgten durch den sogenannten „Judenstern“ äußerlich kennzeichneten.

Am 21. Januar 1942 erfolgte der erste Transport von Juden aus Leipzig nach Riga. Am 14. Februar 1945 erfolgte der letzte Transport in das Kon­zentrationslager Theresienstadt. In diesem Zeitraum wurden etwa 2000 jüdische Verfolgte aus Leipzig deportiert. Deutlich höher ist aber die Zahl der Ermordeten: zwischen 6000 und 8000.

Die Wiedergründung

Unmittelbar nach der Befreiung gründeten im Mai 1945 in der Löhrstraße 10 vierundzwanzig Jüdinnen und Juden, die in Leipzig den Holocaust überlebt hatten, die Israelitische Religionsgemeinde wieder. Durch die Rückkehr Überlebender aus Theresienstadt und anderen Konzentrationslagern sowie der Zuwanderung von Displaced Person (DPs) aus Polen entstand ein neues jüdisches Leben. Im Oktober 1945 wurde der neu eingerichtete Hauptraum der ehemaligen Talmud-Tora-Synagoge in der Keilstraße als Gemeindesynagoge geweiht.

Bis zum Juli 1949 stieg die Mitgliederzahl der jüdischen Gemeinde auf 340 Personen. Ende 1952 setzte eine von SED-Führungskreisen initiierte antizionistische und antisemitische Kampagne ein. Mitte Januar 1953 flüchteten zwei Vor­standsmitglieder der Israelitischen Religionsgemeinde nach Berlin (West), ihnen folgten etwa 50 Gemeindemitglieder nach. Der Schrumpfungsprozess der jüdischen Gemeinde setzte sich unaufhaltsam fort. Im November 1989 hatte sie nur noch 35 Mitglieder.

Im Zuge der deutschen Vereinigung kamen Juden aus der ehemaligen Sowjetunion auch nach Leipzig. 1991 wurden die ersten Zuwanderer in die jüdische Gemeinde aufgenommen. Die Zu- wanderung legte das Fundament für eine Renaissance jüdischen Lebens. Im Juni 2017 hat die Israelitische Religionsgemeinde 1237 Mitglieder.

Von Steffen Held

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