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Novemberpogrom 1938 und das Entstehen einer Erinnerungskultur

Katastrophe vor der Katastrophe Novemberpogrom 1938 und das Entstehen einer Erinnerungskultur

Am 10. November 1938 gegen 1 Uhr erhielt der politische Leiter der NSDAP in Leipzig, der Kreisleiter, die Information, sofort Maßnahmen gegen Juden zu orga­nisieren. Die Gewalt eskalierte, traf schließlich die Menschen.

Erinnerung an den 9. November 1938: An der ehemaligen Großen Gemeinde­synagoge wird jedes Jahr der Opfer der Pogromnacht gedacht.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Als am 7. November 1938 Nachrichten über Pistolenschüsse, die ein junger Jude auf einen Mitarbeiter der Deutschen Botschaft in Paris abgefeuert hatte, in Deutschland verbreitet wurden, organisierten regio­nale NSDAP-Führungen in Kurhessen und Magdeburg-Anhalt antijüdische Ausschreitungen. Als Goebbels davon erfuhr, notierte er in sein Tagebuch: „Die Synagogen werden niedergebrannt. Wenn man jetzt den Volkszorn einmal loslassen könnte!“ Am 9. November starb der Botschaftsmitarbeiter an den Schussverletzungen. Am Abend sprach Goebbels mit Hitler. Man kam überein, die Übergriffe „weiterlaufen“ zu lassen und auszudehnen.

Am 10. November 1938 gegen 1 Uhr erhielt der politische Leiter der NSDAP in Leipzig, der Kreisleiter, die Information, sofort Maßnahmen gegen Juden zu orga­nisieren. Synagogen sollten niedergebrannt werden. Vom NS-Kraftfahrkorps (NSKK) wurden mehrere Gruppen gebildet, die sich mit gefüllten Benzinkanistern zu festgelegten Zielen aufmachten. Etwa 80 Meter entfernt von der NSDAP-Kreisleitung in der Gottschedstraße stand die Hauptsynagoge. Gegen 3.30 Uhr steckten NSKK-Angehörige die Synagoge in Brand. Dann wurden die Ez-Chaim-Synagoge in der Otto-Schill-Straße und Gebäude auf dem Neuen jüdischen Friedhof niedergebrannt. Auch im Konfektionshaus Bamberger & Hertz am Augustusplatz legten SA-Männer ein Feuer. Hier handelte es sich um eine eigenmächtige, nicht angeordnete Tat. Deshalb griff die Feuerwehr direkt ein und löschte den Brand, während bei den Löscheinsätzen an den Synagogen nur die angrenzenden Gebäude geschützt wurden.

Gewalt gegen Geschäfte, Wohnungen, Menschen

Die Gewalt griff auf Wohnungen und Geschäfte von Juden über, und schließlich traf es die Menschen selbst. In der Nordvorstadt, im Bereich Löhrstraße (damals Walter-Blümel-Straße), Nord-, Humboldt-, Keil-, Ufer- und Pfaffendorfer Straße wurden jüdische Kinder und Erwachsene in das ausgemauerte Flussbett der Parthe getrieben und stundenlang festgehalten. Zwei jüdische Leipziger, der Arzt Felix Cohn und der Geschäftsmann Rachmiel Preismann, wurden ermordet.

Als der Pogrom einsetzte, war die Gestapo noch nicht einbezogen. Als Himmler informiert wurde, ordnete er die Verhaftung von einigen Zehntausend deutschen beziehungsweise staatenlosen Juden an. Gegen 7 Uhr begann in Leipzig eine Verhaftungswelle. Annähernd 550 Juden wurden verhaftet. Von ihnen wurden etwa 350 jüdische Männer in den Konzentrationslagern Buchenwald und Sachsenhausen inhaftiert. Mindestens 12 Leipziger starben unter den Haftbedingungen.

Der 9. November 1938 steht symbolhaft für die Verfolgung der Juden in der Zeit des Nationalsozialismus und markiert den Anfang der Auslöschung jüdischen Lebens in Deutschland. In der historischen Betrachtung war der Pogrom die „Katastrophe vor der Katastrophe“. Er bildete die Zäsur auf dem Weg in die nach dem Überfall auf die Sowjetunion einsetzende Vernichtung europäischer Juden.

Gedenkstein in der Gottschedstraße

Die Aufarbeitung des Holocausts als Zivilisationsbruch geschah nach 1945 in Ost- und Westdeutschland nur zögerlich. Juden blieben lange allein in ihrem Gedenken. Es verstrichen fast drei Jahrzehnte, bis in Leipzig begonnen wurde, den 9. November 1938 als Gedenktag in die lokale Erinnerungskultur aufzunehmen. Am 10. November 1966 wurde am Rande des ehemaligen Synagogengrundstücks in der Gottschedstraße ein bescheidener Gedenkstein eingeweiht. Seitdem kommen hier jedes Jahr Juden und Nichtjuden im Gedenken zusammen. 2001 weihte die Stadt Leipzig die Erinnerungsstätte am Ort der Großen Synagoge ein.

Einen Meilenstein auf dem Weg zu einem lokalen Erinnerungsort ist der jüdisch-christliche Gedenkgottesdienst in der Thomaskirche. 1978 fand er erstmals statt und seit 1980 wird jährlich an den November-Pogrom erinnert. Zehn Jahre später entstanden weitere Erinnerungszeichen – an der ehemaligen Höheren Israelitischen Schule in der Gustav-Adolf-Straße (seit 1954 Sitz der Zentralbücherei für Blinde) wurden im Auftrag Leipzigs eine Ge­denktafel und an der Parthe ein von evangelischen und katholischen Kirchgemeinden initiierter Gedenkstein eingeweiht. Wichtige Impulse in der Erinnerungsarbeit setzt seit den 1970er-Jahren die Jüdisch-Christliche Arbeitsgemeinschaft. Nachdem 2006 die ersten „Stolpersteine“ in Leipzig verlegt wurden, entwickelte sich eine neue Form lebendigen Erinnerns: die Aktion „Stolpersteine putzen“.

Von Steffen Held

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