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„Nicht jede Operation ist sinnvoll“ - KV-Chef Heckemann im Interview

Chancen und Risiken ambulanter Eingriffe „Nicht jede Operation ist sinnvoll“ - KV-Chef Heckemann im Interview

Er ist Arzt, aber kein gewöhnlicher. Als Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen (KV) spricht Dr. Klaus Heckemann für alle niedergelassenen Mediziner im Freistaat, mischt auch in der deutschen Gesundheitspolitik mit. Zum Auftakt unserer Serie sprachen wir mit ihm über die Vorteile und Grenzen ambulanter Operationen.

Dr. Klaus Heckemann spricht im Interview über die Vorteile und Grenzen ambulanter Operationen.

Quelle: dpa / LVZ

Dresden. Er ist Arzt, aber kein gewöhnlicher. Als Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen (KV) spricht Dr. Klaus Heckemann für alle niedergelassenen Mediziner im Freistaat, mischt auch in der deutschen Gesundheitspolitik mit. Zum Auftakt unserer Serie sprachen wir mit ihm über die Vorteile und Grenzen ambulanter Operationen.

Herr Dr. Heckemann, gestatten Sie, dass ich Ihnen erst mal die typische Arztfrage stelle: Wie geht es Ihnen?

Danke, ich bin ganz zufrieden.

Das freut mich. Aber angenommen, Ihr Knie schmerzt und Ihr Orthopäde rät zu einer ambulanten Gelenkspiegelung: Würden Sie darauf eingehen oder lieber das Krankenhaus wählen?

Ich würde mir zunächst sehr gut über­legen, ob die OP überhaupt nötig ist – in dieser Beziehung bin ich sehr kon­servativ. Aber wenn der Eingriff unbedingt sein muss und ich weiß, dass ich danach zu Hause gut versorgt werde, dann würde ich natürlich das Krankenhaus meiden.

Viele Patienten fühlen sich in der Klinik besser aufgehoben.

Es kommt natürlich auf die Art des Eingriffs an. Ich würde zum Beispiel niemandem zu einer ambulanten Geburt raten – da kann es immer passieren, dass das Neugeborene als Notfall ins Krankenhaus muss. Aber wenn das Risiko kalkulierbar ist und das häusliche Umfeld es zulässt, spricht nichts gegen eine ambulante OP. Bei einer Arthroskopie ist das Risiko zum Beispiel vergleichsweise minimal, in der Klinik dagegen die Gefahr einer Infektion mit gefährlichen Keimen selbst bei höchsten Hygienestandards höher.

Haben Patienten denn überhaupt die Wahl zwischen ambulanter und stationärer OP?

Nur eingeschränkt. Die Ärzte werden für die Wirtschaftlichkeit ihrer Leistungen in die Pflicht genommen – und ambulante Eingriffe sind nun mal preisgünstiger. Als Ausnahme gilt nur, wenn ein Krankenhausaufenthalt unbedingt nötig ist, etwa wegen schwerer Nebenerkrankungen. Will ein Patient ohne triftigen Grund partout ins Krankenhaus, muss das die Kasse vorher genehmigen.

Zur Person

Dr. Klaus Heckemann (59) ist seit 2005 Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen (KVS). Der Allgemeinmediziner arbeitet einen Tag pro Woche für die Praxis seiner Frau in Dresden und besucht dabei in der Regel ein Pflegeheim. Im Gemeinsamen Bundesausschuss von Kassen und Ärztevertretern wirkt er an der Bedarfsplanung und der Arzneimittelnutzenbewertung mit. Die KVS versteht sich als Dienstleister für Vertragsärzte und Vertragspsychotherapeuten sowie Patienten in Sachsen und stellt die ambulante ärztliche Versorgung in Sachsen sicher.

Die Zahl der ambulanten OPs steigt, ohne dass die stationären Fälle weniger werden. Wie erklären Sie sich das?

Wenn eine Operation notwendig ist, etwa bei einem Meniskusriss, dann muss das natürlich gemacht werden. Aber viele Eingriffe haben ihren Grund in degenerativen Erkrankungen, und immer weniger Menschen wollen akzeptieren, dass an ihrem Körper im Alter nicht mehr alles so funktioniert wie früher. Auch Ärzte folgen vielleicht in manchen Fällen diesem mechanistischen Menschenbild nach dem Motto: Ich will meinem Patienten helfen, und da kann man doch was machen. Ich finde das zumindest dort grenzwertig, wo die Nutzen-Risiko-Abwägung unklar ist.

Also die Schmerzen hinnehmen?

Der Mensch altert, das ist nun mal so. Die Gelenke nutzen sich ab, die Augen sehen nicht mehr so scharf. Viele glauben dann, mit einer OP ist das Problem schnell erledigt – und vergessen, dass es einem hinterher im Einzelfall auch schlechter gehen kann. Besonders bei den orthopädischen Eingriffen kommt noch das Problem dazu, dass nach der OP meist eine aufwendige physiotherapeutische Rehabilitation erforderlich ist. Hier muss der Patient dann aktiv mitmachen, denn mit den gern akzeptierten Massagen ist es da nicht getan.

Gibt es für ambulante Operationen überhaupt ein finanzielles Limit?

Nein. Im Gegensatz zu anderen ambulanten Behandlungen gelten bei OPs keine begrenzenden Budgets.

Und medizinisch?

Wie gesagt: Es ist oft schwer zu entscheiden, ob eine Operation Sinn macht oder nicht – in der Medizin gibt es selten ein klares Ja oder Nein. Beispiel Grauer Star: Nutzt dem 80-jährigen Patienten im Pflegeheim, der demenzbedingt weder liest noch fernsieht und zudem diverse Nebenerkrankungen hat, eine solche Operation? Wohlgemerkt: Das hat nichts mit Priorisierung oder gar Rationierung zu tun. Das Vorgehen auf der ärztlichenSeite sollte immer danach ausgerichtet sein, wie man für sich selbst oder seine Eltern entscheiden würde.

Werden Ärzte für ambulante OPs hinreichend bezahlt?

Es mag ein paar Ausnahmen geben, aber im Allgemeinen ist das Honorar hier eher angemessen als bei den sonstigen ambulanten ärztlichen Leistungen. Das gilt vor allem deshalb, weil die Operationsleistungen nicht budgetiert sind, also der Arzt, wie sonst leider nicht üblich, Mehrarbeit auch bezahlt bekommt. Das ist auch eine gewisse Erklärung dafür, warum immer mehr Ärzte ambulant operieren. Eine andere Frage und ein Ärgernis ist die teils erhebliche Diskrepanz zu den Krankenhäusern: Diese erhalten in bestimmten Fällen für die gleichen Leistungen eine unverhältnismäßig höhere Vergütung, wenn sie im stationären Bereich erbracht werden.

Krankenhäuser müssen ihre Qualität penibel dokumentieren. Warum gilt das nicht für niedergelassene Ärzte?

Das stimmt so nicht. Auch viele niedergelassene Ärzte müssen Qualitätsnachweise bringen. Nehmen wir als Beispiel die – auch als ambulante Operation zählende – Koloskopie. Hier muss der niedergelassene Arzt, bevor er die Leistung überhaupt abrechnen darf, erst einmal nachweisen, dass er 200 Koloskopien und 50 Polyp-abtragungen selbstständig erbracht hat. Außerdem muss er dann jährlich 200 Koloskopien und zehn Polypektomien erbringen. Des Weiteren muss dann noch in einer Stichprobenprüfung die Video-dokumentation vorgelegt werden. Das gibt es bisher für Krankenhäuser nicht.

Trotzdem: Patienten haben praktisch keine Chance, Erfahrung und Können eines niedergelassenen Arztes zu beurteilen. Woran können sie sich bei der Wahl einer Praxis orientieren?

Im Krankenhaus weiß der Patient meist nicht, wer ihn operieren wird – in der Praxis aber sehr wohl. Ich empfehle möglichst nur Ärzte, zu denen ich auch selbst im Falle eines Falles gehen würde. Etwas problematisch ist das aber, da der überweisende Arzt so in den Verdacht kommen könnte, für diese Empfehlung irgendeine Gegenleistung zu bekommen. Außerdem sind solche Empfehlungen berufsrechtlich bedenklich. Deshalb sollte man nach Möglichkeit mehrere Ärzte empfehlen. Aber vielleicht kann die aktuelle große Patientenumfrage Ihrer Zeitung auch mithelfen, die Entscheidung zu erleichtern. Deshalb haben wir die Aktion auch gern unterstützt.

Interview: Steffen Klameth

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