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Der Brexit ist da – Briten in Leipzig sind schockiert

EU-Austritt Der Brexit ist da – Briten in Leipzig sind schockiert

Lange Gesichter in Leipzig nach dem Brexit-Votum in Großbritannien. Vor Ort lebende Briten und Händler englischer Artikel befürchten Preissteigerungen bei Produkten von der Insel und Probleme bei der Einstellung englischen Personals.

Susanne Weingarten (30), Inhaberin des Englandladens in der Leipziger Gottschedstraße, sieht dem Brexit mit gemischten Gefühlen entgegen. Sie fürchtet nun, dass wieder Zölle auf ihre Waren aus England aufgeschlagen werden.

Quelle: Dirk Knofe

Leipzig.  Lange hatte es sich angebahnt. Nun haben die Briten entschieden. Rund 52 Prozent der Wähler sprachen sich gegen einen Verbleib in der EU aus – mit unabsehbaren Folgen für Wirtschaft, Handel, Arbeitsplätze und Studienmöglichkeiten auf beiden Seiten des Ärmelkanals.

Derzeit leben wenige Briten in Leipzig – 2015 waren es 1002 Bürger aus dem Vereinigten Königreich. Ihr Anteil an Menschen mit ausländischer Herkunft liegt bei 1,4 Prozent.

Hohe Preise bei englischen Produkten, unsichere Jobs

Große Enttäuschung gab es auch am Morgen in Leipzig nach dem Brexit-Votum. Vor Ort lebende Händler englischer Artikel befürchten Preissteigerungen bei Produkten von der Insel, profitieren vorläufig aber beim Einkauf der Waren vom sinkenden Kurs des britischen Pfunds. Englische Sprachschulen sehen künftig Probleme bei der Einstellung britschen Personals.

Unklar sei künftig bei vielen Angestellten mit britischem Pass, wie lange sie sich in Deutschland aufhalten könnten. Deshalb wollen sie mehr auf Freiberufler und auf Muttersprachler aus dem englischsprachigen Ausland setzen, bei denen der Aufenthalt geklärt sei. Die Äußerungen irischer und schottischer Politiker, eine Rückkehr in die EU anstreben zu wollen, sehen sie positiv.

Die Briten wollen raus aus der EU - und was sagen sagen die Leipziger zu der Entscheidung? Wir haben uns in der Innenstadt umgehört, was Leipziger zum Thema Volksentscheid, EU-Skepsis und Effekte in Richtung Rechtspopulismus denken. Foto: Dirk Knofe

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Brexit: „Anfang vom Ende der EU“

„Ich habe den Brexit vorausgesehen. Leider habe ich Recht behalten“, sagte James Parsons, Gründer und Inhaber der ICC Sprachschule in Leipzig. „Das war eher eine emotionale Entscheidung, als eine, bei dem rationale Argumente eine Rolle gespielt haben“, ist sein Fazit. Noch vor Kurzem war der Wahlleipziger mit britischem Pass in England und hat die Stimmung eingefangen. Für die Briten sei die Flüchtlingsfrage zentrales Thema bei der Abstimmung gewesen.

Die Brexit-Befürworter hätten mit ihren Argumenten die Angst in der Bevölkerung erfolgreich geschürt, die Zuwanderung würde zu einem Missbrauch von Sozialleistungen führen, zu einer Verschlechterung der Situation im ohnehin überlasteten Gesundheitssektor, sowie zu weiteren Mietsteigerungen in den Städten. Die Konsequenzen seien ein gespaltenes Land und die Talfahrt an den Börsen. Auch wenn Parsons glaubt, dass Schottland und Irland den Weg zurück in die Eurozone antreten werden, ist der Brexit für ihn „der Anfang vom Ende der EU“.

Englischer Schulleiter will deutschen Pass beantragen

Im Bildungssektor würden sich die Rahmenbedingungen verschlechtern, die Bürokratie zunehmen. „Künftig wird es für Studenten aus der EU und Großbritannien schwieriger, dort zu studieren, wo sie wollen“, sagte der Gründer der Leipziger Sprachschule. Auch die Personalsuche und die Festanstellung von Lehrern gestalte sich schwieriger, da bei vielen die Aufenthaltssituation ungeklärt sei. „Bevor ich nun jemanden aus Großbritannien einstelle, entscheide ich mich zuerst für Lehrer aus Kanada, den USA, Malta, Schottland oder Irland“, sagte Parsons.

Nach dem Referendum in seinem Heimatland überlegt der Brite, seinen englischen Pass abzugeben und einen deutschen zu beantragen. „Für mich ist das ab heute tatsächlich eine Option. Ich bin geschäftlich viel in Tschechien, Polen, Italien, Deutschland unterwegs – das Reisen mit einem deutschen Pass wird künftig einfacher sein."

EU-Austritt ist ein Schock

Für die Inhaberin der Leipziger Sprachschule „ The English Room“ Victoria Johnston und ihren britischen Mann, Ian Johnston, kommt der Brexit trotz Vorzeichen unerwartet. „Wir sind schockiert und hätten diese Entscheidung nicht erwartet.“ Mit den Schotten hat die Geschäftsführerin Mitleid, da diese erst vor Kurzem für einen Verbleib in der Union mit England gestimmt hätten, nun aber zurück in die EU wollten.

Mit Blick auf ihre Sprachschule prognostiziert sie, dass es künftig schwieriger werde, gutes Personal zu finden und zu halten. Derzeit sind in der Sprachschule in der Käthe-Kollwitz-Straße zwei Festangestellte und 16 Freiberufler tätig – letztere sind zu je 50 Prozent Briten und Amerikaner. Einige langjährige Mitarbeiter hätten gerade erst ein Visum beantragt, bei den anderen, die vor Kurzem neu angefangen hätten, sei ein weitere Beschäftigung wegen der unklaren Situation in Zukunft ungewiss.

Englische Produkte derzeit billiger

Für Susanne Weingarten, Inhaberin des Englandladens in der Gottschedstraße – einem Geschäft, in dem es Marmelade, Waffeln und Tee von der königlichen Insel zu kaufen gibt – ist es ein „trauriger Tag für die EU, England und besonders die jungen Briten.“ Sie hatte mit einem knappen Sieg der EU-Befürworter gerechnet. Dass die Schotten und Iren den Weg zurück in die EU finden, hält Weingarten für nicht ausgeschlossen, verweist aber auf Schwierigkeiten. „Dieser Weg wird steinig und lang, da zuerst der britische Premier sein ’ja’ zu so einem Schritt geben muss.“

Weingarten befürchtet nach dem EU-Austritt höhere Preise bei eingeführten Waren, Steigerungen bei der Mehrwertsteuer und die Einführung von Binnenmarkt-Zöllen. „Der Wertverlust des englischen Pfunds ist erstmal gut für uns“, räumte die Unternehmerin ein, die englische Produkte derzeit billiger auf dem Markt einkaufen kann.

Von Oliver Tim Becker

Leipzig 51.339695 12.373075
Leipzig
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