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Illustration zur Bundestagswahl 2017 in Leipzig
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Darum haben die Leipziger so gewählt

Bundestagswahl 2017 Darum haben die Leipziger so gewählt

Sören Pellmann gewinnt das Direktmandat im Leipziger Süden, die AfD ist in manchen Wahlbezirken stärkste Kraft, die SPD kommt nicht über 16 Prozent – warum hat Leipzig so gewählt? LVZ.de hat recherchiert.

Wie kam das Leipziger Wahlergebnis zustande. LVZ.de hat recherchiert.
 

Quelle: Christian Modla

Leipzig. Der linke Direktkandidat Sören Pellmann gewinnt im Leipziger Süden und setzt sich gegen Thomas Feist (CDU) durch. Die AfD ist in manchen Bezirken stärkste Kraft, die SPD kommt nicht über 16 Prozent – warum hat Leipzig so gewählt?

Warum ist die AfD in manchen Ortsteilen so stark?

28,4 Prozent in Lausen-Grünau, 27,6 Prozent in Paunsdorf, 26,2 Prozent in Schönau: In diesen Leipziger Ortsteilen holte die AfD die meisten Erststimmen, ebenso in Grünau-Mitte (25,7 Prozent), Grünau-Nord (28,7 Prozent) und Mockau-Süd (26,2 Prozent). Welche Erklärungen gibt es dafür? „In den sozial schwachen Regionen ist die AfD eine starke Partei. Die Wähler sind unzufrieden und wählen deswegen aus Protest AfD“, sagt Hendrik Träger, Politikwissenschaftler an der Uni Leipzig und Spezialist in Sachen Parteien und Wahlen. „Die Leute wählen nicht aus 100 Prozent inhaltlicher Überzeugung, sondern vor allem aus Unzufriedenheit.“ Insgesamt seien die Menschen in den neuen Bundesländern nicht auf eine Partei festgelegt, der sie über Jahre treu bleiben. „In Grünau waren früher die Linken sehr stark. Dass nun die AfD, also das andere Extrem, dort so viele Stimmen holt, deutet auf Protestwähler hin. Die Wähler sind sehr wechselbereit.“

Grünau

Ähnliche Erfahrungen haben auch die Leute gemacht, die täglich in Kontakt mit den Bewohnern der einzelnen Stadtteile stehen. So wie Antje Kowski. Die Stadtteilmoderatorin des Quartiersmanagements Grünau schließt auf eine reine Protestwahl der Grünauer. Viele der Bewohner stehen nach Kowskis Erfahrung nicht hinter den Inhalten der AfD, fühlen sich aber mit ihren Problemen von der aktuellen Politik im Stich gelassen. Wie an den Ergebnissen in Sachsen und deutschlandweit zu erkennen ist, sei es aber kein reines Problem dieser Stadtteile, sagt die Quartiersmoderatorin weiter. Gerade in Grünau-Mitte sei zu sehen, wo die Ursachen liegen: Viele Bewohner gehen arbeiten und müssten dennoch aufstocken. Zudem wurde Grünau in die Liste der gefährlichen Stadtteile in Leipzig aufgenommen. „Die Bewohner haben aber seit Wochen deutlich weniger Polizeipräsenz wahrgenommen“, so Kowski. Es gebe spürbar keine Hilfe – sie fühlten sich schlichtweg alleingelassen mit ihren Problemen. Darüber habe sich die Stadtteilmoderatorin erst am Montagmorgen mit zwei Anwohnern unterhalten.

Stadtteilmoderatorin in Grünau

Stadtteilmoderatorin in Grünau: Antje Kowski.

Quelle: André Kempner

Zusätzlich belaste Grünau ein vermehrter Migrantenzuzug. „Die Bewohner fühlen sich von der aktuellen Regierung nicht mehr ernst genommen“, sagt Kowski. Daher wählten sie die AfD, deren zentrales Thema nun einmal die Neuordnung der Asylpolitik in Deutschland sei. Was die Stadtteilmoderatorin positiv überraschte, war die hohe Wahlbeteiligung. Während vor vier Jahren im Schnitt etwa 50 Prozent an die Urnen gingen, gaben nun annähernd 70 Prozent der Grünauer ihre Stimmzettel ab. Diese Wahl habe also auch viele frühere Nicht-Wähler mobilisiert, sagt Kowski.

Schönefeld

In Schönefeld-Abtnaundorf holte die AfD 21 Prozent der Zweitstimmen, in Schönefeld-Ost 24,7 Prozent. Der Vorsitzender des Bürgervereins Schönefeld, Karsten Tran, empfindet das Ergebnis persönlich als „schlimm“ und „gefährlich“. Er führt die Ergebnisse auf die fehlende Basisarbeit der Parteien zurück. Dabei sei es auch egal, um welche Partei es geht. „Es wird den Bürgern nicht vermittelt, warum Entscheidungen getroffen wurden“, sagt Tran. Darum helfe nicht, vor der Wahl aus der Versenkung zu kommen, wenn die Präsenz in der Zwischenzeit fehlte. Zudem habe die Konkurrenz versucht, die AfD aus dem Blickfeld zu drängen, obwohl sie die ganze Zeit da war. Ähnliches beobachtet Politikwissenschaftler Träger hinsichtlich der hohen AfD-Ergebnisse im ländlichen Raum. „Dort findet Politik nicht wirklich statt, in dieses politische Vakuum ist die AfD eingetreten.“

Liebertwolkwitz

Für Roland Geistert, Ortsvorsteher (Liebertwolkwitzer Unabhängige Vereinigung) und Vorsitzender des Heimatvereins, ist das Ergebnis eine Befürchtung, die absehbar war. Bis 2 Uhr morgens saß er am Wahlabend vor den Zahlen und wertete die Ergebnisse aus. Sein Rückschluss: „Schuld ist die allgemeine Politikverdrossenheit der Wähler.“ An Liebertwolkwitz sei das besonders gut zu sehen, sagt Geistert: Zwar habe die AfD in dem Stadtteil mit 29,1 Prozent bei den Zweitstimmen den dritthöchsten Wert in Leipzig erreicht, doch sei sie bei den Erststimmen hinter der CDU und Linkspartei gelandet.

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Wie hat Ihr Stadtteil gewählt? Hier finden Sie unsere interaktive Karte zur Wahl.

Warum konnte Pellmann sich im Süden gegen die sonst starke CDU durchsetzen?

Die Überraschung des Wahlabends: Linken-Direktkandidat Sören Pellmann gewinnt im Leipziger Süden das Direktmandat und setzt sich gegen Thomas Feist von der CDU durch. „Der Wahlkreis Süd ist ein besonderer, sehr vielgestaltiger Wahlkreis“, sagt Träger dazu. „Dort nehmen sich SPD, Linke und Grüne traditionell gegenseitig die Stimmen weg. Das hat der CDU in der Vergangenheit oft genutzt.“ In Connewitz und der Südvorstadt seien die Linken traditionell sehr stark. „Dieses Jahr könnten die Wähler sich gesagt haben: Wir wollen AfD und CDU schwächen“, so Träger. Deswegen könnten viele, die sonst zu SPD oder Grünen geneigt hätten, mit der Erststimme links gewählt haben.

Sören Pellmann jubelte am Sonntagabend über seinen Einzug in den Bundestag

Sören Pellmann jubelte am Sonntagabend über seinen Einzug in den Bundestag.

Quelle: Christian Modla

Für eine strategische Wahl vieler Bürger spricht auch die Aktion #CDUMandatabnehmen der Leipziger Linken. „Lasst uns das Ziel #CDUMandatabnehmen strategisch angehen - #r2g sollte sich in #Leipzig nicht weiter die Stimmen abnehmen“, twitterte Linken-Direktkandidatin Franziska Riekewald am 8. September. Norman Volger, Grünen-Stadtrat in Leipzig, teilte die Aktion auf Facebook: „Wer nicht will, dass Feist den Leipziger Süden vertritt, muss sinnvoll wählen.“ Auch Monika Lazar, Bundestagsabgeordnete der Grünen, solidarisierte sich mit der Aktion und gratulierte Pellmann nach der Wahl.

Und die SPD?

Im Bund fuhr die SPD das schlechteste Ergebnis seit dem Zweiten Weltkrieg ein. In Leipzig kam die Partei in keinem Bezirk über 16,2 Prozent. „Leipzig wird gerne als sozialdemokratische Hochburg bezeichnet, weil dort seit 1990 alle Bürgermeister der SPD angehören. Das waren aber alles Personenwahlen. Bei den Parteiwahlen war die SPD nur sehr selten die stärkste Partei. Das schwache Ergebnis in Leipzig kann auch den Bundestrend widerspiegeln. Wenn aus Berlin kein Rückenwind kommt, dann ist es schwierig. Zudem haben wir in Leipzig insgesamt ein sehr hart umkämpftes Linksmilieu. Grüne, Linke und SPD nehmen sich gegenseitig die Wähler weg“, sagt Träger.

Von Sophie Aschenbrenner und Mathias Schönknecht

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