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Illustration zur Bundestagswahl 2017 in Leipzig
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Stippvisite in Leipziger Wahllokalen

Bundestagswahl in Leipzig Stippvisite in Leipziger Wahllokalen

Der Urnengang lief am Sonntag in den Leipziger Wahllokalen entspannt an. Wie die LVZ bei Kurzbesuchen in Wahllokalen in Wahren, Möckern und in der City erfuhr, hatten viele Messestädter bereits vorab die Briefwahl genutzt.

er Hausherr als einer der ersten an der Wahlurne: Pater Josef gestern morgen im zum Wahllokal umfunktionierten Konvent St. Albert in Wahren.
 

Quelle: Christian Modla

Leipzig. Für den Urnen-Gang der Wahrener öffnete am Sonntag um 8 Uhr auch wieder der Dominikaner Konvent St. Albert seine klösterlichen Pforten. Erleuchtet war er schon früher: Das siebenköpfige Wahlhelferteam um Sandra Kemkemer im Lokal Nr. 80111 etwa Unterlagen, schob jene abgeschirmten Kabinen, in denen man blickdicht die Kreuze machen sollte, zurecht. „Bitte so, dass auch niemand von oben, von der Galerie draufschauen kann!“, wies Kemkemer hin. Gegen 7.30 Uhr, nahezu feierlich, verpflichtete die Stadtangestellte ihre Ehrenamts-Crew: „Sie sind von der Stadt als Wahlhelfer berufen worden. Dadurch ergibt sich die Pflicht zur unparteiischen Wahrnehmung Ihres Amtes und zur Verschwiegenheit über die Ihnen bei Ihrer amtlichen Tätigkeit bekannt gewordenen Angelegenheiten!“. Die Runde quittierte mit Nicken, und ging – ein jeder an dem ihm zugedachten Platz – in Stellung.

Wählen im Kloster

Maximilan Groß zum ersten Mal. Selbst wähle er ja auch. Schon, um all dem, was so links- und rechtsextremistisch ist, keine Chance zu geben. „Aber nun wollte ich auch wissen, wie so etwas hier abläuft“, so der 19-Jährige. Und klar, die 25 Euro Aufwandsentschädigung für seinen gut halbtägigen Einsatz, die ergänzten auch ganz gut das heimische Sparkonto, bekannte der Schüler. Kemkemer hingegen machte diesen Wahl-Job, bis auf kleine Unterbrechungen, seit 1992. „Die Gassigeher und die Pater, das sind für gewöhnlich die ersten, die kommen“, meinte sie. Und tatsächlich war der Hausherr, Kloster-Prior Pater Josef, punkt Acht der erste mit auf der Matte. Allerdings keine Kunst: Er war garantiert der Leipziger mit dem kürzesten Weg zur Wahlurne. „Von meinem Zimmer hier oben drüber bis hierher sind es acht Meter!“, sagte er. „Sein“ Kloster für die Ausübung eines großen bürgerlichen Grundrechts zur Verfügung zu stellen, wo man doch ein wichtiger Teil der Stadtgesellschaft sei, „ist uns aber selbstverständlich Freude und Ehre“. Stress für die Klosterbrüder diesmal aber auch. Denn da, wo gestern die Wahlkabinen standen, hatten Samstag bis gen Mitternacht noch rund 70 junge Messdiener aus ganz Deutschland einen Spieleabend verbracht. Es galt hernach alle Stühle aus dem Saal zu räumen, Pater Josef selbst war erst gegen 0.30 Uhr in die Federn gekommen.

Kaum, dass der Prior nun seine Kreuze gemacht hatte, hatte er auch schon um 8.15 Uhr zum Gottesdienst zu eilen. Wahrens Wähler indes hatten es (noch) nicht eilig. Zunächst stellten sich zwei ein: Christa Hübner, „weil es meine Bürgerpflicht ist und ich schon seit 30 Jahren meine Partei wähle. Aus Überzeugung! Auch wenn es mal Querelen gibt. Die haben andere auch!“, wie die 76-Jährige resolut erklärte. Und Karl Wodarski (67), „weil man ja irgendwie die Richtung mitbestimmen muss“, die das Land künftig nehmen sollte. Wer was wählte, verriet keiner. Immerhin, einem Kollegen, der im Auftrag von infratest dimap für die ARD im Kloster seinen Stand aufgebaut hatte, konnten es die Wähler anonym anvertrauen.

Marktleiter wird zum Wahlleiter

In die vier Wahllokale im Heisenberg-Gymnasium drängte es die Möckerner hingegen schon von Anfang an sehr rege. „Der erste Wähler kam schon 7.30 Uhr“, berichtete Walter Ebert. Leipzigs Marktamtschef hatte hier im Lokal Nr. 8071 zur Abwechslung (erstmals!) als Wahlleiter den Hut auf. Und mit den Seinen bissel mehr zu tun als anderswo. „Wir sind zusätzlich ,repräsentatives Wahllokal’, erfassen für die statistische Auswertung gesondert noch Geburtsjahrgangs-Gruppen und Geschlecht der Wähler“, erklärte er. Geschäftig dazwischen: Hausmeister Lutz Hoffmann (57). Er hatte schon früh um 6 die versiegelten Container mit den Wahlunterlagen im Gymnasium angenommen, hatte abends, als die letzte Stimme ausgezählt war, auch als letzter das Licht wieder auszuknipsen. Zwischendurch wolle er aber unbedingt auch selbst mal in „sein“ Gohliser Wahllokal düsen, um seine Kreuze zu machen, ließ er wissen. Er halte nämlich nix von den Typen, die nicht wählen gehen, „und hinterher über alles meckern“.

 „Wir gehen wählen, seit wir 18 sind“, versicherten vor Ort denn auch Sarah und Robert Gey (beide 27). „Die politische Mitbestimmung ist uns wichtig, zumal jetzt, wo in unserem Land soviel los ist. Da liegt uns schon daran, dass hier alles in den richtigen Bahnen bleibt. Gerade auch für uns als junge Familie.“ Die beiden 27-Jährigen hatten bewusst ihr Zweimonate-Baby und die dreijährige Tochter dabei. „Wir wollen da auch unbedingt Vorbild für unsere Kinder sein, damit sie später solche Wahlen ebenfalls ernst nehmen“, sagten sie, derweil sich an ihnen ein betagter, etwas korpulenter Herr mit Gattin vorbeischob. Noch im Schulflur wird sie deutlich vernehmbar von ihm vergattert, ihre Kreuze auch ja bei der Partei mit dem großen A vorn dran zu setzen. Sie nickt stumm. Und zu beobachten ist auch, wie schwer es im Heisenberg-Gymnasium Wähler haben, die nicht mehr gut zu Fuß sind: Eine ältere Dame bewältigt die Eingangstreppen mit ihrem Rollator nur unter Mithilfe der Bevölkerung. „Optimal gelöst ist das hier nicht“, monierte auch Siegfried Walther (75), der per Gehstütze unterwegs sein muss.

Justizminister Gemkow im Stadtbüro

Wer in der City etwa im Stadtbüro zu wählen hatte (Lokal 0019), konnte schön ebenerdig reinmarschieren. „Insgesamt 1292 Wahlberechtigte haben wir hier – aber sehr viele haben diesmal bereits die Briefwahl genutzt“, erzählte Leiterin Heidrun Hessel (49), die ansonsten als Sozialarbeiterin des Klinikums St. Georg tätig ist. Ging also im Schnitt für ihre Truppe recht entspannt zu. Auch, wenn die Frauen feststellten, „dass heute doch etliche skeptisch auftreten und ,Wahlbetrug’ argwöhnen“. Die meisten Wähler wären aber ganz freundlich. Und nicht zuletzt war da denn auch ein sächsischer Justizminister „nur“ ein ganz normaler Leipziger Wähler. „Hallo Sie! Wie alt ist das Kind, kann es schon lesen?“, ereilte Sebastian Gemkow flugs der Ruf von Hessel und Mitstreiterin Ariane Böge (30), als er seine älteste Tochter mit in die Kabine nahm. Aber sicher, so eine Zweitklässlerin kann lesen. „Entschuldigung, da sind wir belehrt worden – da ist das Wahlgeheimnis in Gefahr!“, erhellten die Damen. Papa Gemkow kreuzte klaglos also ohne die Kleine an. Die bekam von Hessel zum Trost eine Süßigkeit zugesteckt.

Angelika Raulien

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