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Das Gruselzimmer

Der Absacker Das Gruselzimmer

Ein Tierschädel auf einem Stock, im Hintergrund ein Jesusbild – kann man sich einen schöneren Anblick beim Aufwachen vorstellen? Das Mädchen, das mir sein Hamburger WG-Zimmer für die vergangenen zwei Monate zur Zwischenmiete überlassen hat, anscheinend nicht.

Quelle: Gisela Gramsch

Ein Samstag Ende Juli: Als ich das Zimmer zum ersten Mal betrete, muss ich niesen. Alle Möbelstücke sind mit zwei Decken bedeckt –einer aus Stoff und einer (sehr viel dickeren) aus Staub. Das Zimmer habe ich zuvor nur auf wenig aussagekräftigen Fotos gesehen, was ich aber nicht weiter schlimm fand. „Ist ja auch nur für die zwei Monate Praktikum“, denke ich, als ich meine Taschen abstelle. Auf dem Tisch ein Zettel von meiner Vermieterin. Sie habe eine Schublade für meine Klamotten freigeräumt, steht da. Ich freue mich, aber nur kurz, dann lese ich weiter: Es handelt sich um eine Schreibtischschublade. Naja, immerhin meine Socken haben jetzt ein Plätzchen. Die restlichen Klamotten verteile ich zwischen den zahlreichen Deko-Gegenständen.

Traumfänger mit Fotos von nebelverhangenden Wäldern

Als ich in meiner ersten Nacht im neuen Bett eindöse, fällt plötzlich etwas auf mich. Ich erschrecke und knipse die Kürbislampe an. Der Unruhestifter ist ein Stock, aber nicht der Tierschädelstock, sondern ein anderer, der ebenfalls neben dem Bett steht und den ich beim Umdrehen wohl irgendwie aus der Balance gebracht habe. Der Stock erinnert mich an die DEFA-Verfilmung von „Schneeweißchen und Rosenrot“, die mir als Kind Alpträume bescherte: Darin hat der böse Bergtroll einen Zauberstock, mit dem er einen Stollen zum Einsturz bringt.

Als ich die anderen Dekorationen in Bettnähe genauer betrachte, stellen sich mir die Nackenhaare auf: Über meinem Kopf ist ein vergilbtes Moskitonetz befestigt, das mich im Halbdunkel an ein Spinnennetz erinnert, am Fußende des Bettes hängt ein Traumfänger, an dem Fotos von nebelverhangenen Wäldern baumeln, gleich dahinter der Tierschädel und dann ist da noch dieses düstere Bild an der Tür, auf dem offensichtlich gerade jemand stirbt. Plötzlich steigt der Bergtroll durch das Spinnennetz, reist mir den Stock aus der Hand und zerrt mich unter der Decke hervor. „Du musst abstauben“, kreischt er und schleift mich zu dem Toten. Dann klopft er mit dem Stock auf den Boden und lacht gehässig, während über uns die Decke einstürzt. Ich schreie und wache auf.

Postkarte mit Friedhof

Als das Ende meines Praktikums näher rückt, habe ich mich zwar längst mit meiner neuen Bleibe arrangiert, freue mich aber trotzdem schon wieder auf mein eigenes Zimmer. Eines Tages kommt eine Postkarte - für meine Vermieterin, von ihren Eltern aus dem Urlaub. Vorne ist eine Art Friedhof mit gruseligen Skulpturen abgebildet. Die Eltern haben hinten draufgeschrieben: „Irgendwie mussten wir hier an dich denken.“

Lisa Kutteruf

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