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Ethnologe Olaf Günther: „Begriffe zu tabuisieren ist einfacher, als am Text zu arbeiten“

Diskriminierungsvorwürfe von Studierenden Ethnologe Olaf Günther: „Begriffe zu tabuisieren ist einfacher, als am Text zu arbeiten“

Durch seine Forschungen in den sogenannten Zigeunerwissenschaften weiß Ethnologe Olaf Günther, wie heftig Diskussionen um diskriminierende Begrifflichkeiten sind. Immer wieder hat er mit Rassismus-Vorwürfen von Seiten der Studierenden zu kämpfen. Im Gespräch mit LVZ Campus erklärt er, wieso er deren Argumente meist haltlos findet.

Tsiganologe Olaf Günther hat immer wieder mit heftigen Anschuldigungen und Rassismus-Vorwürfen von Seiten der Studierenden zu kämpfen.

Quelle: privat

Leipzig. Olaf Günther arbeitet als Ethnologe mit dem Schwerpunkt Tsiganologie an der Palacký-Universität im tschechischen Olomouc (Olmütz). Vor einigen Jahren forschte er auch an der Universität Leipzig zu den sogenannten Zigeunerwissenschaften. Immer wieder hat er mit heftigen Anschuldigungen und Rassismus-Vorwürfen von Seiten der Studierenden zu kämpfen. Im Gespräch mit LVZ Campus erklärt er, wieso er deren Argumente aber meist haltlos findet.

Die Benutzung des Begriffes „Zigeuner“ ist in der Öffentlichkeit umstritten, wird teilweise tabuisiert. Wie verhält sich das in der Forschung?

Wann immer wir in der Öffentlichkeit den Begriff „Zigeuner“ benutzen – wohlwissend, dass das der Begriff einer bestimmten Generation ist – werden wir angefeindet. In Deutschland wurde der Begriff „Zigeuner“ von der Generation, die wegen des erlittenen Unrechts in den KZ eine Kompensation gefordert hat, gegen „Sinti und Roma“ ausgetauscht. In 1990ern hat sich dann eine Art Generationswechsel vollzogen – Jugendliche wollten nicht mehr mit dem Opferbegriff ihrer Eltern konfrontiert werden und haben sich wieder in „Zigeuner“ umbenannt. Das waren vor allem Jugendliche zwischen 18 und 25 Jahren, die sich als deutsche Zigeuner sehen, weil sie seit mehr als 600 Jahren hier sind und sich vom Opferdiskurs ihrer Eltern distanzieren wollten. 

Und wie verhält es sich mit „Indianer“?

Ganz ähnlich. Argumentiert wird dann damit, dass das ein kolonialer Begriff sei. Das ist aber totaler Quatsch. In Amerika gibt es viele Leute, die sich „Indians“ nennen und nicht „Native Americans“. Viele in Kanada nennen sich nicht „Native Americans“, sondern „First Nations“. Auch sie benutzen den Indianer-Begriff also vollkommen unproblematisch. Viele der Diskriminierungsvorwürfe sind also eigentlich gar keine, wenn man sich richtig mit dem Thema auseinandersetzt. 

Antidiskriminierungsaktivisten verlangen in der aktuellen Debatte mehr Bewusstsein für bestimmte Gruppen und deren Geschichte. Denken Sie, Begriffe wie „Zigeuner“ könnten dadurch sogar von ihrem Tabu-Etikett befreit werden?

Das kommt auf die Tiefe und Breite der Diskussion an. Aber wir benutzen heute ja auch einige Begriffe, die eine positive Entwicklung durchlebt haben und es geschafft haben, sich von negativen Anhaftungen zu befreien. Zum Beispiel der Juden- oder der Schwulen-Begriff. Beide Begriffe wurden in der Vergangenheit als Schimpfwort benutzt. Juden haben es gleich nach 1945 mit dem Selbstbewusstsein in ihrer Religion geschafft, dass man das Wort wieder benutzen kann, ohne dabei zusammenzuzucken. Das Gleiche gilt für die Schwulenbewegung in den 70er Jahren. Heute ist es kein Problem mehr, Schwuler zu sagen. Wenn man diskriminieren will, muss man ein Schimpfwort hinzufügen, um auszudrücken, dass man den Begriff negativ belegen will. 

Wann hat es ein Begriff also geschafft, sich zu etablieren?

Letztendlich muss man das am Einzelfall festmachen. Der Ton, in dem man spricht, spielt hierbei die wichtigste Rolle, denn durch ihn lässt sich auch die Intention des Gesagten erkennen. Ein gutes Beispiel dafür ist der Sinti-und-Roma-Begriff. Die bloße Änderung des Begriffs von Zigeuner zu Sinti und Roma hat schließlich nicht dazu geführt, dass jemand ein besseres Bild von Zigeunern hat, als er es vorher hatte.

Sprache ist für uns ein unabdingbares Hilfsmittel, um die Welt zu beschreiben. Inwieweit sind also Sprache und Forschung miteinander verzahnt? 

Besonders die Arbeit mit Grundlagentexten zu Beginn der Bachelorseminare zeigt immer wieder, wie wichtig dieses Zusammenwirken ist. Man merkt dann schnell, dass es kleine Gruppen von Studierenden gibt, die aufgrund bestimmter Wörter mit den Texten überhaupt nicht klarkommen. Für die sind das toxische Texte. Begriffe unter quellenkritischer Grundlage zu betrachten, geht für sie nicht. Schon das Vorhandensein des Wortes ist für sie ein Bruch mit ihrer Tabuvorstellung. Andere schaffen Quellenkritik. Für uns Wissenschaftler gilt deswegen: Begriffe, die wir jetzt aufschreiben, müssen von Leuten in 30 Jahren so gelesen werden, dass sie wissen, wie die Gesellschaft von heute getickt hat. Den Schritt in die Vergangenheit zu gehen, fällt vielen aber extrem schwer. 

Gerade von jungen Studierenden ist die Kritik ja besonders heftig. Wie erklären Sie sich das?

Ich habe oft das Gefühl, dass Kritik für viele eben einfacher ist, als die Arbeit am Text. Indem man Begriffe tabuisiert, kann man den Text gleich von sich schieben und muss sich nicht länger damit beschäftigen. 

Und wieso ist die Diskussion in Deutschland gerade jetzt so hitzig geworden?

In Deutschland polarisieren sich derzeit viele Dinge. Das gibt es auf der einen Seite extreme Radikalisierungstendenzen der nationalen Bewegungen, auf der anderen Seite aber auch eine hypochonderartige Art, mit Begriffen umzugehen. Vorreiter waren dafür mit Sicherheit die Debatten in Amerika, Anklang fand das, weil sich in Deutschland derzeit ein ganz besonderer Generationenwandel vollzieht. Vor allem junge Leute zwischen 18 und 25 verwenden einige nationale Begriffe ganz neu. Das ist ein neuer, ziemlich starker Nationalstolz, den es früher so nicht gab und der gefährliche Züge trägt. Hier treffen dann beide Seiten aufeinander. 

In den USA melden sich sogar viele Dozenten in den Diskriminierungs-Debatten nicht mehr zu Wort, aus Angst vor Hetzjagden. Kennst Sie das auch aus dem Kollegium?  

Ja. Mehrere Kollegen in Berlin mussten wegen Dienstaufsichtsbeschwerden, die von Studenten kamen, mit Rechtsanwälten arbeiten. Es gibt Leute, die gar nichts mehr sagen, bestimmte Themen nicht mehr besetzen, weil sie Angst vor der Macht der Studierenden haben. Und es gibt Leute, gerade in der Osteuropa-Geschichte in Berlin, da organisieren sich die Befürworter eines Dozenten gegen die Störer, da kommt es sogar zu Auseinandersetzungen im Seminar und im Hörsaal. Gruppen gehen verbal aufeinander los oder rufen sogar die Polizei. Das ist eine neue Entwicklung, vor zehn Jahren gab es das nicht. Man hat das Gefühl, einer Wortpolizei gegenüber zu sein, die nur darauf wartet, dass dieses eine Wort fällt, und schon geht es los.

Lassen Sie sich davon beeinflussen in Ihrer Art wie Sie unterrichten?

Nein. Alles, was ich sage, hat seine Gründe und wenn man darüber reden will, dann kann man das tun. Aber ich lasse mir nicht von Vornherein bestimmte Begriffe wegnehmen.

Interview: Nadja Neqqache

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