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Finanzdienstleister buhlt mit fragwürdigen Steuertipps um Studenten

Seminare in Leipzig Finanzdienstleister buhlt mit fragwürdigen Steuertipps um Studenten

Der Finanzdienstleister MLP gibt Studenten in kostenfreien Seminaren Tipps für die Steuererklärung. Die Hinweise scheinen zum Teil jedoch fragwürdig – genauso wie die Vermittlung von Seminarplätzen durch studentisch wirkende Anbieter.

Nicht ganz seriöse Tipps für ihre Steuererklärung können sich Studenten bei Seminaren von MLP holen.

Quelle: Maximilian König

Leipzig. Sechster Stock eines schick verglasten Büroturms am Goerdelerring: Draußen glitzert die Fassade der „Höfe am Brühl“ in der Sonne, drinnen blickt sich unsere Studentengruppe im Seminarraum des Finanzmaklers MLP erwartungsvoll an. Ein gut aufgelegter Berater steht vor einem Flipchart und eröffnet das Seminar „Steuertipps für Studierende“ launig: „Das Schöne am deutschen Steuerrecht ist, dass es eine Grauzone ist. Und wir gehen jetzt in diese Grauzone hinein.“

Vor ihm sitzen Studenten, die noch nie etwas von der Steuer abgesetzt und nur wenig vom deutschen Steuerrecht gehört haben. Die in den nächsten zwei Stunden mehrfach darauf hingewiesen werden, bei der Steuererklärung „bitte schön kreativ zu sein“ – zum Beispiel, wenn es darum geht, „ein Arbeitszimmer in der Wohnung zu finden“. Besuche von Freunden und damit verbundene Freizeitausgaben solle man unter einer „Lerngemeinschaft“ verbuchen, Urlaube als „Bildungsreisen“ deklarieren oder Fahrradfahrten zur Uni als Autostrecken geltend machen. Die Zuhörer schreiben fleißig mit. Am Ende des Vortrages verabschiedet sich der Berater mit vielsagenden Worten: „Es gibt in Deutschland mehr Steuersünder als Menschen, die Kinder bekommen.“

Angebliche Hochschulgruppen werben um Studenten

Aufmerksam auf solche Seminare werden Studenten durch markante Facebook-Anzeigen. „6000 Euro Studienkosten zurückholen?“ lautet etwa ein Werbespruch. Absender solcher Slogans sind oft die „Hochschulinitiative Deutschland e.V.“ oder das „Hochschulteam Deutschland“. Was nach universitären Vereinigungen klingt, sind in Wahrheit Plattformen, die Firmen gegen Bezahlung studentische Kontakte vermitteln und teilweise eng mit ihnen verbunden sind. Erst kürzlich ist MLP bei der Uniwunder GmbH eingestiegen, die wiederum mit der Hochschulinitiative kooperiert und noch vor einigen Monaten offiziell für die Aktivitäten der Initiative verantwortlich war. Sowohl Uniwunder als auch die Hochschulinitiative haben denselben Geschäftsführer. Das Vorgehen der Plattformen ist dabei intransparent: So erfährt man bei der Hochschulinitiative erst nach der Seminar-Anmeldung, dass MLP der eigentliche Veranstalter ist und eben keine vertrauenerweckende Hochschulgruppe.

Offenbar geht es den Finanzdienstleistern darum, inkognito Studenten anzulocken – und zwar möglichst solche, die später einmal viel verdienen. Dominik R., Masterstudent der Wirtschaftsinformatik in Leipzig, erzählt von seinen Erlebnissen bei einem MLP-Seminar: „Zu Beginn sollte jeder auf sein Namensschild schreiben, in welchem Semester er welches Fach studiert. Man hat gemerkt, dass Ingenieure für die Berater interessanter waren als beispielsweise Philosophiestudenten.“ R. hatte sich von der Facebook-Werbung angesprochen gefühlt, weil er über Steuerthemen wenig wusste und erfahren wollte, was alles absetzbar ist.

Experten schätzen Steuertipps als kurios ein

Darüber hinaus hätten die Referenten geäußert, man könne auch mal 400 Euro Bücherkosten angeben. Sollte das Finanzamt nachfragen, könne man sich vom Kumpel eine Quittung schreiben lassen. Isabel Klocke, Leiterin der Abteilung Steuerrecht und Steuerpolitik beim Bund der Deutschen Steuerzahler, findet die geschilderten Hinweise sonderbar: „Das hört sich nach kuriosen Tipps an. Falsche Belege auszustellen, ist eine Straftat. Das Finanzamt schaut sich das schon an.“ Auch Markus Hilbert, Geschäftsführer des sächsischen Steuerberaterverbands, ist verwundert. „Das deutsche Steuerrecht ist nicht dafür bekannt, zu wenig Regelungen zu treffen“, sagt er und stellt klar: „Wichtig ist, dass die dargelegten Sachverhalte den tatsächlichen Verhältnissen entsprechen. Wer bewusst unwahre Tatsachen angibt, riskiert eine Steuerhinterziehung zu begehen.“

MLP-Sprecher Frank Heinemann erwidert auf die Kritik, dass die Berater eigens für die Steuertipp-Seminare geschult würden. Zudem würde in den Seminar-Materialien explizit darauf hingewiesen, dass keine steuerliche Beratung erfolgen kann. In Bezug auf den konkreten Fall in Leipzig heißt es, dass Abweichungen von den Berater-Schulungen in Einzelfällen nicht komplett ausgeschlossen werden könnten. Heinemann sagt dazu: „Wir haben die Kritik zum Anlass genommen, unsere Berater nochmals darauf hinzuweisen, die gesetzlich zulässigen Steuertipps im Seminar maximal eindeutig zu schildern, damit kein Raum für Fehlinterpretationen entstehen kann.“

Geht es nach einem ehemaligen MLP-Berater aus Bayern, der mehrere Jahre für die Finanzberatung mit Sitz in Wiesloch tätig war, kommt es dem Unternehmen aber gerade auf diesen Interpretationsraum an: „Die Vorgehensweise in den Steuertipp-Seminaren wird systematisch vermittelt und läuft an anderen Standorten genauso ab. Studenten sollen bei der Steuererklärung möglichst fantasievoll agieren, um beim Finanzamt viel rauszuholen. Die Berater sollen durch die Tipps sympathisch und studentennah rüberkommen.“ Hört man sich unter anderen Leipziger Seminarteilnehmern und an anderen Universitäten um, wird deshalb von den gleichen dubiosen Hinweisen in den MLP-Vorträgen berichtet.

MLP geht es um Beratungsgespräche und Daten

Warum bietet MLP diese Seminare überhaupt kostenfrei an? Die Finanzberater arbeiten auf eigene Rechnung und verdienen Geld durch Provisionen, die sie etwa für den Verkauf von Versicherungen oder Vermögensanlagen erhalten. Deshalb machen die Berater mit den Teilnehmern stets individuelle Termine für die weitere Beratung aus. Unternehmenssprecher Heinemann bestätigt dies: „Natürlich geht es uns darum, Studierende bei Interesse für unsere Finanzberatung zu gewinnen.“ Ob und wann sie dieses Angebot annehmen, entschieden die Seminarteilnehmer als potenzielle Kunden aber selbst. Viel Spielraum zur Entscheidungsfindung lassen die Berater den Studenten in der Praxis allerdings nicht.

„Nach dem Seminar wird gesagt, dass für jeden ein Einzeltermin bei den Beratern eingeplant ist“, erzählt Dominik R.: „Es wurde nicht großartig gefragt, ob man überhaupt einen Termin will. Stattdessen hieß es: Wann soll dein Termin stattfinden?“ Dabei wird angeboten, eine Auflistung von steuerlich relevanten Daten mitzubringen: „Man sollte zu Hause eine Aufstellung machen: Was waren deine Einnahmen, was waren deine Ausgaben in den letzten Jahren?“ MLP-Berater verschicken eigens Excel-Sheets, in denen Studenten relevante Zahlen eintragen können – in Zweifelsfällen könnten sie ihre Gehaltsabrechnungen einfach mitbringen. Diese Angebote gingen R. zu weit, er erschien nicht zum verabredeten Termin: „Durch die Angaben gibt man viele Informationen preis. Die Berater erfahren, ob man potenziell interessant ist, ob man Geld hat oder nicht – ich versuche, mit meinen Daten vorsichtig umzugehen.“

Maximilian König

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