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Linkspartei fordert im Sächsischen Landtag: "Lehrstühle abschaffen"

Hochschulpolitik Linkspartei fordert im Sächsischen Landtag: "Lehrstühle abschaffen"

Die sächsische Linke will die Macht deutscher Professoren und Professorinnen in einem neuen Gesetzesentwurf beschneiden, die CDU hält dagegen. Dabei geht es nicht um Prestige, sondern um die prekäre Situation wissenschaftlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Will Tradtionen verabschieden: Adelheid Noack von der Linken. (Archivbild)

Quelle: Anna Flora Schade

Leipzig. Professorenverehrung, wie sie Mark Twain im Jahr 1892 in Berlin erlebte, hat Tradition in Deutschland. Von einem Festakt zu Ehren für die Professoren Virchow und Helmholtz berichtete der amerikanische Schriftsteller fast verwundert: „Alle diese aufmerksamen und verehrungsvollen Augen konzentrierten sich auf einen Punkt – den Platz an dem die Professoren saßen. Die jungen Leuten schienen sich ihrer eigenen Existenz gar nicht mehr bewusst zu sein.“ 

Sicher, ganz so pathetisch wie damals geht es heute an deutschen Universitäten nicht mehr zu. Die Stellung von Lehrstuhlinhabern ist im internationalen Vergleich aber nach wie vor mächtig. Die Forschung und die Lehre, das bin ich: Aus dieser Perspektive heraus funktionieren auch heute Institutshierarchien. Die sächsische Linke will damit nun Schluss machen: „Das Lehrstuhlprinzip (Ordinariatsprinzip) ist abgeschafft“, so lautet der Soll-Paragraph 57a des Gesetzesentwurfs, den die Linken-Fraktion Mitte August im Sächsischen Landtag zur Anhörung vorlegte.

Durchaus provokant ist diese Forderung, denn das Lehrstuhlprinzip ist in keinem Hochschulgesetz festgeschrieben, kann also formal auch nicht abgeschafft werden. Es ist vielmehr als Bruch mit einer deutschen Tradition gemeint: Professoren entscheiden hier über Institutsschwerpunkte und Forschungsinhalte, über den Umgang mit Geldern, über ihre Promovierenden - eigentlich über die komplette universitäre Forschungs- und Lehrwelt.

Professoren haben eine starke Stellung an Universitäten

Aline Fiedler, Mitglied der CDU-Fraktion im Sächsischen Landtag und Sprecherin für Wissenschaft, Kultur und Medien, hat daran nichts auszusetzen: „Die Professoren haben eine starke Stellung an den Hochschulen, aber das ist auch wichtig für Bild und Stellung der Einrichtungen im Wissenschaftssystem. Ich halte dieses Prinzip für gerechtfertigt.“ Adelheid Noack, Mitglied der Linken und seit langem aktiv im Bereich der Hochschulpolitik, findet das hingegen ganz und gar nicht. „Unter Lehrstuhlinhaberinnen sind Mitarbeiterinnen angestellt und diese Hierarchie gilt es abzubauen, um ein kollegiales Umfeld herzustellen.“

Diese Debatte ist nicht nur eine ideologische Auseinandersetzung zwischen Konservativen und Linken um berechtigtes oder nicht berechtigtes Prestige. Es geht um das Schlamassel einer ganzen wissenschaftlichen Generation, dem akademischen Mittelbau. Denn universitäre Lehre und Forschung, das sind eben nicht alleine die Professoren. Die Lehre, das sind Juniorprofessorinnen, Honorarprofessoren, außerordentliche Professorinnen, Dozenten aller Art. Und die Forschung, das sind wissenschaftliche Hilfskräfte, wissenschaftliche Mitarbeiterinnen, Promovierende und Post-Docs. Sie alle tragen den wissenschaftlichen Betrieb, fahren auf Konferenzen, veröffentlichen Artikel, melden sich in öffentlichen Debatten zu Wort – und leben zumeist unter prekären Umständen, stets in der Hoffnung, eines Tages selbst auf den Thron des Professors zu steigen. Der Weg dorthin ist entbehrungsreich und ungewiss, denn Verträge am Lehrstuhl werden oft nur semesterweise verlängert, volle Stellen sind eher selten. Karriere- oder gar Familienplanung ist unter diesen Umständen äußerst schwierig.

Dieser Missstand wird auch von der sächsischen CDU gesehen: „Prekäre Verhältnisse gefallen uns auch nicht. Aber sie sind vermutlich politisch nicht ganz auflösbar, es muss ja auch Austausch geben“, sagt Landtagsabgeordnete Aline Fiedler. Sie verweist auf sechs Millionen Euro, die unlängst im Rahmen des Programms „Starke Mitte – starke Lehre“ an die Hochschulen geflossen sind. „Und natürlich muss eine halbe Stelle wirklich eine halbe Stelle sein, da kann dann nicht einfach volle Arbeit verlangt werden.“

An einem Professorenwechsel zerbrechen Forscherkarrieren

Genau das aber habe nicht nur mit Geld, sondern mit der Macht der Lehrstuhlinhaber zu tun, erläutert Jana Rüger von der Mittelbauinitiative der Universität Leipzig. Denn Professoren seien nicht nur Mentoren und Betreuer wissenschaftlicher Arbeiten, sondern eben auch Dienstvorgesetzte. Das sei keine gute Kombination. „Da kann ein Professor oder eine Professorin natürlich gut Druck aufbauen: Wenn Sie nicht mehr Zeit im Labor investieren, sehe ich schwarz mit Ihrer Dissertation.“ So würde Promovierenden zu verstehen gegeben werden, was man von ihnen verlange. Bezahlt würden trotzdem nur 20 Stunden. Neben der unbezahlten Arbeitszeit ist die Planungsunsicherheit für viele an der Universität angestellten Forschende das größte Problem. Stellenverlängerungen hängen von den Geldern für Forschungsprojekte ab – und die von den Professorinnen.

Es gibt Fälle, in denen Verträge für Promovierende nicht verlängert wurden, allein weil das Gerücht die Runde machte, ein Professor verließe seinen Lehrstuhl. Diejenigen, die darüber berichten, wollen aus Angst um ihren Ruf nicht genannt werden. Denn wenn der Lehrstuhlinhaber geht, ist die Zukunft als Wissenschaftler oder Wissenschaftlerin schnell gefährdet. Die Universität gibt diese angehenden Wissenschaftler auf, denn ein neuer Professor will seinen eigenen Mitarbeiterstab etablieren. Die Ehemaligen stehen mit ihren begonnenen akademischen Karrieren oft ratlos da.  Ebenso wie an plötzlichen Todesfällen von Doktorvätern oder -müttern zerbrechen dann Berufsperspektiven. 

"Wir brauchen Forscher, die nicht am Geld der Professoren hängen"

„Das ist alles wissenschaftliches Potenzial, das verloren geht“, sagt Claudia Maicher, hochschulpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Sächsischen Landtag. Die Abhängigkeit der wissenschaftlichen Mitarbeiter von ihren Dienstvorgesetzten, den Professoren und Professorinnen, sei viel zu groß: „Das hemmt die Innovation. Forschungsfreiheit muss für alle gelten, nicht nur für Hochschullehrer und Hochschullehrerinnen.“ Die Grünen befürworten ein Department-Modell nach englischem und amerikanischem Vorbild, wie es von der Linken ins Gespräch gebracht wird. Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen wären dann nicht mehr über einen Lehrstuhl, sondern direkt am Institut angestellt. Professoren, die neu an ein Institut kommen, müssten die Mitarbeiter übernehmen, die da sind. Über Forschungsinhalte und -schwerpunkte würde demokratisch entschieden werden. Forschungsgruppen könnten sich so auch ohne die Leitung einer Professorin formieren.

Jana Rüger von der Mittelbauinitiative der Uni Leipzig findet gerade diesen Punkt sehr wichtig: „Wir brauchen Forscher, die nicht am Geld des Professors hängen.“ Dass Lehrstühle deswegen gleich komplett abgeschafft werden müssen, findet Jana Rüger nicht, aber „eigenständige Forschung von Nachwuchswissenschaftlern und -wissenschaftlerinnen sollte möglich sein“. Unabhängige Kostenstellen für Forschungsgruppen sind ihre erste Forderung. Eigenständige Forscherkarrieren auch ohne Professorentitel, wie sie die Linke fordern, wären in diesem Modell ebenso vorstellbar. Natürlich wäre dafür mehr Geld nötig, das aber scheint in jedem Szenario von Nöten.

Der Gesetzesentwurf der Linken muss jetzt nach der Anhörung dem Landtagsausschuss  für Wissenschaft, Hochschulen, Kultur und Medien zur Abstimmung vorgelegt werden. Sollte er dort  bestehen, wird der Landtag darüber entscheiden. Dass die Vorschläge der Linken durchkommen, ist allerdings unwahrscheinlich: Denn der Entwurf enthält nicht nur die Forderung nach einem Ende des Lehrstuhlprinzips, sondern noch jede Menge andere kleiner und großer Änderungsvorschläge: Vom Kreuzwahlrecht bis zur Zivilklausel bietet er wieder reichlich Stoff für ideologischen Debatten und Konflikte.

Anna Flora Schade

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