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Narrenfreiheit beim Leipziger Studentenfasching auf dem Prüfstand

Diskriminierungs-Debatte Narrenfreiheit beim Leipziger Studentenfasching auf dem Prüfstand

Von der Faschingsparty bis zur Hilfskraftstelle: Wie radikal darf der Kampf gegen die Diskriminierung an der Universität Leipzig sein? Bei den Kostümen wittert der Stura Rassismus und Sexismus. Die Elferräte weisen die Vorwürfe zurück.

Sexismus bei Faschingsfeiern: Der StuRa der Uni Leipzig kritisiert die Organisatoren studentischer Verkleidungspartys (Symbolfoto)

Quelle: adus12 / 422737

Leipzig. Die traditionelle japanische Geisha, der Winnetou nach Vorlage von Karl May, der Vihuela spielende Mexikaner – Narren greifen tief in die Kostümkiste, um möglichst kreativ in andere Rollen zu schlüpfen. An manchen der beliebtesten Verkleidungen stört sich der Student_innen Rat (Stura) der Leipziger Universität jedoch. Indianerhäuptling und Männerballett seien rassistisch, sexistisch, transfeindlich, beleidigend – so die Vorwürfe. Die mögliche Konsequenz: Jegliche finanzielle Unterstützung durch den Stura sowie die organisatorische Zusammenarbeit von Fachschaftsräten und Elferräten könnten in Zukunft entfallen. Der Verein Leipziger Studentenfasching hat Widerspruch eingelegt und sieht die Anschuldigungen als überzogen und anmaßend an.

Die Diskussion um Diskriminierung und „kulturelle Aneignung“ – das bedeutet, dass Menschen der Mehrheitsgesellschaft Merkmale von Minderheiten übernehmen – ist nicht neu: Langsam aber stetig schwappt die Debatte um Fairness und Toleranz vom amerikanischen Kontinent nach Deutschland. Während in den USA etliche Kostüme zu Halloween in der Kritik von Aktivisten stehen, trifft es in Deutschland die Narrenfreiheit im Fasching. „Vorurteile und Stereotype werden durch Federschmuck im Haar und Männer in Strümpfen und Kleidchen verfestigt, religiöse Symbole als exotisches Kostüm karikiert“, heißt es in einer Broschüre des Stura, in welcher Aufsätze und Artikel zum Thema Rassismus, Sexismus, Transfeindlichkeit und kulturelle Aneignung im Fasching zusammengetragen wurden.

Stura lehnt Unterstützungs-Antrag des Faschingsvereins ab

Die Anschuldigungen gegen den Leipziger Studentenfasching beginnen im Jahr 2010. Auf einem Roberto-Blanko-Plakat des BaHu-Elferrates der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) war damals ein mit schwarzer Farbe bemaltes Gesicht zu sehen. Die Beschuldigten reklamierten für sich, in Leipzig würden andere Regeln gelten, und gerieten dadurch noch heftiger in die Kritik: „Der Elferrat war sich dem Problem damals augenscheinlich wirklich nicht bewusst und hat dementsprechend unpassend reagiert“, sagt Stefan Merker, Finanzvorstand des Leipziger Studentenfaschings. In den Folgemonaten sei die Thematik jedoch sehr intensiv behandelt und aufgearbeitet worden. „Bis heute ist uns der Diskriminierungsdiskurs ein wichtiges Anliegen“, sagt Merker. Nach den Vorfällen vor sechs Jahren kam es im März dieses Jahres erneut zur Auseinandersetzung: Ein Antrag des Faschingsvereins auf Unterstützung in Höhe von 75 Euro wurde vom Stura abgelehnt. Im selben Zuge kündigte der Stura außerdem an, den Faschingsverein nicht länger finanziell und ideell unterstützen zu wollen. „Im Fasching geht es vor allem um Menschen, die der Mehrheitsgesellschaft angehören und sich Dinge zu eigen machen, die eigentlich marginalisierten Gruppen zugesprochen werden“, sagt Tarek Abdel Al Mohamed Hassan, Referent für Antirassismus beim Stura. „Diese Gruppen werden dadurch stigmatisiert und politische und religiöse Symbole entfremdet“, sagt Hassan. Der Leipziger Studentenfasching suchte das Gespräch. „Für uns war klar,dass wir diese Anschuldigungen nicht leichtfertig abtun können – weil wir zum einen für den Diskurs der Antidiskriminierung einstehen und uns darüber hinaus mit den Anschuldigungen des Stura nicht identifizieren können“, sagt Merker. In einem gemeinsamen Plenum sollte die Debatte schließlich geöffnet und die Frage gestellt werden, was an den Vorwürfen dran ist.

Der Leipziger Studentenfasching wie auch die Elferräte wollen Diskriminierung weder unbeachtet lassen noch schüren, betont Faschings-Finanzvorstand Merker. Umso härter treffen die Anschuldigungen den Verein. „Ohne sich wirklich mit uns auseinanderzusetzen, wurde die Aussage getroffen, dass jeder Elferrat des Studentenfaschings sexistisch und rassistisch sei“, sagt Josefine Kammler. Sie besetzt seit April dieses Jahres die Stelle der Antidiskriminierungsbeauftragten im Leipziger Studentenfasching – ein Posten, der als Reaktion auf die Vorwürfe eingerichtet wurde.

„Extrem emotional aufgeladen“ sei der Kampf um Fairness und Toleranz im Antidiskriminierungsdiskurs ohnehin schon, sagt Olaf Günther, der bis vor ein paar Jahren am Lehrstuhl für Ethnologie der Uni Leipzig dozierte und nun an der Palacký-Universität im tschechischen Olomouc arbeitet. Besonders im Faschings-Kontext sieht Günther die Diskussion kritisch: „Grundlage der Karnevalsidee ist seit jeher, das Unterste zuoberst zu kehren. Der Bürgermeister wird für einen Tag zum Sklaven und der Sklave für einen Tag zum Bürgermeister.“

Verkleidung stelle dabei eines der wichtigsten Mittel dar, um den Alltag zu durchbrechen, sagt Günther. „Hier zu sagen ‚Ihr macht euch lustig über‘ ist im Rahmen einer solchen Veranstaltung vollkommen fehl am Platz. Das würde heißen, man geht mit der gleichen Ernsthaftigkeit, mit der man an den Alltag herangeht, auch an die Veranstaltung. Dann kann man die Veranstaltung auch sein lassen, dann gibt es diese Umkehrung nicht mehr.“

Antidiskriminierungsreferent Hassan sagt: „Natürlich kann man keine Liste mit Dingen erstellen, die man nicht machen darf – man darf das alles, denn Menschen of Colour können weiße Menschen nicht von kultureller Aneignung abhalten.“ Der Stura wolle aber Menschen dazu anregen, zu reflektieren und sich mit gesellschaftlichen Zusammenhängen auseinanderzusetzen.

Im kommenden Wintersemester 2016/2017 werden sich der Student_ innen Rat und der Faschingsverein erneut zusammensetzen, um gemeinsam Möglichkeiten zur Sensibilisierung zu finden. Im Gespräch sind dabei vor allem sogenannte Awareness-Schulungen, die das Bewusstsein für jegliche Art von Diskriminierung schärfen sollen.

Video: Arnold Wande, Asistenz: Susi Große

Text: Nadja Neqqache

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