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Zurück in die Neunziger

VG Wort Zurück in die Neunziger

Seit Wochen streiten deutsche Hochschulen mit der VG Wort um die digitalen Nutzungsrechte von urheberrechtlich geschützten Texten. Diese sollten zum 1. Januar 2017 von den E-Learning-Plattformen verschwinden. Nun gibt es vorläufig Entwarnung.

Die beiden Studentinnen Ilka und Laura beim Kopieren in der Campus-Bibliothek.

Quelle: Christoph Schäfer

Leipzig. E-Learning-Plattformen wie „Moodle“ oder „Stud.IP“ erleichtern die Lehre und Kommunikation an Universitäten. Dozierende laden dort wissenschaftliche Aufsätze und Buchkapitel als Pflichtlektüre für Seminare und Vorlesungen hoch, Studierende können mit einem Passwort schnell darauf zugreifen. Damit sollte ab dem 1. Januar Schluss sein, die Hochschulen protestierten. Inzwischen gibt es vorläufig Entwarnung: Urheberrechtlich geschützte Texte dürfen erstmal bis zum 28. Februar im Rahmen von Lehrveranstaltungen weiterhin online verbreitet werden – was danach kommt, ist offen.

Um die digitalen Nutzungsrechte von Texten streiten deutsche Hochschulen seit Wochen mit der Verwertungsgesellschaft Wort, kurz VG Wort – einer Art GEMA für Texte, die die Interessen von Urhebern vertritt. Die VG Wort hatte zuvor mit der Kultusministerkonferenz einen neuen Rahmenvertrag verhandelt. Darin stand, dass Texte künftig nicht mehr wie bisher pauschal abgerechnet werden. Stattdessen sollten die Unis jede verwendete Textpassage einzeln an die VG Wort melden und so unterm Strich auch mehr bezahlen. Das hatte die Gesellschaft bereits 2013 vor dem Bundesgerichtshof erstritten.

Die Uni Leipzig lehnte wie zahlreiche Hochschulen bundesweit den neuen Rahmenvertrag ab. „Das hat den Druck auf die VG Wort erhöht“, sagt Professor Thomas Hofsäss, Prorektor für Bildung und Internationales an der Uni Leipzig. Denn wo keine Texte online gestellt werden, kann die VG Wort auch nichts abrechnen.

„Der neue Rahmenvertrag ist eine Katastrophe für die Digitalisierung der Lehre und ein Armutszeugnis für die Akteure, die gemeinsam eine gute Lösung aushandeln sollen“, so Hofsäss. Neben höheren direkten Kosten drohten zudem indirekte für zusätzliches Personal, denn der Vertrag sieht ein umfassendes Prüfsystem vor. Dafür müssten der VG Wort außerdem Nutzerdaten offengelegt werden, ein datenschutzrechtliches Problem.

Lasse Emcken, Referent für Hochschulpolitik beim Student_innenRates (StuRa) der Uni Leipzig kritisiert den zeitlichen und finanziellen Mehraufwand, der Studierenden durch die neue Regelung droht. Denn ein Pilotversuch an der Uni Osnabrück im Wintersemester 2014/15 ergab: Viele Dozierende stellten nur noch Literaturangaben zur Verfügung. „Das Suchen und Kopieren der Lektüre bleibt dann an den Studierenden hängen“, so Emcken. Was bisher oft zentral von studentischen Hilfskräften übernommen wird – die dafür bezahlt werden – müsste dann jeder Studierende einzeln erledigen. Die Pflichtlektüre gebe es dann wohl wie in den Neunzigern wieder als analoge Handapparate in der Bibliothek.

Der Rahmenvertrag wird nun neu verhandelt. Die Einigung sei deshalb erstmal nur vorläufig, so Hofsäss. Das Sächsische Wissenschaftsministerium teilte mit, man wolle eine neue Lösung an einzelnen Standorten testen und zum Herbst 2017 flächendeckend einführen. Bis dahin gelte „Friedenspflicht“. Das bedeutet: Digitale Semesterapparate können online bleiben, rechtliche Schritte sind in dieser Zeit nicht zu erwarten. Vonseiten der VG Wort heißt es, man wolle einvernehmlich eine „praktikable Lösung“ finden. Wie die aussehen sollte, ist für Hofsäss klar: Eine Pauschalvergütung für Online-Texte an deutschen Hochschulen auch ab Herbst 2017.

Nina Monecke

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